Das vergessene Zürcher Jubiläum

Venedig lässt grüssen: Willi Walters Modell eines verkehrsfreien Sechseläutenplatzes von 1988. Foto: Keystone

Venedig lässt grüssen: Willi Walters Modell eines verkehrsfreien Sechseläutenplatzes von 1988. Foto: Keystone

Weil die Zeit rast und jüngere Politiker meist nicht mehr wissen, was ihre Vorgänger geleistet haben, ist ein wichtiges Zürcher Jubiläum in diesem Jahr nicht gefeiert worden: 20 Jahre Historischer Kompromiss. Er hat die Grundlagen für das heutige Zürich geschaffen, für den Fuss- und Strassenverkehr und den grössten innerstädtischen Platz der Schweiz, den Sechseläutenplatz am Bellevue.

Es war die Verkehrskommission des Zürcher Gemeinderats unter Leitung des linken SP-Urgesteins Bruno Kammerer, die in zehnjähriger Kleinarbeit die Voraussetzungen dafür schuf, dass das Zürcher Volk 1996 dem Parkplatzkompromiss für die Zürcher City zustimmte. Damit war der Weg frei zur Gestaltung des heutigen Sechseläutenplatzes, der Kulturinsel Gessnerallee und vieler anderer wichtiger Verkehrslösungen in Zürich. In einer Reihe geheimer Treffen mit Vertretern der Zürcher Wirtschaftsverbände und einigen Mittagessen mit der seinerzeit mächtigen City-Vereinigung Zürcher Unternehmer hat der in Aussersihl geborene und aufgewachsene Kammerer deren Einverständnis zum Historischen Kompromiss gewonnen. FDP und CVP, die zuvor alle «linken Lösungen» bekämpft hatten, stiegen ein ins Boot.

Entscheidender Partner

Ein besonderes Verdienst hat in diesem Zusammenhang Gabriel «Gabi» Marinello, ein bodenständiger Gemüsehändler italienischer Herkunft, der zusammen mit Bruno Kammerer eine Achse bildete, die im Ristorante Piccoli Academia gefestigt wurde. Marinello, der als damaliger Präsident der Zürcher City-Vereinigung beweglicher war als die sonst militärnahen Zürcher Justizen, bot die Hand zum Kompromiss.

Für die Verkehrskommission des Gemeinderats war das Tiefbaudepartement mit FDP-Stadträtin Kathrin Martelli der entscheidende Partner in der Stadtverwaltung Zürich. Ohne diese vertraulichen Übereinkünfte mit der Wirtschaft als Humus der dann folgenden politischen Beratungen hätte der Sechseläutenplatz nicht neu gestaltet werden können.

Wenn Alt-Stadtpräsident Elmar Ledergerber sich nun, 20 Jahre später, diese Blume ins Knopfloch stecken will, liegt er falsch. Als Engelberger Klosterschüler war er Anfang der 70er-Jahre in der SP-Sektion Zürich 6 in die Zürcher Politik eingestiegen, hatte für «Grün» plädiert und die «Roten» als Ewiggestrige markiert, als Stadtrat dann aber gegen die «Grünen» entschieden. Eigentlich hätte er in den Landesring gehört.

Geschichte des Bellevue

Es war Stadtingenieur Arnold Bürkli, der als Erster den Seeanstoss der Stadt thematisierte. Die Planung des Bundes für Eisenbahnlinien entlang des Seeufers hatte er mit der Organisation von Bürgeraufständen bekämpft und damit vorerst den Zugang zum Wasser freigehalten. Daraus entstanden die heutigen Seeanlagen und der Bürkliplatz. Später schnitt dann der Autoverkehr die Stadt sehr weitgehend vom Wasser ab. In den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts propagierte der Architekt Werner Müller («Seepark-Müller») einen Seetunnel. Max Frisch unterstützte den Seeanstoss der Stadt mit ganzseitigen Artikeln in den Zeitungen («Ein Kopf für Zürich»). Die Idee versandete, nicht zuletzt wegen der Person Werner Müller.

Im Referendums-Abstimmungskampf um das Parkhaus «Zum Raben» an der Zürcher Schifflände im Jahr 1970 wurde von neuem der Seeanstoss der Stadt gefordert. Der Kunsthistoriker Hanspeter Rebsamen thematisierte das Anliegen 1972 in einer Ausstellung des Stadtplanungsamtes Zürich.

1985 stellte Stadtpräsident Thomas Wagner das Projekt des Architekten Willi Walter für einen Zürcher «Markusplatz» vor, einen Sechseläutenplatz direkt am Wasser. 1992 erarbeitete die Verkehrskommission des Gemeinderates ein Projekt für einen grossen Sechseläutenplatz, einschliesslich Stadelhoferplatz, direkt am Wasser – mit Tieflegung des Autoverkehrs rund um das Seebecken. Die Zeitungen berichteten ganzseitig. Was fehlte, war eine breite Übereinkunft und das Vertrauen der politischen Parteien in das Projekt.

In der Folge erarbeitete die Verkehrskommission den Historischen Kompromiss, der 1996 mit einem Volks-Ja angenommen wurde.