Der lange Schatten der Karin Keller-Sutter

Wenige haben so treue Verbündete wie sie: Karin Keller-Sutter. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Für die Bundesratswahl am 20. September kandidieren: Ignazio Cassis, Isabelle Moret, Pierre Maudet. Es kandidiert nicht: Karin Keller-Sutter. Und doch konnte man zuletzt mit kaum einem Parteistrategen über die Bundesratswahlen reden, ohne dass das Gespräch nicht nach einigen Minuten zuverlässig auf die FDP-Ständerätin aus St. Gallen kam. Wenige im Bundeshaus haben so treue Verbündete, vor wenigen fürchten sich ihre Gegner mehr. Keller-Sutter prägt die Planspiele beider Lager.

Man sah das in der Art und Weise, wie die Linke von der FDP schon früh eine Frauenkandidatur forderte. Was dabei nie gesagt wurde, aber immer mitschwang: Wird für den abtretenden Didier Burkhalter nun eine Freisinnige aus der Romandie gewählt, wäre die Frauenfrage bei der FDP fürs Erste geklärt. Mit einer Politikerin, die den Linken vom Profil her besser passt als Keller-Sutter, die sie bei ihrer ersten Kandidatur vor sieben Jahren mehrheitlich nicht wollten. Zu rechts, zu geschliffen war den Linken die damalige Regierungsrätin.

Freie Bahn für Keller-Sutter

Man sieht das aber auch in den FDP-internen Diskussionen um die Frage, ob die Fraktion ein Zweier- oder ein Dreierticket für die Bundesratswahl aufstellen soll. Manche Keller-Sutter-Fans in der Fraktion wünschen sich ein Zweierticket mit Ignazio Cassis und Pierre Maudet, eine reine Männerauswahl also. Dann wäre nach Johann Schneider-Ammanns Rücktritt eine FDP-Frau so gut wie gesetzt: freie Bahn für Keller-Sutter. Die gleiche Überlegung machen sich einige freisinnige Frauen, die trotz öffentlicher Unterstützung für Isabelle Moret lieber die St. Gallerin im Bundesrat hätten.

Ihnen gegenüber stehen die Interessen jener freisinnigen Männer, denen selber Ambitionen nachgesagt werden, Bundesrat zu werden; es sind Männer wie der Bündner Ständerat Martin Schmid. Sie haben ein Interesse daran, dass Moret auf das freisinnige Ticket zuhanden der Bundesversammlung gelangt. Wird die Waadtländerin vom Parlament gewählt, steigen bei der nächsten freisinnigen Vakanz die Chancen für einen Mann.

Will sie überhaupt?

All diese Gedankenspiele gehen davon aus, dass Karin Keller-Sutter tatsächlich Bundesrätin werden will. Sicher ist das nicht. 2015 liess sie sich mit der Aussage zitieren: «Eine zweite Kandidatur kommt für mich nicht infrage. Ich werde meine Meinung nicht ändern.» So deutlich redet sie heute nicht mehr. Sie weiss, wie gross die Erwartungen in der Ostschweiz sind, dass sie noch einmal antritt. Sie weiss auch, dass sich seit ihrer letzten Kandidatur einiges verändert hat: Als Ständerätin ist ihre Lobby viel grösser als damals.

Zu den Bundesratswahlen will sich Keller-Sutter derzeit nicht äussern. Nicht zu ihren persönlichen Ambitionen. Und auch nicht zur Frage, wen sie von den jetzigen Kandidaten unterstützt (worauf man wiederum etwas über ihre eigenen Absichten hineinlesen könnte). Denkt man zurück an die fast hysterischen medialen Reaktionen auf die Nullaussage von Doris Leuthard, dass sie keine weitere Legislatur anstrebe, ist das sogar verständlich. Eine Wortmeldung von Keller-Sutter würde wohl einiges auslösen. Bei ihren Unterstützern – und bei ihren Gegnern.