Gesucht: Die neue «Arena»

Ist diese Form passé? Links die Befürworter, rechts die Gegner in der Abstimmungs-Arena zur Unternehmensteuerreform III. Foto: Screenshot SRF

Ist diese Form passé? Links die Befürworter, rechts die Gegner in der Abstimmungs-«Arena» zur Unternehmensteuerreform III. Foto: Screenshot SRF

Die drei «Arena»-Sendungen über die drei Vorlagen, die am 12. Februar zur Abstimmung gelangen, brachten es an den Tag: Es braucht eine neue «Arena», einen Polit-Talk, der mehr ist als eine Auseinandersetzung zwischen Befürwortern und Gegnern, der mehr ist als das Präsentieren von Erklärstücken, der mehr ist als konfrontative, kontrovers geführte Interviews mit zwei der Protagonisten, der schliesslich mehr ist als ein kleiner Ausflug in die Welt der neuen Medien.

Die mehrheitlich gebührenfinanzierte SRG hat mehr zu bieten, muss mehr bieten; sie hat den Vorlagen gerecht zu werden. Sie hat die Widersprüche in den Vorlagen aufzuklären, die Schwachpunkte der Vorlagen auszuleuchten, die Statements der Protagonisten im Studio zu hinterfragen, auf ihre Faktentreue in der Sendung zu überprüfen.

Wissen Sie noch?

Ich weiss, diese Ansprüche sind schnell hingeschrieben. Ich war selber während beinahe 25 Jahre mitten drin, in der SRG. Wir haben vieles und immer wieder Neues ausprobiert. Wer erinnert sich noch an die Sendung «Tatsachen und Meinungen», die jeweils am Sonntagabend um 18 Uhr ausgestrahlt wurde? Wer erinnert sich noch an die Sendung «Zur Sache», am Sonntagnachmittag um 13 Uhr im Programm? An den ersten Einbezug der Zuschauer übers Telefon, an die Telefonredaktion, die Telefonanrufende auswählte und in die Sendung einschaltete. Oder wie war das schon wieder mit der Freitagsrunde, die zum ersten Mal am Freitagabend, nach der Wirtschaftssendung «Netto» um 22.25 Uhr ins Programm kam. Allen war eines gemeinsam: Im Studio sassen jeweils vier Parteienvertreter.

Die erste Ausgabe 1997: Streit um Tempo 30 mit dem damaligen Moderator Filippo Leutenegger. Foto: SF DRS

Die «Freitagsrunde» hatte es schwer, zu langweilig, zu bieder, des schwarzen Tischs wegen zu düster, so das interne Fazit. Eine neue Sendung musste her. Am 23. August 1993 war es so weit: Die «Arena» flimmerte erstmals über den Sender mit Filippo Leutenegger, der sie zur Blüte führte. In der Zwischenzeit sind einige Moderatoren gekommen und wieder gegangen, alle versuchten durch Retuschen an den Anfangserfolg anzuknüpfen, vergeblich. Die Zuschauer-Ratings begannen zu sinken. Und immer noch, wie am letzten Freitag, stehen jeweils zwei Vertreter der beiden Positionen sich gegenüber, wie schon vor 50 Jahren bei «Tatsachen und Meinungen».

Das neue Konzept

Nach beinahe 25 Jahren «Arena» ist es also wieder einmal Zeit, Neues zu wagen. Die Verwirrung hat der Klarheit zu weichen. Der konfrontative Meinungsaustausch unter den jeweils zwei Vertretern der Pro- und Contra-Seite hat sich schlicht überlebt, er ist über Bord zu werfen. Denn er ist meistens geprägt von Schlagworten, vom Kampf um das Wort, vom bewussten, unnachgiebigen Dreinreden, das die Verständigung enorm stört und zur totalen Verwirrung beiträgt. Der jeweilige Schlagabtausch wird dominiert von Tatsachenbehauptungen, die in der Konfrontation weder geklärt noch hinterfragt werden können, ohne dass der Moderator den Streit unterbricht und die Behauptungen in Fragen zu klären versucht. Damit ist der Moderator schlicht überfordert, weil seine Fragen meistens übergangen werden, ihnen hartnäckig ausgewichen wird oder, in der letzten Zeit, gar mit Gegenfragen reagiert wird.

Und so könnte ein neuer Versuch – zumindest bei Abstimmungsvorlagen – gestartet werden: Zum Auftakt wird die Vorlage zügig auf den Punkt gebracht. Die jeweiligen nur noch zwei Protagonisten bringen in kurzen, zeitlich klar limitierten Statements abwechslungsweise ihre wichtigsten Argumente für oder gegen eine Vorlage ein. Der Moderator wacht über Zeit und Inhalt, fragt bei überbordenden Propaganda-Statements nach. Die im Studio anwesende Redaktion «Fakten-Check» überprüft die dargelegten Argumente auf ihren Wahrheitsgehalt. Bis zum Vorliegen des Checks werden die Protagonisten mit Fragen aus dem ausgewählten, dafür vorbereiteten Publikum und den Fragen aus sozialen Medien konfrontiert. Zum Schluss haben sich die Protagonisten dem Fakten-Check des Co-Moderators zu stellen.

Das sich Lösen vom gängigen, unergiebigen Streit ist schwierig. Zu lange, seit über 50 Jahren, glauben die TV-Moderatoren und die Fernsehverantwortlichen, dass ein lauter Streit die Attraktivität einer Sendung zu steigern, die Zuschauerschaft zu fesseln vermag. Ein Abschied davon, zumindest ein Versuch, würde sich sicher lohnen. Nur Mut.