Als der Akustikkoppler krächzte

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Das schleckt keine Geiss weg: Ich bin 63, habe schon ein gutes Dutzend Wahlen erlebt und bin ebenso häufig sonntagnachts zwischen 22 Uhr und 1 Uhr knäppstens an einem Herzinfarkt und leeren Zeitungsseiten vorbeigeschrammt. Man glaubts heute kaum: Aber es gab schon Wahlen, als Handys, Internet und Laptops noch nicht erfunden waren.

Die Wahlresultate wurden in den späten Siebziger- und Achtzigerjahren per Teletext und natürlich im Radio aktuell an die Öffentlichkeit übertragen. Die Radiojournalisten waren die Platzhirsche in den Wahllokalen. Auf den Zeitungsjournis lastete die schwere Aufgabe, die Texte auf Hermes-Baby-Schreibmaschinen zu töggelen, von flinken Datatypistinnen abtippen und sofort in Blei giessen und umbrechen zu lassen. Bilder mussten im Schwarzweisslabor entwickelt, vergrössert, gerastert und auf ein Klischee geäzt werden. Am Montagmorgen eine fertige Zeitung abzuliefern – das war eine reife Leistung.

Dann kamen die MC10-, Atari- oder Commodore-Computer. Als kribbeligste Erinnerung bleibt das Übermitteln von Texten durch einen Akustikkoppler. Die wurden in einer Telefonkabine mit Klettbändern an den Hörer gekoppelt, dann rauschte und krächzte es, und die Texte wurden mit wenigen Zeichen pro Sekunde in die Redaktion übermittelt. Der schnellste Journalist war derjenige, der sich als erster einen Platz in der Telefonkabine erkämpft und genügend 20er-Münzen auf Vorrat hatte.

In den Neunzigerjahren spannten der Tagi und die NZZ bei Wahlen zusammen, um in jedem Bezirk einen Journalisten vor Ort zu haben, der die Wahlresultate direkt an die Redaktionen übermittelte. Damit gewannen wir Zeit und vermieden den Umweg über die kantonale Wahlzentrale. Die Tagi-Informatik-Abteilung, die unter der Woche Löhne abrechnete und den Konzerngewinn optimierte, half mit einem Freiwilligen-Team beim Rechnen. So konnten wir die Sitzverteilung des Kantonsrates in Satz geben, bevor die Resultate im Kaspar-Escher-Haus des Kantons offiziell ausgedruckt wurden.

1999 waren die Resultate der kantonalen Wahlen erstmals im Internet abrufbar – theoretisch wenigstens.

Die Bundeshauskorrespondenten 1974 in Bern. (Keystone)

Die Bundeshauskorrespondenten 1974 in Bern. (Keystone)

Als der Fax aufkam, liess Zürich-Ressortleiter Wilfried Maurer beim Tagi durch die PTT ein halbes Dutzend Faxgeräte montieren, damit spät in der Nacht zur entscheidenden Zeit ja keines besetzt war oder wegen Papierstaus ausfiel. Ein kleineres Heer an Pensionierten und Redaktionssekretärinnen half bis nach Mitternacht, Daten einzugeben und zu prüfen.

1991 berichtete TA-Technikredaktor Walter Jäggi von einer «Elektronik-Messe im Kaspar-Escher-Haus». Wahlresultate flackerten über grosse Röhrenfernseher, und die kantonalen Statistiker schafften es, darauf Kuchendiagramme zu zaubern. «Laptops haben die Schreibmaschinen abgelöst», schrieb Jäggi. Aus heutiger Optik viel brisanter: Eine TV-Station namens Hasli TV (heute Züri-Plus) war mit ebenso vielen Kameras und Scheinwerfern vertreten wie das Schweizer Farbfernsehen.

1999 waren die Resultate der kantonalen Wahlen erstmals im Internet abrufbar – theoretisch wenigstens. Kurz nach der Aufschaltung der ersten Resultate kollabierte der Server. Die Idee war gut, die damalige Elektronik kam mit den vielen Klicks allerdings nicht zurecht.

Knüppeldick kams fürs Statistische Amt bei den Nationalratswahlen 1999. Wegen einer Computerpanne verzögerte sich die Berechnung der Sitzverteilung bis am Montagmittag. Im «Gesehen & Gehört» berichtete der Tagi damals, dass ein gewisser Mario Fehr im Kantonsrat «Ringe unter den Augen hatte», weil er die halbe Nacht kribbelig im Internet verbracht habe. Einem einfachen Kantonsrat namens Alfred Heer – heute SVP-Präsident und Nationalrat – gelang es um 11.30 Uhr als Erstem, mit einem Taschenrechner die Sitzverteilung zu bestimmen. Mario Fehr wurde damals Nationalrat, die SP-Kandidatin Esther Arnet dagegen schaffte es nicht. Was Justizdirektor Markus Notter gleich doppelt ärgerte: Erstens geschah die Computerpanne in seinem Amt – und zweitens ist Esther Arnet seine Frau.

 

 

10 Comments sur «Als der Akustikkoppler krächzte»

  • Gianni Thommen says:

    Spannender Artikel! Unvorstellbar heutzutage im Zeitalter von Social Media.

  • Küsel says:

    Schöner Artikel, der mir auch einige Erinnerungen hervorbeschwor. z.B. die Wahl von Vater Schlumpf in den Bundesrat oder die Abspaltung des Kantons Jura von Bern, was wir in der Primarschule – mehrere Kleinklassen zusammen – live am Radio mitverfolgen durften. 1999 habe ich für die Uni Zürich eine politologische Website aufgebaut und zum ersten Mal die Resultate der Wahlen, welche über Radio, Fernsehen und einschlägigen Websites reingekommen sind simultan im HTML eingespeist.

  • Peter Vollenweider says:

    “Der schnellste Journalist war derjenige, der sich als erster einen Platz in der Telefonkabine erkämpft und genügend 20er-Münzen auf Vorrat hatte.”
    Der Blick in die Vergangenheit ist interessant beschrieben.

  • Claude Buhler says:

    Ich war anfangs 80er Jahren Korrespondent von Le Matin, Lausanne (vorm.Tribune de Lausanne) in Zurich. Ich schrieb meine Texte immer im Telephonzentrum HB Zurich. Dort hatte es 2 Telexkabinen, wo ich die Berichte (Zueri Unruhen etc..) auf Lochstreifen schrieb, nachher die Le Matin Redaktion auf Telex anwaehlte und bei OK , den Streifen nochmals durch den Fax liess und Lausanne nachher mir den Erhalt bestaetigte. Auch waren die Kosten des Fax gut geregelt. Journalisten konnten ihre Fax von oeffentl. Zentralen ,auf Kosten der Heimredaktion, senden.

  • Leo Nauber says:

    Und das war nicht im Mittelalter, sondern als die heutigen Teenager bis die heute rund 20-30 Jährigen geboren wurden.

  • max steiner says:

    Stellen sie sich vor, wie jemand mit Jahrgang 1929 Wahlen und Abstimmungen erlebt hat. Es gab früher nicht einmal Taschenrechner und man hat im Urnenbüro oft bis Mitternacht ausgezählt. Und die journalisten wollten die neuesten
    Zahlen von Urnenbüromitgliedern erhaschen. Immerhin waren auch damals die Ergebnisse überprüfbar und echt.

  • Hanspeter Müller says:

    Und dieser einmalige Ton beim Einwählen mit dem Modem. Die Telefone waren noch fix an der Wand und hatten Wählscheiben. Und nicht vergessen: vor dem 15. November 1970 herrschte noch Ruhe und Ordnung. Da waren die Männer bei kantonalen Wahlen noch unter sich.

  • Schneeberger says:

    Sehr schön. Das Handshake-Geräusch von Analog-Modems und Faxgeräten weckt auch bei Technikfreaks noch nostalgische Gefühle. Noch ist es hörbar – bald wird es zu Grabe getragen und kann dann als Alterstest dienen: Kennst du dieses Geräusch, und ich sage dir, wie alt du bist.

  • Erna Motztante says:

    Damals gab es die Fax-Geräte, bei denen man jedes Blatt einzeln auf einer Trommel einspannen musste. Auf der Gegenstelle musste gleichzeitig ein Thermo-Papier auf die Trommel gespannt werden. Erst wenn dies geschehen war, konnte man den Fax anrufen. Nach jeder Seite rapportierte ein Setzer telefonisch, ob das Blatt lesbar durchgekommen sei. Manchmal war man schneller, wenn man den Text telefonisch direkt an die Setzerei durchgab.
    Wenn man unterwegs war und musste via Telefonkabine telefonieren, hatte aber kein Münz mehr, gabs auch einige Tricks 🙂

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