Exportschlager Demenz?

Eigentlich ist es eine Binsenweisheit: Wenn wir uns über ein Problem nicht rechtzeitig Gedanken machen, holt es uns ein. Und zwar brutal. So brutal, dass dann erst einmal nur hilflose Antworten möglich sind. Das ist seit längerem auch mit der «Überalterung» unserer Bevölkerung der Fall. Wie umgehen mit den vielen Alten? Wohin mit ihnen? Inzwischen dominieren die über 6o-Jährigen bereits über die unter 20-Jährigen. Demographische Untersuchungen sagen voraus, dass sich diese Entwicklung noch verschärfen wird. Entsprechend internationalen Hochrechnungen soll es im Jahre 2050 nur noch 15 Prozent junger Menschen geben, die unter 20 Jahren sind, aber 40 Prozent Ältere und Alte, die mehr als 60 Jahre zählen.

Das Älterwerden ist kein Problem an sich; das Problem ist vielmehr, wie die Gesellschaft mit dem Alter umgeht. In ihrem Klassiker über das Alter schrieb Simone de Beauvoir einst, dass in unserer Gesellschaft eine Übereinkunft besteht, den alten Menschen mit Schweigen zu übergehen. Daran hat sich nicht viel geändert. Im Schulunterricht kommt der alte Mensch ebenso wenig vor wie in den Massenmedien. Dies wird sich aber ändern müssen. Immer mehr Menschen werden alt; damit wird unsere Gesellschaft älter und erfordert einen kompetenten Umgang mit dem Alter statt Hilflosigkeit und Schnellschussentscheide.

Unlängst habe ich am Wettsteinplatz in Basel einen alten Schulkameraden getroffen. Wir haben zusammen die ersten Jahre in der Primarschule verbracht. Danach haben sich unsere Biographien getrennt. Der Weg, den er in der Folge beschritt, war wohl durchgängig steinig und schwer. Als mittelbare Folge ist nun auch sein Alter nicht leicht und die AHV gering. Andere Details wären zu persönlich. Die Konsequenz: Er will nun in ein Pflegeheim nach Vietnam. Das kann er sich leisten, und seine Kinder unterstützen den Plan, weil sie dergestalt entlastet sind.

Der Aufenthalt für einen Demenzkranken in Asien kostet nur halb so viel wie in der Schweiz. Da kalkulieren viele Gemeindeverwalter schon, wie viel sie einsparen können.

Ein Demenzkranker wird in Thailand gepflegt. (Screenshot: NDR)

Die Gemeinden können viel sparen, wenn Demente in Asien versorgt werden: Ein Demenzkranker und seine Pflegerin in Thailand. (Screenshot: NDR)

Das ist beileibe kein trister Einzelfall. Seit einiger Zeit überlegt man sich «flächendeckend», wie man mit den Alten am billigsten umgehen kann. Die gegenwärtig kostengünstigste Lösung ist offenbar der Demenzexport. In Europa bieten sich derzeit Spanien, Polen und Bulgarien dafür an. Noch «preisgünstiger» sind asiatische Länder wie Thailand und Vietnam. Ein politisch renommierter Alten- und Pflegeexperte in Deutschland, Willi Zylajew, verkauft diesen Altenexport allen Ernstes als alternatives Pflegemodell. Der Mann gehört der CDU an. Man muss das in diesem Falle ausschreiben: der Christlich-Demokratischen-Union; wohlgemerkt noch einmal: christlich. Die «Süddeutsche Zeitung» notiert dazu: «Die Erfinder des Oma- und Opa-Exports sprechen vom ‹alternativen Pflegemodell›. Das ist bösartig.»

Bei uns läuft der Demenzexport «diskreter» und vor allem schweizerisch pragmatisch. Es wird cool gerechnet und kalkuliert; moralische Bedenken und generationenübergreifende Verantwortung haben da keinen Platz. Der Aufenthalt für einen Demenzkranken in Asien kostet nur halb so viel wie in der Schweiz. Da kalkulieren viele Gemeindeverwalter schon, wie viel sie einsparen können und melden rasch ihr Interesse für solche Projekte an. Die Betreiber und Bauherren sind sowieso begeistert, weil sie mit einer hohen Rendite rechnen dürfen.

Dieser Billigpragmatismus verhindert andere Lösungen. Lieber abschieben, verwalten und exportieren, als sich menschengerechte Gedanken machen. Wirkliche Alternativen wären etwa Wohngemeinschaften oder Wohnpflege-Gruppen. Alternativen wären Betreuung und Begleitung im vertrauten Quartier. Organisatorisch und finanziell müsste das zu bewerkstelligen sein, und die Betroffenen könnten in ihrer Umgebung bleiben.

Menschlich wären solche und andere Überlegungen eine Pflicht. Vergessen wir  dabei auch nicht, dass wir in einem der reichsten Länder der Erde wohnen. Vielleicht liesse sich ja auch etwas Geld umverteilen: drei, vier Gripen weniger, der Verzicht auf den einen oder anderen Tunnel bei der SBB – und dafür zehn Minuten längere Fahrzeiten. Das ganze ist ja nicht einfach eine Belanglosigkeit; es ist eine Grundsatzfrage: Unsere Eltern haben Welt gestaltet und Gesellschaft aufgebaut, damit wir sie nützen können. Wir leben vom Erbe derer, die vor uns waren. In dieser Hinsicht sollten wir ihnen dankbar sein. Und ihnen Respekt entgegenbringen.

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