Oje, das Pferd ist verschnupft 

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Problem oder Überdosis Mitleid: Derzeit stossen wir auf seitenlange Berichte von verschnupften Pferden. (Foto: Getty Images)

Jetzt haben die Rösser also auch noch die Druse. Hat offenbar etwas mit Drüsen zu tun, verursacht grüngelben Schleim und ist – je nach Quelle – ganz schlimm, halb schlimm, gar nicht schlimm.

Die Druse ist schuld, dass wir auch heute, über einen Monat nach der zufälligen Entdeckung des Ortes namens Hefenhofen durch den «Blick», immer noch Schauergeschichten aus dem hinteren Thurgau hören. Beim «Blick» scheinen sie nun einen Pferderedaktor zu haben, der sich vollamtlich um das Schicksal der thurgauischen Rösser kümmert. Im Fernsehen ist der Kommandant des «Armee-Tier-Kompetenzzentrum» ein gern und oft gesehener Gast geworden.

Tierschutzorganisationen verschicken Medienmitteilungen mit schwer erklärbaren Anschuldigungen: Es geht um Zuchtreinheit und die Freiberger im Jura und natürlich auch um Hefenhofen. Wahrscheinlich gab es auch eine Extraausgabe von «Wendy», aber die haben wir verpasst.

Die grosse Druse-Aufklärung

Nach der schweizweit live übertragenen Verkaufsaktion der misshandelten Tiere dachte man: Okay, das sollte es jetzt wahrscheinlich gewesen sein mit den Nachrichten über Rösser.

Versteigerung der misshandelten Pferde aus Hefenhofen. (Foto: Keystone)

Doch dann kauften all die Tierschützer die Pferde, und das war auch nicht recht, und es gab wieder Analysen und Kommentare und Einschätzungen. Jeder, der schon einmal ein Pferd aus der Nähe oder aus der Ferne oder vielleicht auch nur auf einem Bild gesehen hatte, bildete sich eine Meinung und verbreitete diese.

Glückliche Lokalredaktoren spürten in ihrer Heimat jenen Hof auf, der tatsächlich zwei Pferde aus der Aktion ergattert hatte, und schrieben dann grosse Porträts über die «stattlichen Wallache», die nun «dankbar dem Stall entgegentrotten»: Du glückliches braunes Tier. In Leserbriefen wurde die Bibel bemüht: «Die Tiere sind den Menschen anvertraut. Wir sollen sie gut behandeln und für sie besorgt sein.» (Sprüche 12, 10) und jetzt, natürlich, die grosse Druse-Aufklärung. Was ist das? Was heisst das? Ist es heilbar?

Ganz ehrlich, liebe Öffentlichkeit: Es reicht mit diesen Pferden. Ja, es ging ihnen nicht gut, und die kantonalen Behörden haben nicht richtig gehandelt und ja, es war wahrscheinlich schon richtig, hat man all die «staatlichen Wallache» und die «schönen braunen Tiere» aus ihrer Not gerettet (für etwas ist die Armee ja schliesslich da). Doch nun ist es genug. Es sind Pferde. Es sind Nutztiere. Es sind Tiere. Es geht ihnen gut jetzt, die Druse wird sie nicht umbringen.

Fleischverzehr versus Mitleid

Lasst sie in Ruhe, die Pferde. Und uns genauso. Als die Krise noch eine Krise war, hat man das Dilemma zwischen unserem masslosen Fleischverzehr und dem Mitleid für die misshandelten Tiere noch glaubhaft ausblenden können. Jetzt ist es nur noch komisch, wenn uns seitenlange Berichte über Pferde serviert werden, die sich etwas verschnupft haben. «Wenn die Infektion nicht in Zusammenhang mit Hefenhofen stehen würde, würde das mediale Echo gegen null tendieren», sagte der St. Galler Kantonstierarzt Thomas Giger in einem Interview mit dem «St. Galler Tagblatt».

Was Giger auch sagte: Vielleicht wäre es schlauer gewesen, die Tiere nicht an die Meistbietenden zu verkaufen, sondern via private Grosshändler. Auf den Einwand, dass so nicht alle Tiere einen Abnehmer gefunden hätten, sagte er: «Dann hätte es aber immer noch den Schlachthof gegeben. Hätte es sich um Rinder gehandelt, wäre dies kein Problem gewesen.»