Was uns Sloterdijks Flutmetaphern lehren können

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Peter Sloterdijk vergisst 3000 Jahre Geistesgeschichte im Gepäck. Übrig bleibt ein alter Mann mit Angst. Foto: Xoan Rey (Keystone, EPA)

Peter Sloterdijk schliesst die Tür zu 3000 Jahren Geistesgeschichte. Übrig bleibt die Angst. Foto: Xoan Rey (Keystone, EPA)

Demnächst werde es geschehen, dass «die Welle der schwarzafrikanischen Überpopulation an die Tore Europas brandet». Schon letztes Jahr habe es an Europas Grenzen «nur noch Löcher» gegeben, «durch die sich Menschenströme ergossen». Und Angela Merkels Deutschland habe sich übernommen, «indem es sich überrollen liess».

Gesagt hat diese Sätze der Philosoph Peter Sloterdijk vor einigen Tagen im Interview mit dem «Tages-Anzeiger». Es sind schändliche Sätze. Und sie sind kein Ausrutscher. Sloterdijk, einer der wortgewaltigsten Intellektuellen Europas, stand zuletzt mehrere Wochen im Mittelpunkt einer Feuilleton-Kontroverse. Ausgelöst hat er sie mit Äusserungen zur Flüchtlingskrise in verschiedenen Publikationen – Äusserungen, deren Effekt sich in erster Linie durch ihre redundante Bildhaftigkeit erklärt. Was ist es denn, das da «an die Tore brandet», «sich ergiesst», «überrollt»? Eine Schlammlawine, kochende Lava, ein berstendes Klärbecken? Wie Sloterdijk hier mit seinen Triggern das innere Gruselkino stimuliert, wo er doch über Menschen auf der Flucht vor Krieg und Armut spricht – es ist definitiv nicht mehr harmlos. Wie die Menschen, über die er spricht, hat er buchstäblich eine Grenze überschritten.

Zur nationalkonservativen Alternative für Deutschland (AfD) geht Sloterdijk zwar betupft auf Distanz. Doch nicht nur Sloterdijks Flutmetaphern sind AfD-Sprech, sondern auch seine Schlussfolgerungen. Diese lassen sich zu zwei simplen Worten verdichten: Grenzen zu! «Wie ahnungslos kluge Leute doch sein können» – unter diesem Titel legte der Politologe Herfried Münkler, Sloterdijks wichtigster Widerpart, in der «Zeit» die strategische Unbedarftheit der Forderung dar: ihre Unmöglichkeit in der spezifischen Konstellation, in der sich Deutschland und Europa befinden. Womit ihre moralische Fragwürdigkeit freilich erst in Ansätzen umrissen ist.

Zu fragen ist nach der grundsätzlichen Lehre, die wir aus der Sloterdijk-Debatte ziehen können. Gewinnbringend ist hier wohl Ursachenforschung. Wenn Sloterdijk zur Flüchtlingskrise spricht, dann hört man nicht den Gelehrten mit 3000 Jahren abendländischer Geistesgeschichte im Gepäck. Sondern einen alten Mann, der Angst hat: Angst vor Fremden, Angst vor Veränderung. Wenn aber die Angst einen Geistesriesen auf das Format eines ganz normalen Rechtspolitikers schrumpfen lassen kann – was vermag sie dann mit uns übrigen 99 Prozent anzustellen? Lässt sie uns Durchsetzungsinitiativen lancieren? Asylzentren anzünden?

Die Schweiz und einige weitere Länder haben vorerst zum Glück einen anderen Weg eingeschlagen. Die Kantone erarbeiteten ein Unterbringungskonzept für den Fall, dass die Asylgesuche stark zunehmen. Auf Bundesebene stimmen wir demnächst über ein Asylgesetz ab, das die Verfahren effizienter gestalten will. Es sind Vorlagen, die einer nüchternen, pragmatischen Denke entspringen – Vorlagen aus dem vernünftigen Geist der Vorsicht. Angst und Vorsicht jedoch sind nicht dasselbe. Wenn wir unseren Blick für diese Differenz schärfen können, hatte die Sloterdijk-Debatte ihr Gutes.