Der Ruf nach der Altersguillotine

Was ist in Andy Tschümperlin gefahren, als er meinte, alle über 65-Jährigen hätten sich aus dem Nationalrat auf das Altenteil zurückzuziehen? Möglicherweise hat er Rache genommen, weil seine SP-Fraktion bestimmte, dass Susanne Leutenegger Oberholzer, entgegen seinem Antrag, das prestigeträchtige Präsidium der Kommissionen für Wirtschaft und Abgaben (WAK) erklimmen soll. Die streitbare und links aussen politisierende Baselbieter Dame solle gefälligst nach ihrem 65. Geburtstag Jüngeren Platz schaffen. Ist das Parlament unter der Käseglocke der Bundeskuppel vollends zu einer hundskommunen Firma mutiert, aus der auszuscheiden hat, wer das Renteneintrittsalter 65 erreicht hat?

Sind die eidgenössischen Parlamentarier nicht vom Volk gewählte Repräsentanten, die nicht in erster Linie einer Partei, nicht einer Institution, sondern nur ihren Wählern und der Verfassung verpflichtet sind? Ist also Tschümperlins Sicht vom Klima unter der Käseglocke derart getrübt, weil er sich nur unter seinesgleichen bewegt, immer und immer wieder von Medienleuten bedrängt, die nach süffigen Storys fahnden, von Lobbyisten umringt, die nach Einfluss gieren, und weil er so gerne umworben wird? Kann er gar nicht anders, als ab und zu vorlaut zu werden, um den Medien die so heiss geliebten und begehrten Insiderstorys zu liefern? Und es ist dann unvermeidlich, dass er auch noch in die gestellte Falle tappt, worauf ihn dann die Journalistengarde noch so gerne vorführt, weil Schadenfreude eben die schönste Freude ist.

Wichtig ist doch, dass das Parlament repräsentativ ist, dass alle politisch relevanten Kräfte, alle Altersgruppen, alle Geschlechter, alle Regionen und Sprachen aufgrund der von den Wahlen bestimmten Kräfteverhältnisse der kandidierenden Parteien angemessen darin vertreten sind. Wichtig ist auch, dass wir in die eidgenössischen Räte kompetente, engagierte Frauen und Männer schicken, die das politische Handwerk verstehen, Sachverstand besitzen, sich verständlich auszudrücken verstehen und ihre Argumente auch klar vermitteln können.

Unwichtig sind Amtszeitbeschränkungen und Altersguillotinen. Vielmehr sind die Parteien aufgefordert, die politische Laufbahn ihrer Repräsentanten langfristig zu planen.

(Keystone/Gaëtan Bally)

Der Austritt aus der Erwerbstätigkeit ist für viele ein Anfang: Besucher und Besucherin eines Kurses zur Vorbereitung auf die Pensionierung, 30. Oktober 2008. (Keystone/Gaëtan Bally)

Unwichtig sind Amtszeitbeschränkungen und Altersguillotinen. Vielmehr sind die Parteien aufgefordert, die politische Laufbahn ihrer Repräsentanten langfristig zu planen. Die SP könnte in den eigenen Reihen Anschauungsunterricht geniessen, wenn sie nur wollte. Sie würde erkennen, dass Paul Rechsteiner zum Beispiel, der linke Gewerkschaftschef, sich in den 25 Jahren im Nationalrat derart Anerkennung verschaffte, dass das an sich bürgerliche St. Galler Stimmvolk ihn mit über 50 Prozent Wählerstimmen gar in den Ständerat schickte. Wäre er nach 12 Jahren abgetreten, er wäre wohl in Vergessenheit geraten.

In Italien hat Giorgio Napolitano, das greise Staatsoberhaupt, jüngst sein Land vor einer veritablen Krise gerettet. Er ist auch mit 89 Jahren nochmals angetreten, weil sich die parlamentarische Elite unseres Nachbarlandes nicht auf eine andere Person einigen konnte. Er war es auch, der Silvio Berlusconi bei dessen eigennützigen Aktivitäten immer wieder staatsmännisch die Stirne bot.

In Deutschland ist Konrad Adenauer mit 73 Jahren zum ersten deutschen Bundeskanzler gewählt worden. Er war 87 Jahre alt, als er 1963 zurücktrat. Mit seinem Wirtschaftsminister Ludwig Erhard zusammen schuf er das deutsche Wirtschaftswunder. Papst Franziskus überrascht mit seiner Volksnähe, seiner Lockerheit und insbesondere mit seinem Reformwillen die ganze Welt; er steht im 78. Altersjahr.

Und ohne den 73-jährigen Christoph Blocher hätte die SVP schon lange an medialer Aufmerksamkeit, Glanz und Geld eingebüsst.

Oder ganz aktuell in Erinnerung gebracht: Nelson Mandela wurde mit 76 Jahren südafrikanischer Staatspräsident, nachdem er 27 Jahre im Gefängnis verbracht hatte. Ohne Rachegefühle, ohne Bitterkeit, mit grossem Sinn für Gerechtigkeit und Gleichheit führte er das Land aus der Isolation in eine Zukunft, in der endlich auch seine schwarzen Schwestern und Brüder Chancengleichheit erhielten.

Das mögen Ausnahmen sein, zu wünschen wären auch uns in der Schweiz solche Ausnahmen. Andy Tschümperlin will das verhindern. Das ist weder weitsichtig noch klug, es ist schlicht kleinkariert.

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39 Kommentare zu «Der Ruf nach der Altersguillotine»

  • Mario Monaro sagt:

    Selbstverständlich ist eine Altersbeschränkung bei Parlamentariern ein Unsinn. Darüber muss hoffentlich niemand lange nachdenken. Wir sollten nicht auf jeden populistischen Versuch von Fraktions- oder Parteipräsidenten hereinfallen, seine Partei in die Schlagzeilen zu bringen.

    • Enrique sagt:

      Selbstverständlich ist nichts Mario. Sie sollen Jüngeren Platz machen so einfach ist das. Man kann nicht auf der einen Seite mit 65 Jahren Pensioniert werden und auf der anderen Seite als Politiker ein Top Salär einstreichen.
      Max. 2 Jahre über das Rentenalter wäre machbar.

  • martin sagt:

    Tatsächlich gibt es einige Gründe, die gegen eine Altersbeschränkung sprechen. Beachtlich finde ich aber, dass der Autor des Artikels selber von dieser Beschränkung betroffen wäre. Es erstaunt daher wenig, dass er den Vorschlag sehr einseitig beleuchtet. Wahrlich auch nicht gerade ein Zeichen für Weitsicht und Offenheit.

  • Franz sagt:

    Anton Schaller ist genu so einer der Tschümperlin aufs Abstellgleis schicken würde also nimmt er es mehr oder weniger persönlich,es ist ein Fakt dass es Sesselkleber gibt auch andere CH Bürger sollen mal eine chance kriegen ihrem Land zu dienen anstatt 20 Jahre die gleiche Person im Sessel,es braucht also Amtszeitbeschränkungen,es ist ein Fakt das die meisten Leute in unserem Parlament über 40sind,es braucht also auch jüngere Leute da die Elteren Generationen zum teil beim gleichen Thema andere Meinungen haben & die Position der jüngeren nicht genügend vertreten sind.

    • jack sagt:

      Sessel Kleber und Guter Politiker sind 2 Paar Schuhe.In der Politik darf man niemanden eine schangse Geben,die Leiter rauf Arbeiten dann Braucht es keine Schangse.

      • K. Bernet sagt:

        Vor über 30 Jahren hat Nationalrat Blocher in der Oppositon lauthals sich über Sesselkleber beklagt und alle aufgerufen zu gehen, heute ist er selber einer der grössten Sesselkleber.

    • Markus Rytz sagt:

      Wenn jemand seine Aufgabe gut macht, spielt es doch keine Rolle wie alt er/sie ist. Eine Amtszeitbeschränkung könnte ich mir jedoch schon vorstellen.

  • R. Merten sagt:

    Manche Bürger sind mit 70 geistig noch besser dran als 30-jährige. Dazu haben die Aelteren mehr Lebenserfahrung, Gelassenheit und können Probleme vielfach umfassender angehen. Genosse Tschümperlin hat sich mit seinem Votum wieder mal in Erinnerung gerufen und in die Nesseln gesetzt- sonst wäre seine Person vergessen worden. Politiker, die keine anderen Probleme in der CH sehen, gehören abgewählt. Sich auf einem so bedenklich tiefen Niveau profilieren zu wollen passt zu den Sozialisten !

  • Müller R. sagt:

    Die Idee find ich gut, denn dann werden den über 65 jährigen ja auch die Pflichten weggenommen. Sie werden dann ja unter anderem auch von der Bezahlung von Steuern ausgeschlossen oder nicht?

  • Roland K. Moser sagt:

    Die Altersguillotine kann man problemlos einführen. Dazu gehört dann halt auch ein Mindestalter, um sich wählen lassen zu können.
    Z.B. man kann erst mit 30 Politiker werden, und mit 70 ist fertig.

    Ich würde es sowieso gut finden, das Siimm- und Wahlrechtsalter auf ca. 30 Jahre anzuheben.

  • Siegfried Schmid sagt:

    Ist dieses Ansinnen eine versteckte Botschaft aus der Trickkiste der Philosophie der Diktatur des Proletariates. Es ist erstaunlich wie Profilierungsneurotiker ihre eigene Macht über politische Forderungen vorantreiben wollen. Siegfried Schmid

  • Werner Sugi sagt:

    Herr Schaller, Für Ihren Kommentar möchte ich Ihnen
    einfach nur danke sagen. Ein 52 Jähriger!

  • Peter Pfrunger sagt:

    Sein persönlicher Angriff auf Tschümperlin, sein romantisiertes Bild, „Sind die eidgenössischen Parlamentarier nicht vom Volk gewählte Repräsentanten, die nicht in erster Linie einer Partei, nicht einer Institution, sondern nur ihren Wählern und der Verfassung verpflichtet sind?“, der Sachverhalte im Parlament und seine Unterstellun „Möglicherweise hat er Rache genommen, …“, die zeigt, wie er selber denkt, machen deutlich wie recht doch Tschümperlin hat.

  • marco sagt:

    die zukunft gehört den jungen. dies sollten wir uns alle merken. (auch ich bin über 60)

    • R. Merten sagt:

      aber zahlen dürfen dann die Alten, gell Marco !!

      • Petter sagt:

        @Merten: Was zahlen denn die Alten? AHV? IV-Beiträge? Steuern? Die verkorkste Politik ihrer Altersgenossen?
        Die Jungen werden in dieser immer älter werdenden Gesellschaft einen ganz schwierigen Stand haben. Nicht nur gesellschaftlich gesehen, sondern auch politisch.

        • R. Merten sagt:

          Dass man das auch noch aufzählen muss, Petter, spricht für sich. All die Subventionen wie Kinderkrippen, Studiengebühren, sozialistische, idiotische Pläne wie der Hafenkran etc etc etc. zahlen vor allem die gutverdienenden Aelteren mit allerhand Steuern und der Vermögenssteuer !! Von den Steuern für das marode Asyl- und Sozialwesen und deren weit verbreiteten Missbräuche gar nicht zu sprechen !!

      • abaddon sagt:

        Die Zukunft gehört allen, sie Genie.
        Gruss vom Jungen.

  • Ueli Zweifel sagt:

    welcher Politiker handelt nicht eigennützig ?

  • Cornelis Bockemühl sagt:

    Ich bin für Altersguillotine, aber erst mit 80: Dann steht einem immerhin noch eine mögliche Karriere als Papst offen!

  • markus roth sagt:

    selbstverständlich wäre eine amtszeitbeschränkung bei den bundesräten, ständeräten und nationalräten das einzig richtige in einer demokratie. sonst entstehen vermehrt klüngel und interessenskonflikte. und es entsteht dann die sesselkleber und nicht ersetztbarkeitsmentalität die glaubt das volk sei für den staat da und nicht umgekehrt.

  • Jan den Otter sagt:

    Die Argemente von Herrn Schaller haben schon was, trotzdem bin ich für eine Altersbeschränkung, das Wort „Guillotine“ finde ich deplaziert. Könnte aber auch 70 statt 65 sein. Die Zukunft gehört den Jüngeren, die sollten mehr Gewicht bekommen, und es gibt mehr alt genug alte Sesselkleber. Gerade das Beispiel Rechsteiner ist abschreckend. Der Mann hat sich politisch nicht entwickelt und rennt auch heute noch verfehlten Gleichacher-Fantasien aus der sozialistischen Steinzeit nach. Napolitano und Berlusconi sind beide Fossile und Sesselkleber. Auch hier: beste Gründe für Abtreten!

  • Simone W. sagt:

    „Wichtig ist doch, dass das Parlament repräsentativ ist…“ Das, und nur das, soll der Grund sein, weshalb man über eine Beschränkung im Alter diskutieren soll (65 ist evtl etwas tief).

  • Gautier Irgendwo sagt:

    Hätten unsere Parlamentarier tatsächlich keine wichtigeren Probleme zu lösen, als sich zum Teil selber, überflüssig zu machen.?

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    ich habe 2 grundansprüche an parlamentarier. 1) sie sollen das volk vertreten, (was ja heutzutage und wie ad acta zeigt alles andere als eine selbstverständlichkeit darstellt), und 2) sie sollen dazu auch fähig sein; ob alt, jung, mann oder frau. jegliche künstlich aufoktroierte quotenregelungen sind nichts anderes als verdeckter lobbyismus zu lasten der freien meinungsbildung und der direkten demokratie.

  • Hannes Müller sagt:

    Der Vorschlag kam von links, und die sind Spezialisten gegen die Ausgrenzung von Ausländern, Farbigen, Frauen und Alten. Pardon, bei den Alten sind die Linken ja FÜR Ausgrenzung.

    Es gibt zum Thema unbewusster Bevorzugung von jung, weiss, männlich, gross eingehende Untersuchungen bei implicit.harvard.edu und das hat auch den Weg in ein Buch gefunden (Blindspot – hidden biases of good people / = Blinder Fleck – versteckte Voreinstellungen guter Menschen)

  • Ike Conix sagt:

    2012 gab es gemäss BFS 4‘997‘135 20-64jährige und 1‘398‘618 über 65jährige (davon immer noch 390‘663 über 80jährige). Dass die von Gleichaltrigen vertreten werden, ist wirklich nicht zu viel verlangt.

  • Josef Meyer sagt:

    Die Parlamentarier werden ja vom Volk gewählt. Es können nur die gewählt werden, die sich als National- oder Ständerat zur Verfügung stellen. So reglelt sich das System. Wollen die Bürger dieses Landes eine Hundertjährige wählen, so soll ihnen das doch offenstehen. Dazu braucht es keine Altersregelung.

  • Rene Wetter sagt:

    Eine Altersguillotine ist ungerecht, man hat ab 18 das Stimm- und Wahlrecht und sollte auch für ein Amt kandidieren können. Allerdings bin ich für eine Amtszeitenbeschrämnkung und ich würde die bei 3 Amtsperioden ansetzen. Und 1 mal Aussetzen a la Putin gilt nicht.

  • bernhard moser sagt:

    Tschümperli will aus einem Grund eine Altersguillotine.

    Wie will die SP weiter für AHV-Alter 64 für Frauen und 65 für Männer kämpfen, wenn z.B. Leutenegger-Oberholzer mit 66 noch Präsidentin der WAK im Nationalrat ist. Ausserdem wird es auch schwer, weiter gegen Blocher zu wettern, weil der alte Mann sich nicht endlich zur Ruhe setzen will, nach seiner Abwahl als Bundesrat, so wie dies die Linken für ihn vorgesehen haben.

    Tschümperli hat als Fraktionschef der SP die langfristige Konsequenz für die SP beim AHV-Alter erkannt!

  • Colette Hotz sagt:

    Anton, tu as parfaitement raison et je me range de ton côté. Zum Glück gibt es noch Leute wie Du.

  • Es ist gut, wenn in einem Parlament alle Altersgruppen vertreten sind. Eine Altersbeschränkung ist Unsinn, aber was viel besser wäre, ist eine Amtszeitbeschränkung. National- und Ständeräte sollten höchstens 12 Jahre im Amt bleiben können, so wäre einigen Sesselklebern der Riegel geschoben und der Politik würde dies nur nützen.

  • michael sagt:

    das ist eine sehr gute idee ! warum sollten alte politiker anders behandelt werden als andere menschen, die aufgrund ihres altes den sessel räumen müssen ? je länger diese alten politiker im amt bleiben, desto länger wird vielleicht eine veraltete politik gemacht. und als zusätzlicher rattenschwanz bleiben einem ihre amigos erhalten. der herr blatter oder herr berlusconi sind da doch die besten beispiele für, das alte männer sich überlebt haben. und letztenendes – wofür gibt es denn dann wahlen ?

  • Jeanclaude sagt:

    Schaller fühlt sich angegriffen, da er selbst längst zum alten Eisen gehört. Immerhin kann er sich mit den abstrusen Beispielen von Adenauer und Mandela etc. wieder mal in Erinnerung rufen. Das sei ihm gegönnt.

  • Den grössten Dienst würde Herr Schaller den Senioren erweisen, wenn er der fairen und überzeugenden Untersuchung der Fahrfähigkeit ab 70 zustimmen würde, anstatt den Via sicura-Vorschlag von der unverhältnismässigen Schaffung von mehreren Kategorien von Spezialärzten und Psychologen zu unterstützen. Der Schlüssel zur verbesserten Qualität der Fahreignungsuntersuchung liegt bei den Hausärzten, die in Zweifelsfällen dem Patienten eine praktische Fahrprobe empfehlen sollen, um damit überzeugend und ohne abstrakte Test’s den Probanden vom allfälligen Nein frustfrei zu überzeugen.

  • Oetiker E sagt:

    in Bern befindet sich ja bekannterweise die grösste Filzfabrik der Schweiz;
    was gibt es noch zu diskutieren

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