Zwei Sorten von Schnäbis

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Wieder ging es um Penisbilder: Anthony Weiner mit seiner Frau Huma Abedin im Dokumentarfilm «Weiner». Foto: PD

Eine Kollegin von mir hat es gesehen, das erigierte Glied von Geri Müller. Ein ziemlich exklusives Vergnügen. Denn das Erstaunliche an dieser «Geri-Müller-Affäre» vor zwei Jahren ist nicht, dass ein Politiker (ein Mann!) seinen Penis fotografiert und diesen in der Welt herumschickt. Nein: Erstaunlich am Schnäbi-Bild von Müller ist unser diskreter Umgang damit. Was privat ist, bleibt in der Schweiz privat.

Was privat ist, bleibt in der Schweiz privat: Geri Müller. Foto: Sigi Tischler (Keystone)

Was privat ist, bleibt privat: Geri Müller. Foto: Sigi Tischler (Keystone)

Diese Woche erhielt Müller, Stadtpräsident von Baden, 16’000 Franken Entschädigung von seiner ehemaligen Chatpartnerin zugesprochen, die nun rechtskräftig wegen versuchter Nötigung, übler Nachrede und Beschimpfung verurteilt ist. Und erst vor einem Monat hat der Presserat die «Schweiz am Sonntag» gerügt: Deren Skandalisierung der Affäre sei nicht gerechtfertigt gewesen. Der Presserat erkennt «kein öffentliches Interesse an einem Bericht über die erotische Chat-Beziehung des Politikers».

Würden Journalisten in New York das Urteil des Presserats lesen (was sie eher nicht tun), müssten sie wohl ziemlich lachen. Seit gut fünf Jahren streiten die Boulevard-Blattmacher in den USA darum, wer den besten Penis-Scherz über den ehemaligen Kongressabgeordneten Anthony Weiner macht. Weiner (was fast gleich tönt wie das englische Wort für… Sie ahnen es) hat ebenfalls seinen Penis fotografiert und – im Gegensatz zu Müllers Gemächt –, man konnte sich in den USA vor den Bildern und Nachrichten, die Weiner an diverse Partnerinnen verschickt hatte, kaum retten. Jeder Tweet, jedes anzügliche SMS, jede erotische Chatnachricht wurde dem amerikanischen Publikum – NEWS ALERT – auf den Bildschirm geliefert.

Der mediale Umgang mit den Bildern ist der eine Unterschied zwischen der Schweiz und den USA. Der andere ist der Politiker selbst. Weiner, der mit Huma Abedin verheiratet ist, einer der wichtigsten Beraterinnen von Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton, flüchtete nach vorne. Zwei Jahre nach dem ersten Skandal bewarb sich Weiner als Bürgermeister von New York – und liess sich dabei filmen. Mitten im Wahlkampf wurde dann der zweite Skandal öffentlich, wieder ging es um Penisbilder, und wieder war Weiner vor allem eines: schmerzfrei. Die Filmer durften bleiben, immer. Sie waren dabei, als Weiners Frau sich für die Pressekonferenz nach dem Skandal vorbereitete. Beim entscheidenden Anruf des Kampagnenmanagers («It’s over»). Bei der demütigenden Hetzjagd durch einen Fast-Food-Laden, als Weiner vor einer seiner Chatpartnerinnen flüchten musste.

«Weiner», so heisst der Film, ist wohl eines der faszinierendsten Dokumente über amerikanische Politik aller Zeiten. Besser als «House of Cards» und «West Wing» – und erst noch echt. Man kann nicht wegschauen, und man kann es gar nicht glauben. Was muss in dieser Frau, der Nummer 2 in Clintons Wahlkampfteam, vorgehen? Warum tut sie sich das an? Warum macht er immer weiter? Warum ist er uns auch noch sympathisch?

Eines der faszinierendsten Dokumente über amerikanische Politik aller Zeiten: «Weiner». Trailer: IFC Films (Youtube)

Der Schweizer Umgang mit Politikern, die im Privaten Misstritte begehen, mag der anständige und richtige sein. Einen Film mit dem Titel «Müller» wird es kaum je geben. Nach den 90 Minuten «Weiner» ist man versucht zu sagen: schade eigentlich.

12 Comments sur «Zwei Sorten von Schnäbis»

  • Paul Meier says:

    Kleine Korrektur – ein Schnäbi ist ein “Wiener”, nicht ein Weiner, aber das ist so ein kleiner Unterschied, dass sie der New Yorker nichts draus macht… ( wird auch wie bei uns gebraucht – “Wiener” gleich Wienerli)…

  • Meyer J. says:

    Nun, es ist relativ einfach. Weiner ist im Gegensatz zu seinem Namen eben keine Mimose und kein Waschlappen. Er ist ein Mann mit “Cojones”. Der sog .Politiker G.M. aus Baden ist das pure Gegenteil…

    • sepp z. says:

      Meyer, Männer mit Cojones sind bei uns in der Schweiz verpönt. Hier wollen die Frauen, die Politiker und die Presse nämlich Männer und Buben die sich geben wie Frauen oder Mädchen mit Schnäbis. Umerziehung lautet das Stichwort.

      (allerdings gibt es dann manch eine Feministin, die angelt sich im Geheimen einen stattlichen Kubaner oder Kenianer, der ihr sagt wos durch geht…)

    • Emil Eugster says:

      Mit Anderen Worten interessiert es sie nicht für was ein Politiker steht und wofür er sich einsetzt, sondern nur wie breitbeinig er sich präsentiert?

    • Hans Hasler says:

      Na ja, die echten Waschlappen bei der Geschichte sind all die Heuchler, die bei Geri gleich die Kriese kriegen. Was ein Sexchat? Während der Arbeitszeit! (wie wenn ein Stadamman eine Stempeluhr hätte) Und in Amtsräumen!!!!

      Kriegt euch wieder ein. So tragisch ist das nun wirklich nicht.

    • Monique Schweizer says:

      Meyer: Geri Müller hat doch “Cojones” – er hat seine ganzen versammelten Intigrantenfeinde – den alten Juden, den PR-Heini und den Schmierenjourni mitsamt seiner rachsüchtigen publicitygeilen Ex-Chatpartnerin doch ziemlich abgeputzt und vor Gericht seine Genugtuung bekommen.
      Und Müller ist immer noch im Amt im Gegensatz zu Weiner, der immer wieder mal über seinen Wiener gestolpert ist.
      Von dem her hat Müller einiges mehr an “Cojones” um seinen “Wiener”!

  • Lahor Jakrlin says:

    Nicht anders ist zu erklären, dass die angebliche innerparteiliche Liebschaft zwischen einer Bundesrätin und einem Nationalrat nicht in der Presse auftaucht.
    Tatsächlich ist es aber auch so. dass so etwas mit der Funktion der beiden keinen Zusammenhang hat.
    Diese “schweizerische” Trennung von Privat und Öffentlich ist OK.

    Was aber, wenn die zwei in völlig verschiedenen politischen Lagern politisieren würden – sie SP, er SVP?

    Dann wäre das Interesse der Öffentlichkeit nicht ganz unbegründet. Oder?

  • Stefan Schneider says:

    Im Artikel werden die Umgangsweisen in der Schweiz und den USA als besonders gegensätzlich dargestellt. In Tat und Wahrheit stellt der Schweizerische Umgang mit einer solchen Affäre aber nur die Mittelposition dar. Die Geri-Gate-Affäre wurde ja seitens Boulevardmedien wie Blick oder 20Minuten sehr wohl ausgiebig ausgeschlachtet und auch seriöse(re) Medien wie TA und NZZ sprangen auf. In Frankreich sind Politiker und Wirtschaftsleute dagegen weit stärker geschützt vor solchen Kampagnen. Ehrverletzende Berichte, die zwar wahr sind aber kein rechtsgenügendes öffentliches Interesse aufweisen, können sich für die Medienunternehmen als äusserst teuer erweisen. Sodann würde eine solche Affäre wie bei Weiner wohl auch in den USA nicht überall gleich wie in New York abgehandelt.

  • Michael says:

    Man skandalisiert halt gern. Je prüder man ist umso aufregender ist es, wenn jemand Nacktbilder von sich verschcikt. Aber eigentlich braucht es die Welt nicht zu kümmern, sondern geht nur die 2 die chatten was an.
    Nur noch: Warum benutzt man eigentlich diese Kindergarten-Sprache (Schäbi)?

  • Beobachter says:

    Ach das gibts doch überall. Wenn wir nur alle wüssten. Wiiner, wie es ausgesprochen wird, ist doch nur einer von vielen. Es gibt viel spannendere Themen, die viel mehr Menschen bei uns die Röte ins Gesicht treiben würden. z.B. Wer ist der neuen Mann an Sommarugas Seite? Federers Liebe zum gleichen Geschlecht. Welchen neuen Coup plant Irina Beller? Welche Politiker führen welche Doppelleben? Alles Geschichten, die sofort gemacht werden könnten aber eben, nicht viele Journalisten trauen sich an jedes wahre Thema ran.

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