Strenge ist verführerisch

Bundesratspräsident Johann Schneider-Ammann will eine stärkere Selektion auf Maturastufe. Foto: Lukas Lehmann (Keystone)

Bundesratspräsident Johann Schneider-Ammann – hier in der Session des Ständerats – will eine stärkere Selektion auf Maturastufe. Foto: Lukas Lehmann (Keystone)

Bundesrat Johann Schneider-Ammann fordert eine strengere Matura – und alle applaudieren. Allen voran die Hochschulen, die mit ihren Klagen über die Studienanfänger beim Bundesrat schon lange ein offenes Ohr gefunden haben. Aber auch innerhalb der Gymnasien ist die Forderung nach mehr Strenge weitverbreitet. Breite Teile der Öffentlichkeit begrüssen eine härtere Selektion am Gymnasium ebenfalls. Was geht hier vor? Woher kommt diese Einigkeit über Institutionsgrenzen, Bildungswege und politische Ausrichtungen hinweg? Weshalb finden so viele wie Schneider-Ammann, wir hätten lieber weniger, dafür bessere Maturanden? Ausser natürlich, es geht um das eigene Kind.

Als Gymnasiallehrer ist das Niveau auch mir wichtig. Ich kenne den Ärger beim Korrigieren von Aufsätzen, oh ja. Doch dürfen dieser Ärger und diese Klagen die Grundlage bilden für Bildungspolitik? Ein Kommentator schreibt sinngemäss: «Ich bin völlig einverstanden mit Schneider-Ammann, obwohl ich selbst nicht gut war in den Naturwissenschaften.» Wir sind die Erwachsenen, die Etablierten mit den Diplomen in der Tasche. Mit welchem Recht dürfen wir von unseren Jugendlichen mehr fordern, als wir selber geleistet haben damals? Strenge ist verführerisch, man darf sie nicht verabsolutieren. Sonst sägen wir am Ast, auf dem wir sitzen. Wir brauchen diese Jungen. Wir haben eine Verantwortung ihnen gegenüber. Oder wollen wir sie noch mehr deckeln und dafür Akademiker aus dem Ausland importieren? Zur Bildung gehört mehr als Strenge, dazu gehört auch Förderung.

Das heisst nicht, dass man alle durchwinken soll am Gymnasium. Selektion ist und bleibt ein wichtiger Bestandteil dieses Schultyps. Doch Selektion ist eben nur ein Teil von Bildung. Sie zu verschärfen, mag ein paar alte Ressentiments befriedigen. Den zunehmenden Fachkräftemangel löst sie jedenfalls nicht. Es ist auch nicht so, dass nichts getan würde. Projekte wie die «basalen Studierkompetenzen» sind erst in der Startphase. Es ist zu hoffen, dass sich die Jugendlichen weitergehenden Massnahmen, etwa dem doppelten Zählen von Erstsprache und Mathematik, anpassen können. Doch offenbar wird das gar nicht angestrebt. Die Rede ist explizit von «selektiveren Kriterien».

Die Schweizer Forschung ist international top, etwa an der ETH. Das wird auch so bleiben. Verschärfte Bestehensnormen ändern in diesem Segment nichts. Doch Bildung ist nicht nur Elitenförderung. Neben den Spitzenplätzen benötigen wir auch ein akademisches Mittelfeld. Das kann nicht nur über die Berufsmaturität erreicht werden. Es ist zwar richtig, die Berufs- und Fachmaturität auszubauen, doch das darf nicht auf Kosten der gymnasialen Maturität gehen.

Eine tiefere Maturaquote passt gut zu den gegenwärtigen Sparplänen. Schlecht passt sie zur Zukunft unseres Landes, das eben kein Billiglohnland ist, sondern das seinen Erfolg im internationalen Wettbewerb einem entscheidenden Faktor verdankt: seinen hoch qualifizierten Fachkräften.

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Wollen wir von unseren Kindern mehr verlangen, als wir geleistet haben? Cartoon: Cagle.com / Nate Beeler «The Columbus Dispatch»