Die ganze Freiheit des Menschen schützen, nicht nur die Konsumfreiheit

Die Kirchen setzen sich in der Schweiz seit Jahrhunderten für den arbeitsfreien Sonntag ein. Bildmotive belegen dies seit 1370. Um den «Feiertagschristus» herum werden alle möglichen Werkzeuge aus der ländlichen Arbeit niedergelegt. Diese Bildertradition knüpft am jüdischen Ruhetag an, dem meist erwähnten Gebot des Alten Testamentes.

Der gemeinsame Ruhetag ist ein Weltkulturerbe. Er lässt die Menschen zu sich kommen.  Längst vor der Erfindung des Doodles brachte der Sonntag die Menschen regelmässig zusammen. Er ist für die Beziehungen, die Familien, die Kultur, den Freizeitsport und das religiöse Leben unverzichtbar. Arbeitsmediziner unterstreichen den grossen Beitrag der Nacht- und Sonntagsruhe am individuellen und gemeinschaftlichen Wohlbefinden. Nachtarbeit macht krank. Sonntagsarbeit schadet den Beziehungen. Die Kombination von beiden erhöht die Scheidungshäufigkeit markant. Unsere Vorfahren haben erkannt, dass Arbeit für die allermeisten keine Selbstverwirklichung ist. Sie hat eine auszehrende, manchmal auch versklavende Komponente. Sie muss durch die Konvention des Ruhetages unterbrochen werden.

Die Änderung des Arbeitsgesetzes läuft auf die Einführung der 24-Stunden-Einkaufsgesellschaft hinaus.

Gläubige zünden am Sonntag, 21. November 2004, nach dem katholischen Gottesdienst, in der Dreifaltigkeitskirche in Bern, Kerzen an. (Keystone/Monika Flückiger)

Gläubige zünden am Sonntag in der Dreifaltigkeitskirche in Bern Kerzen an, 21. November 2004. (Keystone/Monika Flückiger)

Die Beschleunigung des Lebens ist Tatsache. Eine Gesellschaft muss sich bewusst für gemeinsame Erholungszeiten entscheiden. Die Nachtruhe und der Sonntag dürfen nicht exzessiven Konsumwünschen geopfert werden. Beide sind unverzichtbare Regenerationszeiten, die den Einzelnen vor Burn-out schützen und die Gesellschaft vor Identitätsverlust und Wertezerfall. Mehr als jeder andere Tag bewahrt der Sonntag die Erinnerung an die Zweckfreiheit des Menschen, an seine Unverfügbarkeit, seine Freiheit  und Würde. Es gibt keine zwingenden Gründe, Menschen, die im Detailhandel arbeiten, in ihrer Sinn- und Freiheitserfahrung einzuschränken. Nacht- und Sonntagsarbeit muss die Ausnahme bleiben.

Die Abstimmung am 22. September hat Signalcharakter: Wollen wir die bewährten Ruhezeiten eintauschen gegen mehr Möglichkeiten, unsere Konsumbedürfnisse zu befriedigen? Die Änderung des Arbeitsgesetzes läuft auf die Einführung der 24-Stunden-Einkaufsgesellschaft hinaus. Das geben inzwischen selbst die Befürworter der Liberalisierung zu. Im Parlament haben sie den Antrag, der die Sortimentsbeschränkungen nur an Autobahnen aufheben, aber keine weiteren 24-Stunden-Shops zulassen wollte, vorsorglich abgelehnt. Zusätzlich drücken sie mit den überwiesenen Vorstössen aufs Gaspedal und wollen uns gleichzeitig glauben machen, wie heilig ihnen der Sonntag sei. Im Parlament verlangen die Grünliberalen die Ausweitung der Nacht- und Sonntagsarbeit auf alle Geschäfte bis 120 Quadratmeter. Die Sonntagsarbeit, welche bisher auf Tourismusregionen beschränkt ist, will das Parlament mit sogenannten «Wirtschaftsräumen» auf praktisch die ganze Schweiz ausdehnen. Die Befürworter sind auch bereit, die Alkoholprävention zu unterlaufen, indem sie den Alkoholverkauf in billigeren Grosspackungen gestatten. In St. Gallen hat der Besitzer des 24h-Shops schon vor Jahren freimütig zugegeben, dass sein Laden ohne Verkauf von Alkoholika nicht rentabel wäre. Es geht also nicht um die Bratwurst.

Die fragwürdigen Konsumfreiheiten sind es einfach nicht wert, Nacht- und Sonntagsarbeit im Detailhandel einzuführen.

document.write(„„);