Betroffenheitspolitik

Es gibt kaum etwas Langweiligeres als Journalisten, die ihre eigene Betroffenheit zum Thema machen. Der Journalist muss etwas länger auf einen Krippenplatz warten: Am nächsten Tag steht es in der Zeitung. Der Journalist wird im Zug wegen eines ungültigen Rückfahrbilletts gebüsst: Die SBB-Medienstelle darf sich auf eine böse Mail freuen. Der Journalist wird im Restaurant einen Tick zu nachlässig bedient: Ein Verriss wird diese Kellner Anstand lehren. Der Vorteil dabei: Aus dem privaten Diner wird damit subito ein geschäftlicher Termin. Spesenrechnung!

Wer Zugang zur Öffentlichkeit hat, riskiert, diese für seine persönlichen Zwecke zu missbrauchen.

Politblog

Eine SP-Politikerin setzt sich für KMU ein? Klar, Jacqueline Badran führt schliesslich eines!

Wer Zugang zu einer leider immer kleineren Öffentlichkeit hat (Kulturpessimismus ist auch so ein Dauerbrenner im Journalismus und ähnlich langweilig wie Betroffenheit), der riskiert ständig, diese Öffentlichkeit für seine persönlichen Zwecke zu missbrauchen. Sorry dafür!

Ja, wir Journalisten sind schlimm. Aber die Politiker sind schlimmer. Weitgehend schambefreit interpellieren und motionieren die Herren und Damen Nationalräte zu Themen, die sie vor allem persönlich bewegen. Wer Belege für diese These braucht, der verfolge die Berichterstattung über die aktuell laufende Session.

  • Die zu teure Kinderbetreuung: Andrea Caroni, ewiger Nachwuchsstar des Freisinns aus dem Kanton Appenzell, hat ein Problem. Wenn er seine einjährige Tochter von einer Tagesmutter bei sich zu Hause betreuen lässt, kostet ihn das 160 Franken pro Tag. Wenn er sein Töchterchen allerdings zur Tagesmutter bringt, dann spart er 60 Franken. Eine Nanny (das wird die Tagesmutter, sobald sie die Kinder bei den Eltern zu Hause betreut) hat einen höheren Mindestlohn. Geht ja gar nicht, denkt sich Rechtsanwalt Caroni und reicht einen Vorstoss ein.
  • Das Tourismusmandat: Dominique de Buman ist Präsident des Schweizer Tourismusverbandes und auch ein wenig Nationalrat der CVP. Bei der Debatte über die Frankenstärke redete de Buman im Namen seiner Fraktion eigentlich über den Franken und doch nur über eines: den armen Tourismus, der dringend vom Staat unterstützt werden müsste. «Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral», kommentierte die BaZ böse.
  • Die Steuerbefreiung: Jacqueline Badran, Nationalrätin der SP, besitzt eine kleine IT-Firma. Sie machte aus ihrer persönlichen Betroffenheit kein Geheimnis. «Wie rette ich die Arbeitsplätze meiner hoch qualifizierten Mitarbeiter?», fragte sich Badran und reichte diese Woche einen Vorstoss für eine Steuererleichterung ein, die vor allem KMU wie ihrem zugutekommt. Ihre Motion wird breit unterstützt – sie ist nicht die einzige betroffene Unternehmerin im Nationalrat.

Dass der Mechanismus auch umgekehrt funktioniert, musste diese Woche der grünliberale Nationalrat Josias Gasser aus Graubünden erfahren. Als er sich in der Debatte um den Finanzausgleich nicht von seiner persönlichen Betroffenheit leiten liess und jener Variante zustimmte, die seinem Heimatkanton zum Nachteil gereicht (aber aus nationaler Perspektive sehr wohl Sinn macht), da empfahl ihn seine Heimatzeitung indirekt zur Abwahl. Und damit kommen wir wieder zum Beginn dieses Textes. Wenn der Politiker einmal nicht betroffen ist, dann wird sich ziemlich sicher ein Journalist finden, der das an seiner Stelle erledigt. Vielleicht sind doch wir Journalisten schlimmer.