Präventionskampagnen machen krank

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) will wissen, was wir genau essen. Und wie viel wir wann essen, und ob wir uns hinterher genügend bewegen, um die Kalorien wieder loszuwerden. Zwar gibt es Angaben dazu, doch sie stammen aus der Import- und Verkaufsstatistik. Diese besagt, dass wir beispielsweise pro Jahr im Schnitt 90 Kilo Gemüse essen und etwa 22 Kilo Öl und Fett. Eine Unbekannte ist, wie viele Personen beispielsweise auf Gemüse verzichten und dafür die doppelte Menge Butter und Würste verzehren. Das BAG möchte es genau wissen. Ab Januar fragt es deshalb 2000 ausgewählte Personen nach ihren Essgewohnheiten und notiert deren Grösse, Gewicht, Bauch- und Hüftumfang.

Wozu? Es sei ein grosses Bedürfnis, sagte ein BAG-Mitarbeiter kürzlich der «NZZ am Sonntag». Das mag stimmen. Aber es ist in erster Linie ein grosses Bedürfnis des Bundesamts selber. Denn ohne Datengrundlage fehlt ihm die Legitimation für seine Präventionsmassnahmen. Und ohne diese könnte sich das Bundesamt schätzungsweise um die Hälfte entschlacken. Es würde sich selber zu einem guten Teil überflüssig machen. Folglich sucht das BAG nach Beweisen, die seine Kampagnen und Empfehlungen rechtfertigen. Und es tut dies sehr gewissenhaft.

Die Leute sollen essen, was ihnen passt. Doch das ist schwierig, die Stimmungskiller-Kampagnen des BAG verfehlen ihre Wirkung nicht.

Jugendliche ueberqueren am Samstag, 10. Mai 2009 einen Fussgaengerstreifen in Zuerich. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Das BAG legt Grenzwerte für Gewicht und Bauchumfang fest: Schweizer Jugendliche überqueren einen Fussgängerstreifen, 10. Mai 2009. (Keystone/Alessandro Della Bella)

So vermeldete es 2011, 53 Prozent der Schweizer Bevölkerung sei zu dick. Das habe eine Studie zum Salzkonsum ergeben, die das Universitätsspital Lausanne im Auftrag des Bundes durchgeführt hat. Die Studie hat nebenbei ergeben, dass die 1445 Studienteilnehmer um Bauch und Hüfte nach offiziellen Massstäben einige Zentimeter zu dick waren. Die Interpretation durch das BAG klang dramatisch. Der zuständige Mitarbeiter sprach von einem «massiven Übergewichtsproblem», das wir in der Schweiz hätten. «Wir wissen seit Jahren, dass wir ein grosses Problem haben», ergänzte er. «Es ist für uns also eine Bestätigung, dass wir mit unserer Einschätzung und den eingeleiteten Massnahmen richtig liegen.» Das ist Arbeitsbeschaffung im klassischen Sinn, für jeden erkennbar: Das BAG legt Grenzwerte für Gewicht und Bauchumfang fest (ein Zentimeter weniger ergibt hunderttausende Übergewichtige mehr) und schafft sich die statistischen Grundlagen, die die Volkserziehung rechtfertigen.

Was uns da eingetrichtert wird, schlägt auf den Magen. Es macht eher krank als gesund. So sollen falsches Essen und zu wenig Bewegung zu Diabetes, Krebs und Herz-Kreislauf-Problemen führen. Aber was ist mit dem Stress, mit dem seelischen Wohlbefinden? Wer dauernd zu hören bekommt, er esse zu viel und bewege sich zu wenig, steht unter Stress, und wird krank. Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen sind die Folge, das seelische Wohlbefinden leidet. Das schlägt sich auch auf die körperliche Gesundheit nieder.

Die Leute sollen essen, was ihnen passt. Doch das ist schwierig, die Stimmungskiller-Kampagnen des BAG verfehlen ihre Wirkung nicht. Dass Fett, Zucker und Salz ungesund seien, daran wagt niemand zu zweifeln. Dabei braucht der Mensch all diese Dinge. Es wäre ungesund, sie nicht zu essen. Für das richtige Mass sorgt die Natur von allein. So haben wir ganz natürlich grossen Durst, wenn wir zu viel Salz gegessen haben. Das Salz soll verdünnt werden und den Körper möglichst rasch wieder verlassen. Ein Salzprogramm des Bundes mit dem Ziel, den Konsum pro Person und Tag von 8 auf 5 Gramm zu senken – braucht es das?

Die zwei Millionen Franken für die Ernährungserhebung sind ein vergleichsweise kleiner Budgetposten. Und trotzdem ist der Preis zu hoch. Denn das Bundesamt für Gesundheit wird mit den erworbenen Daten – der «ersten repräsentativen Erhebung zum Ernährungszustand» – die Bevölkerung noch vehementer umerziehen, nunmehr legitimiert durch die Befunde, die aller Voraussicht nach genügend dramatisch sein werden, um die Weiterführung und Intensivierung der Präventionsbemühungen zu rechtfertigen.

Praktisch wäre ein Mittel für Immunität gegen Präventionskampagnen. Sie machen krank. Und die Opfer figurieren danach in der Übergewichtsstatistik. Ein Teufelskreis.

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