Was tun eigentlich Geisteswissenschaftler?

Die Forderung nach einem Numerus clausus für Geisteswissenschaften steht wieder einmal im Raum. Jüngst waren es Exponenten der SVP, die sich nicht vorstellen können, was Germanisten, Ethnologinnen oder Historiker eigentlich tun. Beziehungsweise, sie glauben zu wissen, dass diesen Fehlgeleiteten nur der Gang aufs Arbeitsamt und langfristig ein Leben als «Loser» bleibe, während «die Gesellschaft» sich über verschwendete Bildungsmilliarden ärgern müsse. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache; die Arbeitslosenrate von Geisteswissenschaftlern fünf Jahre nach dem Abschluss liegt leicht unter jener von Naturwissenschaftlern, und beide Werte liegen im Normalbereich der Arbeitslosigkeit hierzulande. Das bedeutet nicht, dass alle anderen in ihrem Traumjob arbeiten, aber das ist in anderen Berufsfeldern genauso.

Sie können recherchieren und komplexe Zusammenhänge analysieren, sie können schreiben und vermitteln.

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Viele Journalisten verfügen über einen geisteswissenschaftlichen Hintergrund: Mitarbeiterin auf der Redaktion der Aargauer Zeitung. Foto: Keystone

Doch abgesehen davon: Was tun Geisteswissenschaftler eigentlich, wenn sie die Uni verlassen? Es gibt für sie drei klassische Berufsfelder:

Zuerst ist dies das Lehramt an Mittel- und Berufsschulen. Alle Sprachfächer, dazu aber auch Geschichte, Staatskunde und ähnliche Unterrichtsfelder, müssen von Akademikern unterrichtet werden, um das Niveau dieser Schulen anschlussfähig für die Anforderungen der Wirtschaft, des gesellschaftlichen Lebens sowie der Universitäten zu halten.

Zweitens: die Medien. Zwar braucht es für das Zusammenschnipseln von Agenturmeldungen und das Verbreiten von Promi-Klatsch in Gratisblättern kein Germanistikstudium. Aber Journalistinnen und Journalisten im Qualitätsjournalismus (inkl. TV), auf den unsere Gesellschaft angewiesen ist, haben in aller Regel eine akademische Ausbildung, zum Beispiel in Geschichte, hinter sich, weil sie diese befähigt, die Komplexität der Welt, über die sie berichten, zu analysieren.

Drittens: Ein nicht unbedeutender Prozentsatz der Geisteswissenschaftler arbeitet in Museen, Archiven und ähnlichen Kulturinstitutionen – vom Theater über die Filmwirtschaft bis zum Kunstmarkt, vom Heimatmuseum über Kulturvermittlung bis zum Verlagswesen. Gesellschaften leben nicht allein von dem, was man landläufig «die Wirtschaft» nennt, sondern zu einem sehr wesentlichen Teil auch von ihrem kulturellen Erbe und ihrer gegenwärtigen, aktuellen Kultur (inkl. deren Beitrag zur wirtschaftlichen Wertschöpfung!).

Es soll nicht verschwiegen werden, dass der Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler in den letzten Jahren härter geworden ist; die Medien wie auch die Kultur kämpfen mit schrumpfenden Budgets. Das mag den Einwand provozieren, dass eben doch viel mehr Akademiker «produziert» werden, als es sie in den drei klassischen Berufsfeldern braucht. In der Tat! Denn Geisteswissenschaftler finden, wie übrigens auch Naturwissenschaftler, zuhauf Arbeit in Bereichen, die nichts mit ihrem Fachgebiet zu tun haben. So ist eine Historikerin Zentralsekretärin einer grossen Gewerkschaft, nicht wenige Geisteswissenschaftler arbeiten in der Finanzindustrie; man findet sie in den kantonalen Verwaltungen, der Bundesverwaltung oder in den Parlamentsdiensten, in der PR- und Kommunikationsbranche, in Verbänden und NGOs, im diplomatischen Dienst, selbstverständlich auch im Management von Universitäten und Fachhochschulen. Warum? Sie können recherchieren und komplexe Zusammenhänge analysieren, sie können schreiben und vermitteln. Sie haben, mit anderen Worten, ein Handwerk gelernt, das in unserer Wissensgesellschaft goldenen Boden hat.