Porno 2015 – mit dem Bundesamt für Gesundheit

Zu den vornehmsten Aufgaben des Journalismus gehört es, kommende Entwicklungen zu antizipieren. Beobachten, kombinieren, prognostizieren – dank dieser Methodik können wir Ihnen heute eine Exklusivität präsentieren: ein Sitzungsprotokoll des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) von Dezember 2014, also von Ende dieses Jahres!

Unser Konzept wird Ihr Provokations- und Aufmerksamkeitsproblem für die nächsten Jahre lösen.

Politblog

Ein küssendes Paar aus der aktuellen Kampagne des BAG. (Foto: BAG)

Anwesend sind: BAG-Direktor Pascal Strupler, der Leiter der Abteilung Prävention, der Finanzchef des Amtes. Weiter anwesend: zwei Werbefachleute, ohne Krawatte, mit Halsschärpe, Hornbrille, der jüngere vor einem Laptop, dahinter eine Projektionswand.

Strupler: Meine Herren, Sie kennen das Problem: Unsere letzte Aids-Kampagne brachte so deftige Bilder wie noch nie. Der «Blick» rief in unserem Namen zum Sex-Casting, die EVP warf uns Pornografie vor, es gab sogar eine Anzeige deswegen. Trotzdem ist die Aids-Rate nicht gesunken, und Umfragen berichten von schlechten Aufmerksamkeitswerten. Mein Gott, wie soll man denn Aufmerksamkeit erregen, wenn sich heute jeder Zwölfjährige solchen Kram aufs Smartphone laden kann! Um dieses Problem zu lösen, haben wir heute Herrn Dominique van der Geest von der Zürcher Werbeagentur funxx! und seinen Assistenten bei uns zu Gast. Sie werden uns ihr Konzept für die Aids-Kampagne 2015 präsentieren. Herr van der Geest, Sie haben das Wort.

Van der Geest: Herr Direktor Strupler, meine Herren, ich darf mit einer guten Nachricht beginnen: Sie haben sich für den richtigen Partner entschieden. Unser Konzept wird Ihr Provokations- und Aufmerksamkeitsproblem für die nächsten Jahre lösen. Zuerst wollen wir die Schwäche der letztjährigen Kampagne analysieren. (Zum Assistenten🙂 Kresimir, lass doch mal den Clip laufen.

Strupler: Äh, müssen wir das hier wirklich gemeinsam…

Doch Kresimir hat bereits den Flash-Player aktiviert. Der Clip läuft bis zum Ende durch.

Van der Geest: So, meine Herren: Haben Sie gemerkt, wo der Haken liegt?

Der Finanzchef: Nun, die Kameraeinstellung in Minute 0:34 war …

Van der Geest (unterbricht): Regie, Technik und Drehbuch sind völlig in Ordnung. Die Darsteller sind das Problem. (Fragende Blicke, Schweigen.) Sie schweigen, und Sie haben recht damit. Es gibt zu den Darstellern nichts zu sagen. Man kennt sie nicht.

Der Präventionschef: Für Stars aus Kalifornien fehlt uns das Geld. Es sei denn natürlich, man erhöhte uns das Präventionsbudget. (Zum Finanzchef🙂 Ist eigentlich unser Antrag schon raus?

Van der Geest: Für unser Konzept müssen Sie keine kalifornischen Gagen zahlen. Und Sie wollen ja sowieso zeigen, was «in den Schweizer Betten passiert», wie das Ihr letztjähriger Werber formuliert hat. Ein netter Ansatz, aber (lächelt süffisant): Was in den Schweizer Betten passiert, wissen die Schweizer. Es sind nur ganz bestimmte Schweizer Betten, die interessieren.

Der Präventionschef: Wir sollen Cervelatpromis anfragen?

Van der Geest: Nicht irgendwelche. Es geht um die einzigen Leute, die Ihre Botschaft wirklich glaubhaft rüberbringen können. Von wem bekommen Sie denn jedes Jahr die Mittel für Ihre Kampagnen gesprochen?

Strupler (begreift als Erster, erbleicht): Mein Gott …

Van der Geest: Sie fragten, wie Sie mehr Aufmerksamkeit generieren und mehr provozieren können, hier haben Sie die Antwort. Natürlich ist nicht jeder Nationalrat und jede Ständerätin gleich geeignet. (Auch die anderen begreifen jetzt, erbleichen.) Einen Agrarlobbyisten, der einmal im Jahr ans Mikrofon tritt und Subventionen für seine Kuhherde fordert, können wir nicht brauchen. Wir haben Selektionskriterien für die Kandidatinnen und Kandidaten entwickelt. Alle paar Monate ein Auftritt auf «Tele Züri» oder bei Schawinski ist Pflicht. Wenn er oder sie noch etwas gegen Pädophile, Sexting und Grooming hat, wunderbar, das macht es noch glaubwürdiger. Wir haben hier eine Liste mit Leuten, die wir anfragen wollen (reicht die Liste an Strupler).

Strupler (liest, murmelt dazu): Meine Güte, der! Die auch? Sogar der??

Van der Geest (in zufriedenem Tonfall): Genau so wird das Publikum auch reagieren.

Strupler: Politiker sind Selbstdarsteller, gewiss. Aber wollen sie auch Darsteller sein in einem …

Van der Geest: Die genehmigen euch das Budget, jetzt ist es eine Frage der Konsequenz, selber hinzustehen. Und wir werden auf das Werbepotenzial aufmerksam machen. 2015 ist Wahljahr. Wer bei uns mitmacht, verhindert Aids-Infektionen, rettet Menschenleben. Wann können die das sonst von sich behaupten?

Strupler (immer noch zweifelnd): Sie sagten, Sie lösen unser Problem für die nächsten Jahre. 2016 wird sich aber auch dieser … Anblick abgenutzt haben.

Van der Geest: Im Gegenteil, unser Konzept ist mehrstufig. Im ersten Jahr bringen wir nie mehr als eine Partei gleichzeitig vor die Kamera. Danach beginnen wir zu kombinieren. Die Möglichkeiten sind mannigfaltig, denken Sie an den bürgerlichen Schulterschluss, die unheilige Links-Rechts-Allianz, die Koalition der Vernunft. Ausserdem möchten wir sukzessive zu Parteikadern übergehen. Und ist die Gesundheit der sexuell aktiven Bevölkerung nicht etwas (die Stimme wird gefährlich leise), das auch die Mitglieder unserer Landesregierung persönlich interessieren müsste? (Ein Raunen geht durch den Raum.) Im Übrigen (wieder in Normallautstärke) fände ich es eine Überlegung wert, dass auch der Direktor des zuständigen Bundesamtes …

Strupler (unterbricht): Danke, das genügt für heute! Wir werden Ihrem Konzept eine Chance geben. Verschicken Sie die Einladungen. Wir treffen uns in einem Monat, um den Rücklauf zu besprechen.

Die Sitzungsteilnehmer packen zusammen, verlassen den Raum. Strupler bleibt zurück, spricht vor sich hin.

Strupler: Immer spricht man übers grosse Ganze und vergisst die Details. Zu viele Kandidaten, müssen reduzieren. Und Einladung wofür eigentlich? (Wirft einen Blick in die Unterlagen.) Ahja: «Einladung zum öffentlichen Casting: Der etwas andere Wahlkampf 2015». Natürlich.