Der Gipfel der Anbiederung

Im Frühling, als er in Sachen China-Freihandel den Gipfel vor Augen hatte, stellte Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann fest: «I feel good». Good fühlt sich seit Jahren ein Grossteil der Schweizer Wirtschaft, der mit China gute Geschäfte macht. Ob mit Touristen, Uhrenkäufern, Kunden von Maschinen oder Pillenabnehmern – wenn der Chinese kommt, rollen die Schweizer die roten Teppiche mit Goldmaschen am Laufmeter aus. Das ist ja an und für sich eine gute Sache. Die Konsumenten aus dem Reich der Mitte schaffen bei uns Arbeitsplätze und steigern unser BIP.

Allerdings beschleicht einen in letzter Zeit ab und zu ein komisches Gefühl, wenn Schweizer Politiker oder Manager von China schwärmen. Dieses «I feel good» von Schneider-Ammann versprühte nebst schelmischer Freude auch irgendwie etwas Unterwürfiges. So nach dem Motto: Ich kleiner – aber schlauer – Minister hab den übergrossen Chinesen an Land gezogen. Demnächst haben wir einen Hub für den Renminbi – oder wie wärs mit chinesischen Kampfjets, damit wir noch mehr Gegengeschäfte machen können?

Alles was recht ist, lasst uns mit den Chinesen geschäften. Aber bitte mit Nüchternheit und Verstand.

Bundesrat Schneider-Ammann und der chinesische Wirtschaftsminister Gao Hucheng nach der Unterzeichnung des Freihandelsabskommens in Peking, 6.Juli 2013. (Keystone/Alexander F. Yuan)

Etwas mehr Distanz zu China wäre angebracht: Bundesrat Schneider-Ammann und der chinesische Wirtschaftsminister Gao Hucheng nach der Unterzeichnung des Freihandelsabskommens in Peking, 6. Juli 2013. (Keystone/Alexander F. Yuan)

Die Freude an den asiatischen Käufern und Investoren ist inzwischen so gross, dass man hierzulande sogar Berge – zwar nicht versetzen – aber zumindest erhöhen will. «Chinesen sei Dank: Die Rigi wächst auf 1800 Meter an», titelte die «Zentralschweiz am Sonntag». Die Story dahinter: Die Rigi und eine Bergregion in China tauschen gegenseitig einen 10 Tonnen schweren Felsen aus. Beim bekannten Schweizer Berg wird der auf die Spitze gesetzt, so dass die Rigi diese eingebildete magische Marke von 1800 Meter überschreitet.

Was ums Himmels willen haben sich hier PR-Leute nur gedacht? Die Rigi, der Hausberg der chinesischen Gäste in Luzern, soll chinesischer werden? Will man diesen Gästen etwa deren Heimweh lindern? Oder glauben die Tourismusleute in der Zentralschweiz, dass der Wiedererkennungseffekt die Chinesen in Hochgefühle versetzt? Nein, dieser tonnenschwere Felsentausch ist der Gipfel der Anbiederung – und das Leibblatt der Zentralschweizer bedankt sich auch noch dafür. Besuchen die Chinesen wirklich den chinesischen Garten in Zürich? Würden wir den nachgebauten Ballenberg in China besuchen? Ums Himmels willen, nein!

Alles was recht ist, lasst uns mit den Chinesen geschäften. Aber bitte mit Nüchternheit, Verstand – und ohne Bergtausch. Lasst uns eine gesunde Distanz wahren zu dieser fremden Kultur. Die wirtschaftliche Entwicklung dieses Giganten ist atemberaubend rasant. Die gesellschaftlichen Veränderungen werden künstlich gebremst, die Politik und das politische System sind noch steif und starr. Gut möglich, dass es in China bei dieser Konstellation auch wieder zu sozialen Verwerfungen, zu Aufständen kommt. Und dass die mächtige Zentralregierung in Peking nicht so reagiert, wie das unser westliches Verständnis verlangt. Dann wollen wir zwar immer noch Partner sein, aber keine Busenfreunde – und schon gar nicht unterwürfige, sich anbiedernde.

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