Asylchaos? Tourismuschaos!

Kein Tourismusdirektor hatte seine Stadt so erfolgreich verkauft wie «Mister Luzern». Als seinen grössten Erfolg bezeichnete der mittlerweile verstorbene Kurt H. Illi die Japaner-Hochzeiten. Anfang der 80er-Jahre fand die erste Hochzeit auf dem Titlis statt. Illi sorgte dafür, dass eine grosse japanische Fernsehgesellschaft das Ereignis am Silvesterabend live übertrug. Luzern wurde über Nacht allen Japanern ein Begriff.

Jeder Boom hat seine Schattenseiten.

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«Das Fass überläuft»: Asiatische Touristen in Luzern. Foto: Sigi Tischler (Keystone)

Noch heute kann Luzern ernten, was der begnadete Verkäufer einst gesät hat. Längst sind es aber nicht mehr Japaner, die in Massen nach Luzern reisen. «Die Stadt Luzern ist ein Muss. Wenn Chinesen nach Europa reisen, wollen alle nach Luzern», freute sich der Luzerner Stadtpräsident Stefan Roth nach seiner letztjährigen Werbetour durch China. In Zahlen ausgedrückt: Von 1999 bis 2012 nahm die Zahl der Übernachtungen von chinesischen Touristen landesweit von 144’000 auf 815’000 zu – wobei 136’000 Nächte allein auf die Stadt Luzern entfielen. Letztes Jahr stiegen in Luzern die Übernachtungen um satte 3,6 Prozent auf rekordhohe 1,218 Millionen.

Doch jeder Boom hat seine Schattenseiten. Zum ersten Mal gingen die Wogen hoch, als 2012 auf dem Schwanenplatz ein Fussgänger von einem Reisecar überfahren wurde. Das lebensgefährliche Verkehrschaos verursachen die täglich bis zu 250 Cars, die asiatische Touristen direkt vor den grossen Luxusuhrengeschäften abladen und sie nach ihren Shoppingtouren voll bepackt wieder wegfahren. Ein Jahr später kritisierten die Direktoren Luzerner Fünfsternhotels die einseitige Ausrichtung auf den Billigtourismus zugunsten der Uhrenbranche. Diesen Frühling sorgte eine Hoteldirektorin schweizweit für Aufsehen, weil sie die Anstandsresten auf den Tellern chinesischer Touristen öffentlich als Lebensmittelverschwendung kritisierte. Wenige Wochen darauf beschäftigte die Luzerner die Verdrängung des angestammten Gewerbes durch die vielen neuen Uhrengeschäfte aus der Altstadt. Zwischendurch erklärte der Zuger Tourismusdirektor angesichts der auch in seiner Stadt stark steigenden Zahl chinesischer Feriengäste: «Wir wollen kein zweites Luzern.»

Bisher wurde die mediale Kritik zurückhaltend und oft mit dem Hinweis auf die grosse Wertschöpfung der Tourismusbranche geäussert. Kürzlich berichtete die Lokalpresse jedoch mehrmals über die haarsträubenden Erfahrungen mit chinesischen Feriengästen. Letztes Wochenende berichtete die «Zentralschweiz am Sonntag» über ein von einem Chinesen geführtes Restaurant im Vorort Ebikon. Das ursprünglich als Quartiercafé konzipierte Lokal empfängt täglich bis zu 600 chinesische Touristen. Ihre Reisebusse blockieren die Hauptstrasse und Zufahrten, Anwohner beschweren sich über Lärm, Gestank und spuckende wie rempelnde Touristen. In der gleichen Ausgabe meldete sich auch der frühere «Hopp de Bäse»-Moderator Kurt Zurfluh zu Wort: «Jetzt haben wir den Salat: Aktuelle Reaktionen zeigen, dass das Fass voll ist, wenn es nicht schon überläuft. Gemeint sind die Touristen aus Asien, die wie Hornissen Pilatus und Rigi bevölkern, Lokalitäten in Luzern stürmen, an den Pralinés in Cafés schlecken, auf der Kapellbrücke herumspucken und Toiletten auf den Vierwaldstättersee-Schiffen verstopfen.»

Man fragt sich, warum die SVP nicht längst über das «Tourismuschaos» wettert.