Religionsfreiheit beim Impfen?

Impfen? Nicht impfen? Dass die Kampagne zur Abstimmung über das Epidemiegesetz vom 22. September hoch emotional läuft, muss nicht speziell erwähnt werden – der Abstimmungskampf trägt aber gesellschaftliche Züge, die doch überraschen, ja manchmal sogar schockieren. Diese dürfen keinesfalls unerwähnt bleiben, will man verhindern, dass sie noch vollends aus dem Ruder laufen: Wir wohnen nämlich, man muss es so deutlich sagen, einem Religionskrieg bei, obwohl es bei der Vorlage nicht im Entferntesten darum geht!

Die Vorlagengegner liessen in den Medien, etwa während des Zischtigsclubs am Deutsch­schweizer Fernsehen, kategorische Sätze vom Stapel wie diesen: «Sie glauben an die Wissenschaft – ich nicht, ich folge anderen Überzeugungen!»

Was heisst aber das eigentlich genau, «an die Wissenschaft glauben»? Kann man daran glauben, oder eben nicht daran glauben? Hat man damit nicht jegliche vernünftige Argumentations­basis bereits verlassen?

Denn eigentlich ist Wissenschaft kein Glaube, sondern eine Zusammenstellung von konkreten, realen, unzweifelhaften Fakten. Die Wissenschaft erklärt, was ist. Es ist wichtig, daran zu erinnern, denn die Wissenschaft hat uns im Hinblick auf Impfungen grundlegende Dinge zu sagen, … im Hinblick auf das Überleben respektive das Sterben von Kranken.

Die Impfung und damit den Schutz gegen eine reale Gefahr abzulehnen, heisst schlicht und ergreifend, seine Befindlichkeit über die anderer zu stellen.

Ein Mädchen erhält eine Masernimpfung. (Keystone)

Kinder nicht zu impfen ist verantwortungslos: Ein Mädchen erhält eine Masernimpfung. (AP/Rudi Blaha)

Ich führe hier nur ein Beispiel an, jenes der Masern. Weil es gerade aktuell ist – wir erleben zurzeit eine richtiggehende Epidemie. Und weil anhand der Masern ausreichend dargelegt werden kann, was Sache ist: Die Wissenschaft, also die Analyse von messbaren Fakten, sagt uns beispielsweise, dass auf 3000 an Masern erkrankten Menschen einer stirbt und dass auf 700 an Masern erkrankten Menschen eine schwerwiegende Komplikation auftritt, die einen Spitaleintritt notwendig macht. Das sind Fakten, die keiner Interpretation bedürfen: Ein Kind, das an Masern stirbt, oder ein Jugendlicher, der als Folge einer Enzephalitis behindert ist – das ist keine Frage von glauben oder nicht glauben!

Auf der anderen Seite ist belegt, dass eine Impfung Patientinnen und Patienten zuverlässig und nachweisbar schützt, und zwar auf zwei verschiedene, sich gegenseitig ergänzende Weisen. Einerseits sind die geimpften Personen zu fast 100 Prozent gegen die Krankheit geschützt; andererseits kann sich die Krankheit nicht mehr verbreiten und somit niemanden mehr bedrohen, sobald 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sind. Und man muss es an dieser Stelle ganz klar und deutlich sagen: Die Risiken einer Impfung sind völlig vernachlässigbar, sie betreffen weniger als eine Person auf eine Million.

Die Impfung und damit den Schutz gegen eine reale Gefahr (während der letzten Epidemie verzeichnete das Universitätsspital Genf einen Todesfall!) abzulehnen, heisst schlicht und einfach, das verwöhnte Kind spielen  – als könnte man es sich erlauben, die Fortschritte der Medizin einfach zu ignorieren oder in Kauf zu nehmen, dass andere leiden oder sogar sterben. Das ist inakzeptabel.

Schauen wir das Ganze auch noch aus einer etwas anderen Perspektive an, denn diese Tendenz zum «nicht an die Wissenschaft glauben wollen» ist doch sehr beunruhigend. Die westliche Welt hat es am Ende des letzten Jahrtausends – nach einem langen Weg und zum Preis von schrecklichen Massakern – zustande gebracht, bestimmte emotionale Themen in unserer Gesellschaft zu rationalisieren. Die verschiedenen Wissenschaftszweige haben Glaubensfragen auf ihren Platz verwiesen, in die Privatsphäre, und die öffentliche Ebene wurde säkularisiert.

Wenn unsere Gesellschaft nun wieder damit anfängt, «nicht an die Wissenschaft zu glauben», schraubt sie die Büchse der Pandora wieder auf! Die Probleme der Gesellschaft zu «emotionalisieren» und aus einer Realität eine Glaubensfrage zu machen, lässt für unsere Zukunft wirklich nichts Gutes vermuten.

Und dabei haben wir vor Kurzem noch gelacht über die US-amerikanischen Kreationisten, die behaupteten, die Welt sei in 7 Tagen erschaffen worden…

Kurzum: Eines unter 3000 an Masern erkrankten Kindern begraben zu müssen wegen Sturheit und weil man nicht daran glaubt, das heisst, weil man die Realität nicht anerkennt und nicht impfen will, ist untolerierbar – und nichts anderes.

Einem Kind eine Lungenentzündung oder eine Enzephalitis zuzumuten und es den Folgen dieser Krankheiten zu überlassen, ist keinen Deut besser.

Hören wir auf, uns wie verwöhnte Kinder zu benehmen! Die Krankheit tötet oder führt zu Behinderungen, Impfungen ermöglichen es, eben dies zu vermeiden, und das mit völlig vernachlässigbaren Risiken – es geht nicht darum zu glauben oder nicht zu glauben. Es geht darum, mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen. Dass es wichtig ist, zu impfen und sich impfen zu lassen, ist indiskutabel!