Theorie und Praxis zusammenführen

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Wie Herr Schellenbauer richtig beobachtet hat, schenken Akademiker der Berufsbildung oftmals viel zu wenig Beachtung. Allerdings trifft es nicht zu, dass alle Akademiker die Berufsbildung mit «Nichtbeachtung strafen». Im Jahr 2006 hat das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) das Leading House Program initiiert, um akademische Forschung im Bereich Berufsbildung zu fördern. Zahlreiche Schweizer Universitäten beteiligen sich am Leading House Program, um zur Berufsbildungsforschung beizutragen. Das Ziel der Leading Houses ist der Aufbau von akademischen Kompetenzzentren für Berufsbildungsforschung sowie der Transfer von Forschungsergebnissen in die Berufsbildungspraxis.

Berufsleute mit «Praktikern» gleichzusetzen, ist eine irreführende Vereinfachung.

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Die Anforderungen steigen: Lernende Glasmalerin bei der Arbeit. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Berufsbildungsforschung trägt dazu bei, die Schweizer Berufsbildung besser zu verstehen, und treibt innovative Entwicklungen voran. Die Arbeitswelt ändert sich laufend und stellt hohe Anforderungen an die Arbeitnehmer, sich schnell und kompetent auf neue Situationen einstellen zu können. Die erforderlichen Kompetenzen bedingen die Verbindung von praktischem und theoretischem Wissen. Berufsleute mit «Praktikern» gleichzusetzen, ist eine weitverbreitete, aber irreführende Vereinfachung.

In der Schweiz werden Lernenden Erfahrungen in drei unterschiedlichen Lernkontexten (Arbeitsplatz, Berufsfachschule und überbetriebliche Kurse) angeboten, und diese Lernerfahrungen werden von verschiedenen Akteuren begleitet. Eine Schwierigkeit dieses Modells besteht darin, die Verbindung zwischen theoretischem und praktischem Wissen herzustellen. Die Integration dieser verschiedenen Wissensformen findet oftmals nur unzureichend statt. Ein zentraler Schritt für den Brückenschlag ist es, Erfahrungen an den verschiedenen Lernorten systematisch zu erfassen und durch Reflexion bewusst Verbindungen aufzubauen.

Das Leading-House-Projekt DUAL-T der ETH Lausanne, der Universität Freiburg und des EHB Lugano hat in den letzten zehn Jahren verschiedene innovative Technologien entwickelt und untersucht, welche eine Brücke zwischen den Lernorten und Akteuren schlagen. Momentan arbeiten die Forschenden an einer Lernplattform für die Berufsbildung, genannt Realto. Lernende können über Smartphones oder Tablets individuell oder gemeinsam Erfahrungen dokumentieren und diskutieren. Lehrpersonen und Berufsbildner können Rückmeldungen auf die Einträge geben. Theoretische Konzepte können so mit den praktischen Erfahrungen der Lernenden verknüpft werden.

Integriertes praktisches und theoretisches Wissen sowie regelmässige Reflexion sind wesentlich für die Entwicklung von berufsrelevanten Kompetenzen. Dieses Jahr wird die neue Plattform Realto mit ausgesuchten Berufsgruppen ausgiebig getestet, bevor sie für alle zugänglich gemacht wird.

Das SBFI Leading House Program ist ein wegweisender Schritt in die richtige Richtung, und es ist zu hoffen, dass es vermehrt Forschung über die Berufsbildung geben wird. Um die Forschung über Berufsbildung in der Schweiz weiter zu stärken, braucht es den Aufbau permanenter Kompetenzzentren, weitere Lehrstühle für Berufsbildungsforschung (momentan gibt es nur einen einzigen in der Schweiz), gezielte akademische Nachwuchsförderung und eine enge Zusammenarbeit zwischen Forschenden und verschiedenen Akteuren in der Berufsbildung.