Zu ehrgeizig

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Stille Schafferinnen statt laute Prahler: Eine Frau an ihrem Arbeitsplatz. Foto: Martin Ruetschi (Keystone)

Stille Schafferinnen statt laute Prahler: Frauen neigen zu übermässiger Selbstkritik an ihrem Arbeitsplatz. Foto: Martin Ruetschi (Keystone)

«Wie wäre es mit Ehrgeiz statt mit Quoten?» Die provokative Frage stand über der Kolumne in der «NZZ am Sonntag», in der sich Redaktor Patrick Imhasly mit der sogenannten Stauffacher-Deklaration des «Tages-Anzeigers» (TA) auseinandersetzt (online nicht verfügbar). Im Sommer 2013 hatte eine Gruppe Redaktorinnen gemeinsam mit der Chefredaktion Massnahmen beschlossen, um den Frauenanteil in der Redaktion zu erhöhen. Er betrug damals ein gutes Fünftel, nur die «Weltwoche» und die «Basler Zeitung» waren noch männlicher. In drei Jahren, so lautete das Ziel, sollte der Frauenanteil beim TA 30 Prozent betragen, in allen Ressorts und auf allen Hierarchiestufen.

Die Bilanz fällt zwiespältig aus. Manche Ressorts sind weit entfernt vom Ziel, und der Frauenanteil auf der Chefetage beträgt 17 Prozent. Immerhin sind heute ein Drittel der Redaktorenschaft von TA, «SonntagsZeitung» und «Magazin» Frauen. Imhasly hat also teilweise recht, wenn er das Anliegen als gescheitert bezeichnet. In anderen Punkten aber definitiv nicht:

  • Erstens: Imhasly schreibt, das Beispiel zeige, dass Frauenförderung über fixe Zielvorgaben nicht funktioniert. Die in der Stauffacher-Deklaration vereinbarte Quote war aber gerade keine fixe Zielvorgabe, sondern ein nur halbwegs verbindlicher Richtwert. Bevorzugte ein Ressortleiter einen Bewerber, obwohl die Konkurrentin gleichwertig qualifiziert war, konnte die Frauendelegierte intervenieren – ohne Gewähr auf Erfolg. Oder wurden für die Besetzung einer Stelle nur männliche Kandidaten angeschaut, konnte sie weibliche Alternativen vorschlagen. Der Entscheid lag bei Ressortleitung und Chefredaktion. Eine wirklich fixe Quote hätte mehr gebracht, weil sie hätte eingehalten werden müssen. Eine Zwangsquote führt vielleicht nicht sofort zu idealen Ergebnissen, doch mittelfristig zahlt sie sich aus. Weil Diversität auf allen Ebenen nicht nur den Output verbessert, sondern auch einen ebenso diversen Nachwuchs anzieht. Wer sieht, dass dort oben gleichartige Wesen hocken, getraut sich eher auch dorthin. Diversität bezieht sich übrigens nicht nur auf die Geschlechter – auch Quoten für Secondos, Alte, Junge et cetera wären wünschenswert. Das ist meine Meinung, sie wäre redaktionsintern kaum mehrheitsfähig.

  • Zweitens: Die geringen Ambitionen vieler Frauen im Beruf seien erschreckend, schreibt der Kollege, und lobt alle Frauen mit einem «ausgeprägten beruflichen Ehrgeiz». Wie kommt er darauf, Frauen seien zu wenig ehrgeizig? Das Gegenteil ist der Fall. Sie sind in der Regel zu selbstkritisch und perfektionistisch, sind extrem fleissig und verlangen sich viel ab. Weiter stellen sie ihre eigene Leistung in den Schatten, wenn es karrierefördernd wäre, sie zu preisen. Die Folge davon ist, dass sich viele Frauen als ungenügend einschätzen, wenn es darum geht, sich um einen Chefposten zu bewerben. Ein Übermass an Ehrgeiz hält sie davon ab.

Zum Schluss aber noch ein grosses Dankeschön: Männer publizieren selten zum Thema Gleichstellung. Patrick Imhasly tut es, das ist toll. Und der offene Stolz auf die eigenen Hausmanns-Kompetenzen mutet ziemlich emanzipiert an – mehr als jede Sonntagsrede zur Wichtigkeit der Frauenförderung.