Amerikanisierung der Schweizer Waffenkultur

Die zeitliche Nähe zwischen dem Schulmassaker in Newtown vom 14. Dezember und dem Blutbad im Wallis sowie die demonstrative Waffenbrüderschaft von National Rifle Association (NRA) und Pro Tell werfen die Frage auf: Drohen der Schweiz amerikanische Verhältnisse? Wenn es zwischen den beiden waffenreichen «Sister Republics» einen historischen Unterschied gibt, dann liegt er in der Frage der persönlichen Selbstverteidigung. Der Einsatz der Schusswaffe für private Zwecke ist eine amerikanische, aber keine schweizerische Tradition. In den USA gründet der Waffenbesitz in der Eroberung neuer Gebiete und in den dabei entstandenen Wild-West-Zuständen. In der Schweiz wurzelt er in den Landsgemeinden, wo die Waffenfähigkeit mit der politischen Zugehörigkeit verknüpft war. Dies hatte zur Folge, dass Schusswaffen – abgesehen von der Jagd und dem Sport – ausschliesslich für gemeinschaftliche Zwecke eingesetzt werden durften.

Seit einigen Jahren wird diese Tradition ausgerechnet von den Traditionalisten ausgehöhlt. Im Mai 2006 begründete der Pro-Tell-Präsident und NRA-Sympathisant Willy Pfund den privaten Waffenbesitz mit der Auflösung von Polizeistationen: «Der Einzelne trägt mit der persönlichen Waffe zur Sicherheit bei, weil der Staat nicht überall verfügbar sein kann. Der einzelne kann sich auf diese Weise verteidigen.» («Sie + Er» vom 28. Mai 2006)

Ein Jahr zuvor hatten Pro-Tell-Mitglieder die groteske Ausweitung des Rechts auf Selbstverteidigung in Florida durch Gouverneur Jeb Bush begrüsst. Nach dem Zuger Attentat vom September 2001 argumentierten Waffenfans, dieses hätte verhindert werden können, wenn Mitglieder des Kantonsrates bewaffnet gewesen wären. Frank Leutenegger, der aktivste Waffenlobbyist in der Romandie, erklärte am 21. September 2006 gegenüber dem «Hébdo»: «Wenn sie gefährdet sind, verteidige ich meine Frau, meine Kinder, meinen Hund, meine Katze.» Und fügte dem bei: «Sagt man bei Pro Tell nicht, dass eine Pistole einem Telefonat an die Polizei vorzuziehen ist?»

Um amerikanische Verhältnisse in der Schweiz zu verhindern, braucht es eine unmissverständliche Absage an die private Selbstverteidigung.

Seine eigensinnigen Aktionen waren immer in den kollektiven Widerstand eingebettet: Wilhelm Tell aus dem Musical. (Quelle: Keystone)

Seine eigensinnigen Aktionen waren immer in den kollektiven Widerstand eingebettet: Wilhelm Tell aus dem Musical «Tell». (Quelle: Keystone)

Vor zwei Jahren stellte das Abstimmungsplakat der SVP mit der Frage «Waffenmonopol für Verbrecher?» und dem hämisch grinsenden Pistolero mindestens unterschwellig das staatliche Gewaltmonopol in Frage. Wie stark die Vorstellung, Schusswaffen dienten der privaten Selbstverteidigung, inzwischen verbreitet ist, zeigen die Blogs zu Waffenthemen. «Es käme mir nie in den Sinn, eine meiner Waffen abzugeben. Bei dem Gesindel, das sich überall herumtreibt». («Blick online» vom 4. Mai 2009) Sätze wie dieser sind ins gängige Repertoire der Waffennarren eingegangen.

Wie radikal der Bruch ist, den Pro Tell, SVP und andere Kreise vollziehen, illustriert ein Rückblick in die Schweizer Geschichte. Selbst die Wilhelm Tell betreffenden Chroniken, Theaterspiele und Lieder zeigen, dass dessen häufig eigensinnigen Aktionen in den kollektiven Widerstand eingebettet waren. Besonders aufschlussreich ist Johann Heinrich Schweizers «Chronologia Helvetica» aus dem Jahre 1607. Um jeglichen Verdacht, Tell hätte aus privaten Motiven gehandelt, zu zerstreuen, behauptet der Autor, der Meisterschütze hätte gegenüber dem Landvogt Persönliches bloss erwähnt, um den Schwurbund, dem er sehr wohl angehört habe, nicht zu verraten. Friedrich Schiller verdeutlichte diesen Kerngehalt seiner eidgenössischen Quellen, indem er in sein Drama «Wilhelm Tell» die negative Gegenfigur des Johannes Parricida einführte. Dieser hatte aus durchaus legitimen, aber privaten Besitzansprüchen seinen Onkel umgebracht. Auch in Gottfried Kellers «Das Fähnlein der sieben Aufrechten» hat die «Ordonnanzflinte» eine ausschliesslich öffentliche Funktion. Der berühmte Spruch, der Bürger habe «selber vor die Haustür zu treten», meint nicht die Verteidigung des Privathaushaltes, sondern die der Republik.

Diese bislang zu wenig beachtete Privatisierung des Waffenzwecks hat eine soziale und eine politische Ursache. Die Individualisierung der Gesellschaft hat zur Folge, dass das Verhältnis zu den Waffen egoistischer wird und damit an öffentlichem Gehalt verliert. Mit der militärisch sinnlos gewordenen Heimabgabe der Ordonnanzwaffe verliert der Waffenbesitz seine wichtigste staatliche Funktion. In dieses doppelte Vakuum treten die private Selbstverteidigung und die persönliche Selbstjustiz. Deren politische Rechtfertigung baut insbesondere bei «einsamen Wölfen» die Hemmschwellen ab. Das macht die Enttabuisierung des Waffengebrauchs für private Zwecke besonders gefährlich.

Um amerikanische Verhältnisse in der Schweiz zu verhindern, braucht es zusätzlich zur massiven Abrüstung und zur lückenlosen Registrierung der Schusswaffen eine unmissverständliche Absage an die private Selbstverteidigung. Insbesondere Pro Tell und SVP sind herausgefordert, sich auf das staatliche Gewaltmonopol zurück zu besinnen und sich von den Vorstellungen der US-Waffenlobby zu distanzieren.

// <![CDATA[
document.write("„);
// ]]>