Reichen wir uns die Hand, ihr Jungen von gestern!

Instinktiv verstärkt sich der Griff um das Portemonnaie in der Hosentasche, sehe ich einen Silberschopf nahen. Angefangen hat das am 16. September, als der Ständerat seine Reform der Altersvorsorge verabschiedete: laut vielen Kommentatoren eine Kriegserklärung an die junge Generation. Die Jungen zahlen, ja bluten für die Alten! Via zusätzliche Lohnabzüge, via 70 Franken mehr AHV im Monat. Ein gerontologischer Raubzug auf die werktätige Zukunft des Landes – auf mich! Nicht dass 36 Jahre noch zum Prädikat echter Jugendlichkeit berechtigten, aber man hat halt doch noch drei Dezennien Erwerbsarbeit vor sich. Ganz im Gegensatz zu den greisen Müssiggängern, die mit Klauen und dritten Zähnen ihre fremdfinanzierten Pfründen verteidigen. So sieht das Bild aus, das die empörten Kommentatoren vor meinem geistigen Auge malen – und das mir die Rolle des Opfers zuweist. Und das mich zum Zweifler macht: Kann ich einer solchen Reform zustimmen, der Ausbeutung meiner Altersgenossen und meiner selbst?

Als Alter von morgen will ich keinen Generationenkrieg.

Bei der Generationenfrage wechselt man zwangsläufig irgendwann die Seite. Foto: Gaëtan Bally, Keystone.

Bei der Generationenfrage wechselt man zwangsläufig irgendwann die Seite. Foto: Gaëtan Bally, Keystone.

Wenn es mit dem Generationenkampf doch nur so simpel wäre. Es ist ein Kampf, bei dem man irgendwann zwangsläufig die Seite wechselt. Die 70 Franken sind immerhin als Kompensation für die gekürzte Pensionskasse gedacht. Bestrafe ich die Alten, bestrafe ich im doppelten Wortsinn mein künftiges Alter Ego.

Dieses Bewusstsein erst führt zur Frage, die über allem stehen muss: Welches Ziel wollen wir mit AHV und Pensionskasse erreichen? Die Antwort hat der Bundesrat im Jahr 1975 gegeben. AHV und berufliche Vorsorge sollten eine «Fortsetzung der gewohnten Lebenshaltung» ermöglichen, schrieb er damals. Für die gewohnte Lebenshaltung brauche es eine «Gesamtrente im Ausmass von 60 Lohnprozenten». Dieses offizielle Versprechen der Regierung wird bis heute recht gut erfüllt. Die 60 Prozent werden im Schnitt nur leicht unterschritten. Die harten Hunde, die jetzt «echte Reformen» fordern, also unabgefederte Sparmassnahmen (vor allem durch eine massive Senkung des Umwandlungssatzes in der zweiten Säule), müssten zuerst ehrlich und klar bekennen, was sie von diesem Ziel halten. Finden sie, für die künftigen Rentner reichten 50 oder 40 Prozent des vormaligen Lohns?

Das wäre eine ziemlich bedrückende Perspektive, schwer vereinbar mit unseren Vorstellungen von Würde. Und schwer begründbar. Das Leben ist seit 1975 nicht günstiger geworden. Richtig ist, dass die Lebenserwartung steigt. Es leuchtet also ein, dass wir länger arbeiten sollten. Das vom Ständerat beschlossene Frauenrentenalter 65 ist überfällig – irgendwann müssen wir uns mit Rentenalter 67 auseinandersetzen. Die Aufforderung ergeht auch an die Unternehmen, die ihre Angestellten heute gerne in die Frühpension entsorgen.

Als Übergangslösung ist die Vorlage des Ständerats nicht so schlecht, wie sie jetzt gemacht wird. Die zusätzlichen Lohnabzüge sind ihr grosser Schwachpunkt. Das benötigte Geld sollte über die Mehrwertsteuer hereingeholt werden – dann zahlen alle, nicht nur die Werktätigen.

Wer vom Volk Opfer verlangt, braucht Argumente und eine nachvollziehbare Opfersymmetrie. Als Alter von morgen will ich keinen Generationenkrieg. Ich will eine partnerschaftliche Reform mit den Jungen von gestern.