Was wir aus dem AKW-Blackout lernen

Alle fünf AKW in der Schweiz standen letzte Woche still. Revisionsarbeiten und akute Sicherheitsprobleme haben sie lahmgelegt. Böse Zungen behaupten, dass einzelne FDP-Nationalräte seither vergeblich nach der angedrohten Stromlücke suchen. Fakt ist: Auch nach der Notabschaltung des AKW Gösgen brachen die Stromversorgung und die Übertragungsnetze in der Schweiz nicht zusammen. Kühlschränke, Produktionsanlagen und Computer funktionierten tadellos. Ja, mitten in der AKW-losen Zeit wurde sogar Wasserstrom ins Ausland exportiert.

Wir haben keine andere Wahl, als in umweltfreundliche Alternativen zu investieren.

Schwachstellen im Reaktordruckbehälter: AKW Beznau. Foto: Gaetan Bally, Keystone

Natürlich kann ein solches Szenario heute nur im Sommer funktionieren. Im Winter würde aktuell nicht genügend einheimischer Ersatzstrom zur Verfügung stehen. Umso unbegreiflicher ist, dass die bürgerlichen Parteien beim Ausbau der erneuerbaren Energien noch immer auf die Bremse stehen. Es ist Zeit, den Tatsachen nüchtern in die Augen zu blicken:

  • Der AKW-Blackout in diesem Sommer zeigt, dass die Versorgung durch Atomstrom in der Schweiz krisenanfällig ist. Die Schäden häufen sich. Kürzlich wurden im ältesten AKW der Welt, Beznau 1, Schwachstellen im Reaktordruckbehälter entdeckt. Eine Dampfleckage legte das AKW Gösgen vorübergehend flach. Täglich kommen neue Sicherheitsmängel und Risiken ans Licht. Gut möglich also, dass es in den nächsten Jahren zu weiteren AKW-Totalausfällen kommt. Gut möglich, dass diese im Winter stattfinden und ganze Wochen andauern. Wenn in dieser Situation nicht genügend Solar- und Windanlagen, dezentrale Batterien oder Wärmepumpen im Einsatz sind, wird sich die immer wieder heraufbeschworene Stromlücke tatsächlich öffnen. Eine Stromlücke allerdings, für die allein die energie­politischen Bremser und Zauderer verantwortlich sind.
  • Jeder vernünftige Mensch weiss, dass die Tage der Atomenergie in der Schweiz gezählt sind. Die alten Anlagen müssen gestaffelt vom Netz, neue AKW sind politisch nicht mehrheitsfähig und wären unsäglich teuer. Wir haben deshalb gar keine andere Wahl, als in umweltfreundliche Alternativen und in die Energieeffizienz zu investieren. Weshalb halten die bürgerlichen Parteien trotzdem am riskanten Weiterbetrieb der Uralt-AKW fest? Neben einer gehörigen Portion Ideologie spielen finanzielle Gründe eine Rolle. Weil der Atomstrom nie zum Vollkostenpreis verkauft wurde, fehlen Milliardenbeträge in den Stilllegungs- und Entsorgungs­fonds. Anstatt die drückende Schuldenlast endlich mit einem Sanierungsplan abzutragen, soll das unfaire Subventionsmodell bis zur letzten Sekunde fortgeführt werden. Davon profitieren alle, die verbilligten Atomstrom kaufen. Die Rechnung für gehabte Freuden wird einfach an die nächsten Generationen und die Steuerzahler und Steuerzahlerinnen weitergereicht.
  • Und es kommt noch schlimmer. AKW-Betreiber wie die Axpo drücken sich nicht nur vor der Kostenwahrheit, sondern auch vor der Verantwortung für die Sicherheit. Sie wollen so lange an ihren alten Anlagen herumflicken, bis die Aufsichts­behörden sie wegen untragbarer Risiken aus dem Verkehr ziehen müssen. Rechtshändel und Entschädigungsforderungen sind dabei programmiert.

Für mich ist deshalb klar: Nur mit einer verbindlichen Laufzeitbe­schränkung kann der Atomausstieg vernünftig geplant und umgesetzt werden. Der Ständerat tut deshalb gut daran, die Energiestrategie in der Herbstsession kräftig nachzubessern. Er wird damit nicht nur die Sicherheit erhöhen und Kosten sparen. Sondern wichtige Impulse für den Erhalt und die Schaffung von lokalen Arbeitsplätzen auslösen.