Zynische Bildungspolitik

Sie habens noch geschafft: Gymnasiastinnen im Unterricht. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Für Bildungshungrige werden die Hürden höher: Gymnasiastinnen im Unterricht. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Bildung ist teuer. Wenn sie, wie etwa in den USA, als privat zu finanzierende Aufgabe verstanden wird, bedeutet eine College- oder gar Universitätsausbildung eine herbe finanzielle Belastung für ganze Familien. Es bedeutet auch, dass höhere Bildung in der Regel ein Privileg für Gutbetuchte ist. Der Staat jedenfalls sieht sich hier kaum in der Pflicht.

Auch wenn hierzulande viele vom US-Gesellschaftsmodell träumen, ja sogar dessen Radikalisierung unter einem Präsidenten Trump erhoffen, ist das europäische und vor allem das schweizerische Modell der staatlich finanzierten Bildung eine historische Errungenschaft, die im Prinzip die Gleichheit der Bildungschancen und ein hohes Ausbildungsniveau sichert. Das ist gut für die Wirtschaft, es ist gut für die Gesellschaft.

So weit die Theorie. Ich habe schon mehrfach darauf hingewiesen, dass die Schweiz mit ihrer bewusst tief gehaltenen Maturaquote von 20 Prozent ein bildungspolitisches Understatement pflegt, das man vielleicht sympathisch finden kann und das zweifellos auch viele begabte junge Leute zu Fachkräften ausbildet – das aber den Anforderungen der postindustriellen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft nicht mehr angemessen ist. Wir bilden, kurz gesagt, die Akademiker, die wir brauchen, nicht selbst aus, sondern importieren sie.

Diese Bildungspolitik ist zynisch, und sie wird gegenwärtig in Zürich noch zynischer. Sie ist zynisch, weil sie bildungshungrigen jungen Menschen so hohe Hürden entgegenstellt, dass sie – siehe USA – ohne deutlichen finanziellen Aufwand für Lernstudios etc. nicht zu nehmen sind. Der Zufall will es dann, dass die Kinder vom Züriberg in der Regel ins Gymnasium gehen, jene aus Schwamendingen nicht. In Deutschland fragt man mich, ob diese Politik denn nicht gegen das Gleichheitsgebot in der Bundesverfassung verstosse – gute Frage.

Jetzt aber wird die Zürcher Bildungspolitik gerade noch einen Zacken zynischer. Weil der Kanton seit Jahren Steuern senkt oder streicht, fehlen pro Jahr zwischen 1,2 bis 1,4 Milliarden Franken in der Kasse. Woher nehmen, um das – absurde – Ziel einer staatlichen «schwarzen Null» zu erreichen? Nun, man dreht zum Beispiel am Berechnungsschlüssel für die Noten bei der Gymi-Aufnahmeprüfung, um sicherzustellen, dass 400 Schüler(innen) weniger ins Langzeitgymi eintreten können.

Mir haben vor wenigen Jahren noch hohe Bildungsbeamte des Kantons versichert, dass der Notenschlüssel «selbstverständlich nicht» an die Anzahl der verfügbaren Plätze in Gymi-Schulzimmern angepasst wird, sondern dass «alle», die intelligent genug seien, einen Platz bekommen. Wir wissen jetzt, dass das eine schlichte Lüge war. Natürlich werden die Noten so gebaut, dass die Zürcher Schüler(innen) immer nur gerade als so «intelligent» erscheinen, wie es die zu kleinen Kapazitäten zulassen. Jetzt sollen es also 400 weniger sein. Es sind 400 hoffnungsfrohe, lebens- und lernlustige Kinder, die auf diese Weise gezwungen werden, «ihren Beitrag» an die «Sanierung der Kantonsfinanzen» zu leisten.