Wir Schafe

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Der Zeitgeist einer Schafsherde: Wir gewöhnen uns an viel zu viele Dinge – viel zu schnell. (iStock)

Beim Aufräumen während der toten Zeit zwischen den Jahren stolperte ich über einen alten Text mit dem Titel: «Tod und Hass dem Swisspass». Was habe ich mich damals aufgeregt über dieses unausgegorene Produkt, diese unanständige Halbfertigkeit, diesen Datenkraken und diese Virenschleuder. Darüber, dass man jetzt als Berufspendler jeden Tag zweimal eine Karte aus seinem Portemonnaie hervorklauben und dem Kondukteur in die Hand drücken muss. Verflucht seid ihr, SBB!

Heute, drei viertel Jahre später, bin ich ein Schaf unter vielen. Grüezi, hier bitte, ja danke und einen schönen Tag. Ich reiche die verdammte Karte gedankenlos dem Zugbegleiter hin und habe mich nicht nur daran gewöhnt, ich bin sogar dankbar, wenn es nicht zu lange dauert.

Das ist der Zeitgeist: Wir gewöhnen uns an viel zu viele Dinge viel zu schnell. Wir schrauben unsere Erwartungen so tief nach unten, dass wir selbst grösste Ungeheuerlichkeiten plötzlich «gar nicht mehr so schlimm» finden. Oder sogar gut. Der Swisspass ist dabei nur das harmloseste Beispiel.

Grössere Ungeheuerlichkeiten

Wer regt sich noch auf, wenn in der «Weltwoche» zum hundertsten Mal ein verquerer historischer Vergleich gezogen wird? Seit wann ist es gleich viel wert, was traditionelle Medien und irgendwelche Hassblogs von sich geben? Warum mögen plötzlich so viele Wladimir Putin?

Warum fühlt es sich fast schon normal an, wenn der gewählte Präsident der USA per Twitter Unflätigkeiten verbreitet? Und sind wir ernsthaft schon zufrieden, wenn Trumps Kabinett nur zur Hälfte aus rechtsextremen Hasspredigern und Milliardären (von wegen Anti-Elite) besteht?

Warum schafft es eine Stadt wie Zürich mit einer 95-prozentigen links-grünen Mehrheit in der Regierung nicht, anständige Velowege zu bauen? Warum sind die gleichen Zürcher zufrieden, wenn ihr Club in der zweiten Liga mediokre Feierabendfussballer schlägt? Warum werden wir alle ganz aufgeregt, wenn Roger Federer wieder einmal ein dreissigminütiges Training durchgestanden hat? Was ist das für ein Schwärmen vom Winter, wenn draussen nur ein armseliges Schäumchen liegt? Und warum akzeptieren wir Updates, die so nötig sind wie eine dritte Brustwarze? (Aus eigener Betroffenheit: Das neueste Update der Schweizer Mediendatenbank, eines der wichtigsten journalistischen Arbeitswerkzeuge, muss in einer IT-Hölle tief im finsteren Osten entworfen worden sein. Es ist ganz, ganz schlecht.)

Was wir normal finden

Warum freuen wir uns wie verrückt, wenn ein Rechtsextremer in Österreich das absolute Mehr um nur zwei Prozent verpasst? Wo bleibt der Aufstand, wenn Gölä sein nächstes überflüssiges Album im «Blick» über eine ganze Seite mit seinem ganz eigenen Dreck auf der Zunge bewerben darf? Seit wann kann man Autos nur noch per Computer reparieren? Warum ist es normal, dass man ein Handy jeden Tag zweimal aufladen muss? Und ist es wirklich Gottes Gesetz, dass man in einer Kantine nur dünnen Kaffee bekommt?

Wir müssen uns dringend darüber unterhalten, was wir normal finden. Wir müssen an unseren Erwartungen arbeiten. Ich für meinen Teil werde den nächsten Kondukteur extrem böse ansehen. Und ihm dann sehr freundlich meinen Swisspass darreichen.