Wehe, es ist im Winter kalt!

Wir sprechen von gutem und von schlechtem Wetter. Diese Formulierungen führen zu einem völlig falschen Bild vom Klima. Foto: iStock

Die Wortwahl ist verräterisch. Die Kälte «erwischt uns nun im Februar», es werde «wieder bitterkalt», es drohe «Tiefkühlklima». Wie gewisse Wetterexperten und Radiomoderatoren reagieren, wenn mitten im Winter winterliche Verhältnisse herrschen – das ist bemerkenswert. Sie stellen die Aussicht auf einige kalte, aber für den Februar normale Tage als aufziehende Bedrohung dar.

Ganz anders ist der Ton, wenn es um warme Tage geht. Jüngstes Beispiel ist der Januar. Mit Abweichungen von vier bis fünf Grad im Flachland gegenüber der Norm ist die diesjährige Ausgabe der wärmste Januar seit Messbeginn gewesen. An manchen Standorten sind die bisherigen Rekorde geradezu pulverisiert worden. Ausdruck des Klimawandels?

Gutes und schlechtes Wetter: Die Macht der Sprache

Was für eine lästige Frage! Seien wir doch positiv!, zwitschert es tagaus, tagein aus dem Radio und über andere Kanäle: keine vereisten Strassen, kein Pflotsch, dafür sonnenbaden über Mittag – endlich Frühlingsgefühle! Und wer Winter will, kann ja in die Berge fahren; dort liegt so viel Schnee wie schon lange nicht mehr. Wo ist eigentlich das Problem?

Das Problem: Es steckt in der Art der Kommunikation. Diese Zweiteilung in gutes und schlechtes Wetter lässt sich leicht als Nebensächlichkeit abtun. Doch damit erhält das Phänomen nicht jene Bedeutung, die es verdient. Die Sprache ist ein mächtiges Werkzeug. Worte beeinflussen unser Denken und Handeln, unsere Erinnerung und Gefühle. In unseren Köpfen schaffen sie gedankliche Deutungsrahmen, welche die eigene Weltsicht strukturieren.

Das beste Beispiel ist der Frühling

Wird nun einerseits schlechtgeredet, was kalt, nass und windig ist, und andererseits zelebriert, was warm, trocken und sonnig ist, entsteht ein neues Wertesystem für das Klima – ein System, das sich durch ständige Wiederholung verfestigt. Das hiesige Klima mit seinem typischerweise ​wechselhaften Charakter wird so zur Zumutung.

Trefflich zeigt sich das jeweils im Frühling. Sonnig und warm soll dieser gefälligst sein. Ist er es nicht, setzt das Wehklagen jeweils ziemlich schnell ein – obschon Regen und kühle Temperaturen zum Wesen dieser Jahreszeit gehören. Entlarvend ist auch hier die Wortwahl: «Der Frühling macht Pause», «Petrus vermiest uns die Ostern», «Wo bleibt nur der Frühling?» Solche Formulierungen, ungezählte Male gehört, gelesen und selber gesagt, zementieren in den Köpfen ein völlig falsches Bild vom Klima bei uns.

Weit weg von der eigenen Realität

Diese Entwicklung ist gefährlich. Geht das Gefühl für das Normale verloren, verwischt sich die Grenze zum Aussergewöhnlichen. Der Klimawandel, dieses​ riskante, vom Menschen befeuerte Experiment, verblasst so in der Wahrnehmung, wird zum Hintergrundrauschen, entkoppelt von der eigenen Lebensrealität.

Ins Bewusstsein dringt ​er höchstens​ noch, wenn er in Zusammenhang mit Naturkatastrophen gebracht wird – als Medienspektakel, erlebt aus gefahrloser Distanz. Murgänge, Überschwemmungen, Dürre: Man liest darüber, findet es vielleicht etwas besorgniserregend, man ​legt die Zeitung beiseite, tritt vors Haus. Und ärgert sich – weil es weder warm noch sonnig ist.​