Gentech-Nahrungsmittel sind nicht mehrheitstauglich

Rein wissenschaftlich spricht in der Schweiz nichts gegen den Anbau von genetisch veränderten Pflanzen. Es ist an der Zeit, einem Moratorium ein Ende zu setzen, das ohnehin schon zu lange existiert. Mit Verweis auf das Nationale Forschungsprogramm 59 (NFP 59) hat der Bundesrat letzte Woche einen Gesetzesentwurf in die Vernehmlassung gegeben, der just in diese Richtung geht. Ein Entwurf, wie ihn nur das Schweizer Recht kennt: detailliert, präzise, und dennoch voller Nuancen und Subtilitäten, um selbst den unwahrscheinlichsten Fall entsprechend lösen zu können.

Das zukünftige Gesetz sieht zwei gleichzeitig existierende Anbauarten vor: mit oder ohne gentechnisch veränderte Organismen (GVO). Die Grenze verläuft dabei äusserst schmal, und doch soll nicht ein und dieselbe Norm gelten, wie es beispielsweise der Brüsseler Verwaltungsapparat undifferenziert vorsieht. Der Entwurf des Bundes ist da ganz anders, denn er zählt eine ganze Serie möglicher Fälle auf: gentechfreie Gebiete, verringerte Schutzzonen für Felder an Wäldern oder Seen, grössere Schutzzonen für Flächen in der Nähe empfindlicher Feuchtgebiete. Kurz: für jedes Problem eine passende Lösung.

Das NFP 59 konnte die Unbedenklichkeit der GVO-Kulturen nachweisen, verriet jedoch nichts über deren Vorteile.

Ein Student pflanzt am 25. April 2008 auf einem Versuchsfeld in der Naehe der Forschungsanstalt Reckenholz der Universitaet Zuerich in Zuerich, Schweiz, gentechnisch veraenderte Weizensetzlinge

Die Opposition gegen Gentech-Nahrungsmittel ist übertrieben: Ein Student pflanzt auf einem Versuchsfeld in der Nähe von Zürich gentechnisch veränderte Weizensetzlinge, April 2008. (Keystone/Gaetan Bally)

Sei es beim GVO-Anbauregister mit Meldepflicht beim Bundesamt für Landwirtschaft, bei der Deklarationslimite für Saatgut oder bei der Beschriftung der GVO-Erzeugnisse: Bern macht keine halben Sachen. Alles wird genau erfasst und geplant, alles riecht geradezu nach gut gemachter Arbeit. Dahinter erahnt man die Scharen von Beamten, die im Schweisse ihres Angesichts bereits erschienene Reglemente penibel verlesen und ergänzen.

Was diesem genialen Entwurf noch fehlt, ist ein Funken politischer Überlegung. Eigentlich eine Kleinigkeit in einem Land wie die Schweiz, wo jedes heikle Dossier vor dem Volk landen kann. Doch will die Schweiz überhaupt GVO-Kulturen? Hat ein solches Gesetz überhaupt nur die geringste Chance, eine Mehrheit zu überzeugen? Zurzeit ist die Antwort klar: Schweizer Konsumenten wollen weder GVO-Kartoffeln noch genetisch veränderten Weizen oder Mais auf ihren Tellern. Weil sie es nicht besser wissen? Oder weil sie dumm sind? Denn mit dieser sturen Ablehnung gegenüber einer Technologie, die andere als Fortschritt betrachten, sind sie vermutlich im Unrecht. Dies offen zu sagen – oder gar anzuprangern – bewirkt zurzeit jedoch wenig.

Das NFP 59 konnte die Unbedenklichkeit der GVO-Kulturen nachweisen, verriet jedoch nichts über deren Vorteile, die die Forscher bis heute als nicht erwiesen betrachten. Will man die Wahrnehmung der Öffentlichkeit gegenüber GVO-Erzeugnissen verändern, müsste man jedoch genau das aufzeigen – davon sind wir heute aber noch meilenweit entfernt. Unsere Bauern sagen es selbst: Es komme nicht in Frage, GVO-Kulturen anzubauen, um dann später Produkte auf den Markt zu bringen, die keine Abnehmer finden.

Doch der Startschuss ist bereits erfolgt: Die beteiligten Akteure haben bis im Sommer Zeit, ihre Meinung zum Gesetzesentwurf des Bundesrats zu äussern. Darauf folgen Analysen und allfällige Anpassungen, dann wird eine entsprechende Botschaft verfasst. Diese wiederum wird von den Kommissionen unter die Lupe genommen, bevor sie im Parlament diskutiert wird. Über den Zeitpunkt des Todesurteils lässt sich dabei spekulieren: Wird es schon in den Kammern soweit sein? Oder erst vor dem Volk? Wie dem auch sei, die Bundesverwaltung wird ihre Arbeit getan haben: Ein schöner Gesetzesvorschlag, gut durchdacht, gut verschnürt – das, obwohl er im Mülleimer der Geschichte landen wird. Dies weiss übrigens auch der Bundesrat: Weder Landwirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann noch Umweltministerin Doris Leuthard haben sich die Mühe gegeben, den Vorschlag zu erklären oder ihn zu verteidigen.

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