Der Umwelthedonist – ein grüner Schädling

Eine Spezies droht in der Schweiz auszusterben: der Umweltschützer. Seit Jahr und Tag vergiesst er sein Herzblut für die Rettung der Natur – zumeist jedoch ohne durchschlagenden Erfolg. Das hinterlässt Spuren. Nicht nur in der Umwelt, die unter dem Diktat des Kapitals in zerstörerischer Weise ausgebeutet wird. Auch die Psyche leidet: Im besten Fall wandelt sich der Umweltschützer zum gekränkten Idealisten, zum Zyniker also, zumeist aber ergreift ihn ein Gefühl von Hilflosigkeit, das in Frustration münden, gar in Wut umschlagen kann. Der Umweltschützer kann das Leben nicht mehr geniessen, wird also selber ungeniessbar.

In der Ökobewegung hinterlässt der schleichende Tod dieser Spezies jedoch keine Lücke, zumindest keine offensichtliche. Denn an der Stelle des Umweltschützers macht sich zunehmend ein neuer Typus breit: der Umwelthedonist. Anders als der Umweltschützer versucht er, die Welt mit einem entspannten Lächeln zu retten. Den Lebensgenuss mag er sich allen Katastrophenszenarien zum Trotz nicht verderben lassen. Also kauft er weiter Wein aus Neuseeland – jedoch bio. Er fährt Auto – indes mit sparsamem Motor. Er fliegt nach Florida – nicht aber ohne Klimaticket.

Solange Umweltschutz nicht schmerzt, findet er Zuspruch.

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Wie gut vertragen sich Ökologie und Wohlstand? Die Frage wird uns auch in Zukunft beschäftigen. Foto: Philippe Put/Flickr

Die Umwelt schützt er damit aber nicht. Vielmehr belastet er sie zusätzlich, weil er tut, was er nicht lassen kann: konsumieren. Der Umwelthedonist weiss darum. Doch weil sein Lebensstil genussmaximiert und damit attraktiv ist, findet er immer mehr Nachahmer. Als Folge davon schrumpft die Zahl derjenigen, die seine Widersprüchlichkeit offen kritisieren. Diese Entwicklung hat eine kritische Schwelle überschritten. Mittlerweile darf sich der Umwelthedonist grün nennen – unwidersprochen. Und fast noch bedenklicher: Er fühlt sich all denjenigen moralisch überlegen, die sich einen Deut um die Umwelt scheren, dies aber nicht zu kaschieren versuchen.

Möglicherweise liegt in dieser Typenwandlung ein Mitgrund für die jüngsten Niederlagen der Ökobewegung in den kantonalen Wahlen. Solange Umweltschutz nicht schmerzt, findet er vergleichsweise breiten Zuspruch. Die Zersiedlung bremsen? Ja – aber nur, solange ich weiter ein Haus auf der grünen Wiese bauen kann! Die Energiewende vorantreiben? Auch dies eine wunderbare Idee – solange das Benzin nicht teurer wird!

Der Umwelthedonist verkennt die Lage: Umweltschutz im 21. Jahrhundert ist mehr, als nur Gewässer, Wälder, Wiesen und Tiere zu schützen. Je weiter er sich entwickelt, desto mehr neigt er dazu, in unseren Alltag einzugreifen; davon zeugen die jüngsten grünen Initiativprojekte. Die Grünliberalen wollten die fossile Energie verteuern. Doch das Volk schmetterte das Ansinnen im März mit 92 Prozent Nein-Stimmen ab.

Die historisch wuchtige Ablehnung belegt, wie unpopulär es ist, die Mobilität preislich steuern und damit die Bewegungsfreiheit der Menschen lenken zu wollen. Ein ähnliches Verdikt könnte der Volksinitiative «Grüne Wirtschaft» blühen. Die Grünen wollen damit den ökologischen Fussabdruck der Schweizer von drei Erden auf eine senken. Dazu braucht es aber mehr als Recycling, Effizienz und erneuerbare Energien. Ohne Einschränkung und Verzicht wird es nicht möglich sein, eine Gesellschaft derart fundamental umzubauen. Doch darauf verspürt der Umwelthedonist keine Lust. Instinktiv wendet er sich deshalb von den Ökoparteien ab, sobald er seinen Lebensstil bedroht sieht.

Die Ökoparteien sehen sich damit vor die Wahl gestellt: Entweder sie mutieren zu ökologischen Eunuchen und sichern sich so ihren Support. Oder aber sie bleiben ihrer Linie treu – auf die Gefahr hin, weitere Wähler zu verlieren. So der so: Der Ökobewegung stehen harte Zeiten bevor.