Lasst uns 1 Prozent gegen die Armut spenden!

2800 Franken genügen, um einen Menschen vor Malaria zu retten: Eine Krankenschwester betreut ein Baby hinter einem Moskitonetz in Mosambique. Foto: Keystone

2800 Franken genügen, um einen Menschen vor Malaria zu retten: Eine Krankenschwester betreut ein Baby hinter einem Moskitonetz in Moçambique. Foto: Keystone

Nach wie vor sterben jeden Tag über 20’000 Kinder an den Folgen der globalen Armut. Es fällt nicht leicht, sich dieses Leid vorzustellen und wirklich vor Augen zu führen. Vergegenwärtigen wir uns die Fakten trotzdem: Stellen wir uns vor, das Massensterben ereignete sich in unserer eigenen Stadt. Auf dem Weg zur Arbeit werden wir täglich mit dem unvorstellbaren Leid konfrontiert – den 20’000 Kindern, direkt neben uns. Wie reagieren wir? Würden wir zum Beispiel viel mehr Geld spenden, unsere Berufswege auf die Leidminderung ausrichten und wirksame politische Massnahmen unterstützen?

Falls ja, stellt sich die Frage: Reagieren wir gleich, wenn sich die Katastrophe in der Nachbarstadt zuträgt? Im Nachbarland? Auf dem nächstgelegenen Kontinent? Weshalb sollte die räumliche Distanz eine Rolle spielen? Gleiches Leid wird nicht dadurch weniger schlimm, dass man es geografisch verschiebt. Es scheint widersprüchlich und irrational, aktive Leidminderung nur dann für wichtig zu halten, wenn sich das Leid in der Nähe abspielt.

Zumindest in Umfragen stimmen die meisten Schweizerinnen und Schweizer einer wichtigen Schlussfolgerung dieser Argumentation zu: Über zwei Drittel wollen, dass die Schweiz mehr Entwicklungshilfe leistet. Trotzdem investierte der Bund 2015 nur 0,52 Prozent des BIP und hat den Anteil vor kurzem sogar noch gesenkt. Damit entfernt er sich weiter vom UNO-Mindestziel von 0,7 Prozent. Manche weniger wohlhabende Länder – etwa Dänemark, Schweden oder die Niederlande – leisten bedeutend mehr Entwicklungszusammenarbeit als die «humanitäre» Schweiz.

Vor diesem Hintergrund hat die Stiftung für Effektiven Altruismus in Zürich kürzlich die städtische Volksinitiative «1% gegen die globale Armut» lanciert. Die Initiative enthält drei Punkte: Erstens soll 1 Prozent des städtischen Budgets zur effektiven Weltarmutsbekämpfung eingesetzt werden. (Zum Vergleich: Die Stadt Genf engagiert sich bereits mit 0,7 Prozent ihres Budgets für die Entwicklungszusammenarbeit.) Zweitens muss die Wirksamkeit der unterstützten Massnahmen wissenschaftlich gut belegt sein (insbesondere durch randomisiert-kontrollierte Studien). Drittens setzt sich die Stadt auf Bundesebene dafür ein, dass die Entwicklungszusammenarbeit mit 1 Prozent des BIP unterstützt wird.

start 1 prozent initiative zurich

Klare Forderung: Start der 1-Prozent-Initiative.

Diese Forderungen sind sehr bescheiden: Man stelle sich vor, was geschehen würde, wenn aufgrund permanenter Katastrophen in der Schweiz jeden Tag Tausende Kinder sterben würden. Es würden gigantische Ressourcen in Bewegung gesetzt, um das Leiden und Sterben zu stoppen. Wenn wir in unserer realen Situation hingegen kaum etwas tun, dann drücken wir damit faktisch aus: Ein Menschenleben in fernen Ländern ist viel weniger wert als ein Menschenleben in der Schweiz. Doch wer würde sich, nach reiflicher ethischer Überlegung, wirklich hinter diese krasse Diskriminierung aufgrund des Geburtsorts stellen?

Es verbleibt die Frage: Steht die Initiative angesichts der verbreiteten Zweifel am Nutzen der Entwicklungshilfe empirisch auf brüchigem Grund? Einige Ökonominnen und Ökonomen sind der Meinung, dass die Entwicklungszusammenarbeit unter dem Strich bisher wenig bewirkt hat, netto vielleicht gar neutral, also wirkungslos war. Dieses Ergebnis liesse die folgenden beiden Interpretationen zu: Entweder ist jede einzelne Hilfsmassnahme wirkungslos; oder einige Hilfsmassnahmen sind schädlich, einige wirkungslos und einige hochgradig positiv, sodass netto auch ein neutraler Effekt resultiert. Letztere Interpretation ist statistisch viel wahrscheinlicher.

Daraus folgt, dass es hochgradig positive Massnahmen geben muss. Wir können sie wissenschaftlich ausfindig machen und selektiv fördern. Die Ökonominnen und Ökonomen des unabhängigen Hilfswerk-Evaluators Give Well etwa haben Hunderte Projekte untersucht und kamen zum Schluss, dass für die Wirksamkeit vieler Massnahmen überhaupt keine Evidenz vorliege, während manche aber bis zu 100-mal effektiver seien als der Durchschnitt. Die untersuchten Studien zeigen zum Beispiel, dass es bereits mit 2800 Franken möglich ist, ein Menschenleben vor Malaria zu retten beziehungsweise viele Krankheitsfälle zu verhindern, und dass davon auch längerfristig positive Effekte ausgehen (etwa punkto BIP-Entwicklung, Schulbildung und Geburtenrate).

Selbst und gerade diejenigen, die der Entwicklungshilfe insgesamt skeptisch gegenüberstehen, sollten sich also dafür aussprechen, dass die wenigen hochwirksamen Massnahmen gezielt gefördert und skaliert werden. Genau dafür spricht sich die 1-Prozent-Initiative aus.