Fetisch Effizienz

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Keine Warnung vor B-Movies: Kennzeichnung des Energieverbrauchs auf einem Fernsehgerät. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Vor zehn Jahren begegnete mir im «Tages-Anzeiger» in einem Gastbeitrag zweier Energieökonomen erstmals ein Begriff, der seither eine bemerkenswerte Karriere erlebt hat: «Rebound». Damit bezeichnet die Energieökonomie Phänomene, die dazu führen, dass nicht automatisch Energie spart, wer die Energie effizienter nutzt. Werden Lampen doppelt so effizient, spart man deswegen nicht die Hälfte der Beleuchtungsenergie, sondern man lässt die Lampen länger brennen, da das Licht ja nun weniger kostet («direkter Rebound»). Oder man spart tatsächlich Energie und damit auch Geld, gibt das gesparte Geld aber für etwas anderes aus – was wiederum Energie verbraucht («indirekter Rebound»).

Umweltschutz trifft Kapitalismus

Dass es so etwas wie Rebound gibt, leuchtet sofort ein und ist keine neue Erkenntnis. Doch vor zehn Jahren war das Konzept selbst in Fachkreisen erstaunlich unbekannt. Die meisten Energieprognosen taten so, als liessen sich Effizienzsteigerungen eins zu eins in Ersparnisse umsetzen. Der Bericht des UNO-Gremiums für den Klimawandel (IPCC) von 2007 erwähnt Rebound zwar in Fussnoten, berücksichtigt ihn aber nicht in seinen Szenarien. Zu sehr kratzte das Konzept an einem Fetisch der Energiepolitik. «Energieeffizienz»: So hiess und heisst immer noch die grosse Verheissung, sparen zu können, ohne sich materiell einschränken zu müssen. «Faktor vier: Doppelter Wohlstand – halbierter Naturverbrauch» hiess ein Bestseller unter den Umweltbüchern der 1990er-Jahre. Beim Thema Effizienz trifft der Umweltschutzgedanke auf die kapitalistische Steigerungslogik. Heute wird Rebound zwar immer noch häufig ignoriert – allzu attraktiv ist die grosse Verheissung, um sie einfach aufzugeben –, aber unter Fachleuten ist das Konzept doch gut eingeführt.

Ich muss sagen, dass mich das Thema mittlerweile ein bisschen langweilt. Niemand bestreitet mehr ernsthaft, dass es Rebound gibt. Es gibt zahlreiche empirische Studien zum Thema, aber exakt wird man den Effekt nie messen können. Wie er sich verhindern liesse, ist simpel deshalb und etwas langweilig: Der Versuch, die Nachfrage zu senken, unterliegt dem Rebound; gelangt aber Energie, die nicht verbraucht werden soll, gar nicht als Angebot auf den Markt, kann es auch keinen Rebound geben. Man kennt das Kinderspiel mit den Brunnen, die aus mehreren Rohren Wasser speien: Hält man ein Rohr zu, speien die anderen Rohre umso mehr. Will man den Durchfluss drosseln, muss man am Hahn der Zuleitung drehen.

Was gegen Effizienz spricht

Es gibt andere – und wichtigere – Gründe als Rebound, den Fokus der Umweltpolitik auf Effizienzsteigerungen zu kritisieren:

  • Effizienz ist ein lebensfeindliches Prinzip. Gewiss soll man effizient erledigen, was man nicht gern tut. Aber das Leben selbst «effizient» zu leben: welch schrecklicher Gedanke! Jede Kultur kennt Rituale der Verschwendung – also der ineffizienten Ressourcennutzung –, und selbst Leute, die in Armut leben, schnallen lieber ihren engen Gürtel noch ein wenig enger, um dann dafür mal über die Stränge schlagen zu können. Eine Welt, in der man materiell auf nichts verzichten müsste, in der aber alles und jedes dem Effizienzdiktat unterläge, ist eine Schreckensvision.
  • Effizient ist es, genau das zu tun, was den höchsten Ertrag abwirft. Deshalb führt eine Effizienzmaximierung zu Monokulturen. Aber monokulturelle Systeme kollabieren bei äusseren Störungen leicht: Sie sind nicht resilient. «Resilienz» heisst die Fähigkeit von Systemen, auf Krisen zu reagieren. Angesichts ökologischer Krisen muss die Gesellschaft resilienter werden. Resilienz braucht Vielfalt und Redundanz. Vielfalt und Redundanz sind nicht effizient.
  • Sieht man die gegenwärtigen Umweltprobleme, so bewegt sich die Menschheit in vielem in die falsche Richtung. Steigert man nun die Effizienz, kann man etwas länger in diese Richtung gehen, bevor es knallt. Not tut aber eine gesellschaftliche Transformation. Dabei ginge es nicht zuletzt darum, zu einer Lebenshaltung zu finden, die es nicht als ein Ziel betrachtet, stets das Maximum aus allen Dingen herauszuholen.