Das vergessene Fundament der Schweiz

Sie sah mich schon von weitem kommen. Es ist Sonntag und die kleine Frau, die vor dem Eingang zur Kathedrale von Lausanne sitzt, rollt sich noch mehr zusammen, um ihr Elend auszudrücken. «Bonjour Monsieur», grüsst sie mich. «Bonjour Madame», antworte ich. Sie bettelt. Ich könnte stehen bleiben, denn ich bin etwas zu früh für die Messe. Aber ich grüsse nur respektvoll und gehe weiter. Gerade bevor ich die schwere Pforte aufstosse (ein bisschen Arbeit muss sein, um in den Tempel zu gelangen), setzt die kleine Dame noch eins drauf: «Monsieur, Gott wird Sie segnen.»

Ich entscheide mich, dem Schuldgefühl nicht nachzugeben. «Madame, Sie sind vor einer protestantischen Kirche. Der Segen Gottes lässt sich nicht kaufen. Wenn Sie Hilfe brauchen, gebe ich Ihnen gerne die Adresse einer Institution, die wir unterstützen. Aber Ihnen ein paar Münzen hinzuwerfen, würde nur eines bewirken: Ihren Zustand noch verschlimmern.» Schmerz – gespielt oder echt – blitzt in ihren Augen auf.

Bin ich ein Monster? Nein, ich bin Protestant. Das Betteln – wie auch das Glücksspiel – nervt mich wirklich, denn es schwächt sowohl den Menschen, der es tut, als auch die Gesellschaft, die es ihm erlaubt, es zu tun.

All jene, die mich für rückständig halten und sich auf den Laizismus unseres Staates berufen, möchte ich daran erinnern, dass unsere Verfassung schon in der Präambel eine ganze Reihe von Prinzipien der Freiheit, Gerechtigkeit und Verantwortung «im Namen Gottes des Allmächtigen» aufstellt.

Wer bettelt, schottet sich von der Gesellschaft ab: Bettlerin in Genf.

Wer bettelt, schottet sich von der Gesellschaft ab: Bettlerin in Genf.

Einmal durch die Türe, sitze ich auf meiner unbequemen Kirchenbank und lobe den Herrn, diese Person auf meinen Weg gebracht zu haben. Sie hat mich daran erinnert, dass die protestantische Ethik die moderne Schweiz begründet hat und dass man sich öfters darauf berufen sollte, um unsere Probleme zu regeln. Sogar die Internetseite der Tourismusförderung Swissworld.org, die von der Eidgenossenschaft finanziert wird, schreibt es: «Die Autoren der Verfassung von 1848, die den Grundstein für den Schweizer Staat in seiner heutigen Form legten, waren Protestanten. Für die Entwicklung einer industrialisierten Wirtschaft brauchte es eine etwas zentralisiertere Staatsform als bisher.»

All jene, die mich für rückständig halten und sich auf den Laizismus unseres Staates berufen, möchte ich daran erinnern, dass unsere Verfassung schon in der Präambel eine ganze Reihe von Prinzipien der Freiheit, Gerechtigkeit und Verantwortung «im Namen Gottes des Allmächtigen» aufstellt. Dies passt ganz klar zur Vision von Jean Calvin: Die Politik soll autonom sein und vom Anspruch der Ethik gelenkt werden – nicht von der Kirche.

Denen, die sagen, ich sei unbarmherzig, antworte ich, dass das Betteln lange Zeit verboten war in den protestantischen Städten. Denn es ist gegen die protestantische Ethik, die die Arbeit als eine Berufung im Dienste der Schöpfung betrachtet und durch welche der Mensch zur Allgemeinheit beiträgt. Die Gesellschaft muss natürlich auch dem Armen eine Lösung geben, d. h. ihn von seiner Armut befreien. Aber durch das Betteln geht er den falschen Weg: Er schottet sich von der Gesellschaft ab und verstösst gegen seine Berufung.

Laut einer Studie des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung sind 32 Prozent der Schweizer Protestanten und 31 Prozent Katholiken. Dieser kleine Prozentpunkt müsste uns helfen, die ausgehende Glut wieder zu einem Feuer zu entfachen. Einem Feuer für unsere Ethik, welche die moderne Schweiz begründet hat. Nicht nur um gegen das Betteln vorzugehen, welches wenn überhaupt eher ein Problem der Stadt Lausanne ist, sondern um die unzähligen Probleme der Gesellschaft anzugehen: Immigration, Gleichstellung zwischen Männern und Frauen, Kriminalität, Status von homosexuellen Paaren. Diese Probleme werden in der Presse zu oft zu einem Duell der Extreme: auf der einen Seite Gleichgültigkeit ohne Fundament oder Prinzipien, auf der anderen die Unerbittlichkeit einer Minderheit von katholischen, evangelikalen oder islamistischen Fundamentalisten.

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