Bratwurst-Verbot und illegale Tomatensauce

Früher hiess es: Sommerzeit ist Grillsaison. Heute ist alles komplizierter. Die Bundesverwaltung schreibt uns nicht nur vor, was wir essen und trinken sollen: Mittlerweile ist sogar genau geregelt, welche Produkte zu welcher Zeit verkauft werden dürfen. Ein besonderes Augenmerk hat die Verwaltung auf das Sortiment der Tankstellen-Shops. Dort angebotene Waren müssen zwingend auf die spezifischen Bedürfnisse der Reisenden ausgerichtet sein. Immerhin wird der Begriff «Reisende» grosszügig ausgelegt: Bahn- und Flugreisende, Schiffsreisende, aber auch Tram- und Busreisende, PW-Lenker oder Fernfahrer darf man zu dieser Gruppe zählen.

In verdankenswerter Weise hat Bundesbern geregelt, was die genannten Reisenden käuflich erwerben dürfen. Wichtig ist: Die Ware muss «in handlichen Volumen oder Quanten» verkauft werden und «von einer Person getragen werden können». Familienpackungen oder Getränke in Six-Packs sind verboten. Vielmehr müssen die Artikel «zum Verzehr an Ort und Stelle oder für unterwegs» geeignet sein. Erfüllt ein Produkt diese Kriterien, gehört es zum «Kiosksortiment» und darf rund um die Uhr verkauft werden. Ist es aber nicht «sofort verzehrbar», muss es von 1 bis 5 Uhr morgens weggesperrt werden und gehört zum «Shopsortiment», das von Bundesbern streng überwacht wird.

Die Bundesverwaltung schreibt uns nicht nur vor, was wir essen und trinken sollen: Mittlerweile ist sogar genau geregelt, welche Produkte zu welcher Zeit verkauft werden dürfen.

St Galler Bratwuerste liegen auf dem Grill, am Donnerstag, 14. Mai 2009 am St. Galler Bratwurstfest in Salez. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Zwischen 1 und 5 in der Nacht darf nur verkauft werden, was für den sofortigen Verzehr geeignet ist: St. Galler Bratwürste liegen auf dem Grill, 14. Mai 2009 in Salez. (Keystone/Ennio Leanza)

Der geneigte Leser erkennt bald: Während der Cervelat (roh essbar) zum Kiosksortiment gehört und darum rund um die Uhr verkauft werden darf, ist eine Bratwurst (muss gebraten werden) dem Shopsortiment zuzurechnen. Folglich ist der Verkauf von Bratwürsten zwischen 1 und 5 Uhr morgens illegal.

Darum ist es bittere Realität in der strengen Schweiz, dass in einem geöffneten Geschäft, in welchem das Personal an der Arbeit ist, einzelne Gestelle mit Blachen abgedeckt und die Tiefkühltruhen mit Ketten verschlossen sind. Denn in den 24 Schweizer Tankstellenshops, welche rund um die Uhr geöffnet haben, müssen von 1 bis 5 Uhr gewisse Teile des Sortiments weggesperrt werden.

Die lokale Gewerbepolizei kennt ebenfalls keine Gnade: Wer sich nicht an die Vorschriften hält, wird gnadenlos gebüsst. So erhielt ein Zürcher Tankstellenshop 800 Franken Busse, weil er 6 Sorten Tomatensaucen sowie 3 Sorten Pesto im Glas, 6 Kaffeesorten, 7 gekühlte Crèmedesserts und sogar mehrere Sorten von Dusch- und Haarshampoos angeboten hat. Der verdutzten Geschäftsführerin wurde eröffnet, dies übersteige den «Bedarf von Reisenden».  Wenn sie die 800 Franken Busse nicht bezahle, würden 5 Tage Gefängnis drohen.

Am 22. September stimmen wir über die Revision des Arbeitsgesetzes ab: Wenn ein Shop geöffnet hat und Personal an der Arbeit ist, sollen alle vorhandenen Produkte verkauft werden dürfen. Eigentlich eine Frage des gesunden Menschenverstands. Doch die Gewerkschaften haben das Referendum ergriffen – obwohl weder an den Öffnungszeiten noch an den Arbeitsbedingungen etwas geändert werden soll. Nun geht es um die Wurst. Im wahrsten Sinne des Wortes.

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