Freiwillige Familienplanung auch für die Armen – das gefällt nicht allen

Die Ecopop-Initiative sorgt im Moment für Debatten über massloses Wachstum und ökologische Fussabdrücke. Ecopop will nicht nur zur nachhaltigen Lebensqualität in der Schweiz beitragen – wir wollen auch das unfassbare Leid von Menschen in benachteiligten Regionen dieser Welt reduzieren. Der Initiativartikel 73a verlangt im dritten Abschnitt: «Der Bund investiert mindestens 10 Prozent seiner in die internationale Entwicklungszusammenarbeit fliessenden Mittel in Massnahmen zur Förderung der freiwilligen Familienplanung». Alle Menschen sollen so mit freiem Willen ihre Familie selbst planen können, d.h. ohne staatliche Vorschriften oder materielle Mängel selbst über Zeitpunkt und Anzahl ihrer Kinder bestimmen können.

Seit 20 Jahren arbeite ich in der Entwicklungszusammenarbeit. Familienplanung gehört in all meine Projekte, bei denen es unter anderem um angepasste Technologie geht. In Kursen über Solartechnologie habe ich oft mit jungen Menschen zu tun, z.B. in Indien, Togo oder Haiti. Häufig haben sie keinen Zugang zu Aufklärung und Verhütungsmitteln. Parallel zu meiner Arbeit in sonnenreichen Ländern suche ich den Dialog über freiwillige Familienplanung als Teil einer nachhaltigen Entwicklung mit der Entwicklungsagentur des Bundes (DEZA), Hilfswerken, Politikern und Unternehmern. Das sei nicht ihr Kerngeschäft, sagt etwa Helvetas. Hugo Fasel von der römisch-katholischen Caritas wollte 2008 das Thema nicht einmal diskutieren. Positive Beispiele sind Switcher, Biovision oder Menschen für Menschen.

Jedes Jahr werden 80 Millionen Frauen ungewollt schwanger.

Eine DEZA-Mitarbeiterin erklärt einem jungen Mann in Kirgisien, wie man ein Kondom benützt. Foto: Keystone

Eine DEZA-Mitarbeiterin erklärt einem jungen Mann in Kirgisien, wie man ein Kondom benützt. Foto: Keystone

Was von den Medien und Hilfswerken meistens vergessen wird: Gemäss UNO wird 220 Millionen Frauen der Zugang zu Familienplanung vorenthalten. Diese Diskriminierung führt Jahr für Jahr zu 40 Millionen Abtreibungen, da 80 Millionen Frauen ungewollt schwanger werden!

Dieses gewaltige Leid könnte reduziert werden – aber es gibt Interessensgruppen, z.B. in Rom, Washington oder Bern, die sich gegen dieses Menschenrecht stellen. 1994 fand die letzte Bevölkerungskonferenz in Kairo statt. Für 2014 war eine Nachfolgekonferenz in Kairo geplant – aber die UNO wagt es nicht, eine Konferenz zu organisieren, da sie Rückschläge befürchtet. 2004 hat die UNO immerhin Familienplanung als Menschenrecht bestätigt. Die einzige Gegenstimme kam von den USA.

HIV/Aids wird von der DEZA als übergreifendes Thema in alle Projekten integriert. 72 Parlamentarier aus allen Lagern fordern im Postulat von Doris Fiala, dass auch freiwillige Familienplanung und Prävention aller sexuell übertragbaren Krankheiten Teil aller DEZA-Projekte werden. Das will auch Ecopop.

Dass nun Politiker und Entwicklungsexperten nicht einmal bescheidene 10 Prozent des DEZA-Budgets für freiwillige Familienplanung einsetzen wollen, ist – in Anbetracht der grossen Not wegen fehlender Prävention – engstirnig und herzlos. Ecopop ist überzeugt, dass 90 Prozent der DEZA-Mittel, eingesetzt für alle Aktivitäten, die nicht mit der Familienplanung in Zusammenhang stehen, genügen, um nachhaltige Entwicklung zu erreichen.

Und da jeder in die freiwillige Familienplanung investierte Franken weit höhere Folgekosten spart (für Gesundheit, Bildung, Infrastruktur, Klimaschutz), und die Länder so schneller aus der Armutsfalle herauskommen, gibt es auch für ökonomisch denkende Menschen keine Alternative zu einer entsprechenden Ergänzung der bisherigen Entwicklungspolitik.