Ventilierende Anwälte

Die Genfer Gerichtskultur ist schweizweit einzigartig. Betreten die Richter den Gerichtssaal sind Anwälte, Klienten, Journalisten und das Publikum angehalten, sich zu erheben. Haben die Anwälte wieder Platz genommen, ist es mit der Ehrerbietung ans Gericht auch schon vorbei. Jetzt kämpft jeder Advokat mit allen Mitteln, seinem Klienten zumindest zu demonstrieren, das Optimum für ihn herauszuholen. In Genfer Gerichtssälen geht es darum während Befragungen und Plädoyers zuweilen hoch zu und her. Da rufen Anwälte auch mal dazwischen: «Ja was Du nicht sagst.» Da werden Äusserungen mit einem hämischen Lachen oder lautem Seufzen quittiert; oder der Gerichtspräsident wird gebeten, «dem Ventilator hinter mir doch mal endlich zu sagen, er soll verstummen». Ein demonstratives Kopfschütteln gilt bereits als hochanständig. Den Gerichtspräsidenten bleibt bisweilen nichts anderes übrig, als möglichst zu ignorieren, mit welchen Beleidigungen sich die «confrères», wie Anwälte ihre Berufskollegen in der Westschweiz offiziell ansprechen, an den Karren fahren. Haben die Advokaten den Gerichtssaal verlassen, stehen sie wieder einträchtig beieinander, diskutieren und tun so, als wäre das nie anders gewesen.

Einzelnen Anwälten ist die mediale Aufmerksamkeit auch wegen ihres politischen Engagements garantiert.

Die Genfer Anwälte Charles Poncet (l.) und Marc Bonnant ausserhalb des Gerichtssaals, 2009. (Keystone)

Der Umgangston in den Genfer Gerichten kann recht ruppig sein: Die Genfer Anwälte Charles Poncet (l.) und Marc Bonnant ausserhalb des Gerichtssaals, 2009. (Keystone)

Als brillant gelten in Genf Anwälte, die einzelne Begriffe oder auch ganze Sätze auf Deutsch zitieren; und das selbst dann tun, wenn es denselben Terminus auch auf Französisch gibt. Doch wer in der Hierarchie zur obersten Elite aufsteigen will, muss drei Dinge erfüllen: Er muss Strafrechtler sein, er muss grosse, prestigeträchtige Prozesse gewinnen und er muss regelmässig in den Medien auftauchen. Einzelnen Anwälten ist die mediale Aufmerksamkeit auch wegen ihres politischen Engagements garantiert, wie dem amtierenden FDP-Nationalrat Christian Lüscher und dem ehemaligen FDP-Nationalrat Charles Poncet, die ganz abgesehen davon in derselben Anwaltskanzlei tätig sind. Nebst Lüscher und Poncet figurieren auf der Liste der «Staradvokaten» viele Männer und mit Yaël Hayat nur eine Frau. Ihre Kollegen heissen: Marc Bonnant, Dominique Warluzel, Robert Assaël, François Canonica, Jacques Barillon und Vincent Spira.

Bereits im Waadtland beobachtet man die Genfer Gerichtskultur einigermassen skeptisch bis belustigt. Die Dichte an «grandes gueules» (Maulhelden) ist in der Waadt nicht sehr hoch. Einzig Generalstaatsanwalt Eric Cottier poltert manchmal – aber selten gegen Kollegen. Die Waadtländer trösten sich stattdessen mit: «Wir haben vielleicht die kleineren Anwälte als die Genfer, dafür die grösseren Prozesse.»

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34 Kommentare zu «Ventilierende Anwälte»

  • Pippi Langstrumpf sagt:

    Machokultur, wer hat den Grössten…….. armselig und überflüssig.

    • Pierre de Meuron sagt:

      Nein, gar nicht: mit Rhetorik kann man extrem viel erreichen. Am Obergericht in Bern, Solothurn wird man gebüsst, wenn man amüsant sagt: „Da hat sich mein Kollege aber nicht mit der neusten Rechtssprechung befasst“. Und er kannte die Rechtssrprechung tatsächlich nicht. Item: in Bern gibt es stotternde Anwälte und langsamdenker, bei denen schläft mein beim Plädoyer ein. In Genf würden diese (auch) keinen Fall gewinnen. Prof. Kummer hat mal geschrieben „Der Richter braucht eine Peitsche, die knallt“. In Bern gibt es diese Peitsche nicht: man kennt sich, bespricht alles beim Golf oder Apero.

      • Carl Stooss sagt:

        Man schläft noch schneller ein bzw. wird echt sauer, wenn nur Rhetorik, aber keine Fakten geboten werden, und hier haben viele Anwälte ein gröberes Problem.

    • Stadelman Reto sagt:

      Jop, so ist es. Aber aus irgendeinem Grund gibt es immer wieder Menschen die das toll finden…

    • Pippi, Sie sagen „wer hat den Grössten“ wie meinen Sie das? Ein bisschen Präzision bitte!

  • mais tout à fait sagt:

    Quand on a aucun éclair dans la main on donne le change avec beaucoup de tonnerre dans la bouche.

    • Ike sagt:

      hier die maschinelle Google-Uebersetzung: „Wenn kein Blitz in der Hand als die Veränderungen mit viel Donner gegeben in den Mund“

      • Alain de la France sagt:

        Oder,
        Je weniger Ideen (Gedankenblitze/Esprit), desto lauter toent es aus dem Mund 😉

      • Alain de la France sagt:

        Oder ganz einfach:
        „Viel Laerm – um nichts“…

      • Alain de la France sagt:

        Mit meinen (immer noch) berschraenkten Franz.-Kenntnissen habe ich mich auf das Erfinden neuer Woerter
        „spezialisiert“: „la bidulerie“ = die Sache mit den Sachen.
        Und, mit den Advokaten ist es eben auch so eine Sache…

      • Martin Lerch sagt:

        @Ike, Wo bist Du in die Schule gegangen? Kein anständiges Französisch gelernt? Vielleicht hilft uns ja Pippi Langstrumpf weiter.

    • mais tout à fait, d’où vient cette expression? Cela me semble indien, tel que sioux, cherokee. Wouf, mauvais aigle noir a parlé!

  • Pierre de Meuron sagt:

    Der Grund (u.a. im Kanton Bern) ist einfach. Hier ist man behäbig und rhetorisch schlicht nicht begabt. Damit man unter sich bleibt und Brillianz aussen vor, wird man sofort gebüsst, wenn man „rhetorisch ausholt“. Viele sind ja kraft Parteizugehörig und dank Papi, dessen Kanzlei man übernimmt, Fürsprecher geworden. Freunde vom Vater stellen dem Junior die Prüfungsfragen. Ein Sohn eines bern. Staranwaltes musste sich die Matura an einer Privatschule erkaufen, ist durch das Lizentiat an der Uni gefallen, hat aber die Bernischen Anwaltsprüfungen locker bestanden. Gäng langsam, nid stürme…

    • Ralf Messerli sagt:

      Genau so ist es, Bärn ist mitüri nicht die Hochburg der Eloquenz und des schnellen Denkens. Wer von Bärn nach Genf kommt, muss schon einige Zacken zulegen und das nicht nur im Bereich des Rechtswesens. Deshalb geht ein rechter Berner schon gar nicht nach Genf oder er hält es dort nicht lange aus, geht schnell zurück ins heimische Nestli, wo Züpfe und Hamme warten und man die Sach unter sich ausmacht.

  • Anh Toan sagt:

    Weg mit dem Anwaltskartell. Es garantiert keine Qualität der Dienstleistungen, es garantiert einzig die Quantität des Einkommens der Kartellmitglieder.

    • Alfred Siffert sagt:

      Genau: das wäre höchste Zeit. Und nicht nur das Anwaltskartell. Warum habe ich im Kanton Bern 17’000 Franken für das Verschreiben meines Hauses gezahlt und im Kanton ZH (Amtsnotare mit fürstlichem Gehalt) hätte ich 4’500 Franken bezahlt. Und auch die Anwälte: wenn schon Kartell, dann 100 Franken brutto (macht ja auch schon 42 x 4 x 100 über 16’000 Monat) und nicht aberwitzige 250 Franken aufwärts. Super lustig war jeweils, dass meine Juristen in der Abteilung (master) Anwälten oft Auskünfte und Nachhilfe geben musste (Energierecht, Enteignung etc.) selber aber nicht vor Gericht durften !

  • Carl Stooss sagt:

    Für die einfache Kundschaft und allenfalls Laienbeisitzer mag rhetorischer Schall und Rauch zwar beeindruckend sein, schliesslich ist Hollywood das Vorbild, doch für den Profi sind solche Vorstellungen oftmals nur peinlich. Oftmals kann man die Substanz solcher Plädoyers auf ein paar wenige Zeilen eindampfen, hat aber gleichzeitig wertvolle Zeit verschwendet, was eher kontraproduktiv ist. Es heisst es nicht umsonst „da mihi factum, dabo tibi ius“.

    • Alfred Siffert sagt:

      Ja, aber es gilt „iura novit curia“ und es wäre besser zu sagen, „da mihi factas“, denn ich bevorzuge mehrere Argumente und nicht ein Singuläres. Sie sehen, meine Rhetorik wirkt und es wäre schon 1:0 für mich. Aber feine Rhetorik braucht Talent und nicht Väter, die einen durch die Anwaltsprüfung schummeln. Aber eine spannende, packende Replik und Duplik, mit Humor, welche die Verteidgung entblösst, lächerlich macht oder eine humorvolle Ausführung über Mängel einer Expertise, sowas wirkt. Vorschlag: beim nächsten Flirt im Ausgang sagen Sie doch ganz sachlich „Hey baby, wotsch?“ 🙂 Viel Erfolg:)

      • Carl Stooss sagt:

        Bleiben Sie einfach in Ihrer „Barbara-Salesch-Welt“ Herr Siffert. Vielleicht erlangen Sie ja eines Tages das Anwaltspatent, welches Sie offensichtlich noch nicht haben und deshalb so erbittert sind, mittels Rhetorik. Und noch etwas: „Replik/Duplik “ und „Verteidigung“ haben soviel gemeinsam wie Zivil- und Strafrecht.

      • Carl Stooss sagt:

        Noch eine kleiner Ergänzung, Herr Siffert: der Plural von „factum“ wäre „facta“ (O-Deklination)

  • Das Gericht ist ein Theater und die Anwälte sind die Marionetten. Sie sollten seriös auftreten, eine gute Rethorik bringen, der Klient korrekt und faire verteidigen. Alles ist aber theatralisch mit Gesten und Intonation vorgespielt. Ob der Verteidiger begabt ist, das bleibt dahin gestellt. Besser keinen Anwalt benötigen, es ist viel billiger!

  • Nikolaus Schaefer sagt:

    Schön, dass man in Genf wenigstens laut miteinander redet.
    Im Kanton Schwyz ist es vollkommen gleichgültig, was Gesetz, Realität oder Anwalt sagt – es geschieht was der auf Lebenszeit „gewählte“ Richter sich erfindet, und was er dann dem Korps der Laienrichter vorschreibt.

    Im von der Regierung bestellten Bericht des Tessiner Ständerats Dick Marty heisst es, alle Schyzer Kantonsrichter seien charakterlich für ihr Amt ungeeignet (…) Nur einer der Richter ist daraufhin „freiwillig“, d.h. gegen Bezahlung von CHF 300’000, nicht zur Wiederwahl angetrten. mehr zur Wiederwahl
    Nur einer

  • Anwalt sein, ist ein sicherer, guter und recht honorierten Beruf, d.h. Ansehen und Geld. Ein guter Wirtschaftsanwalt kann z.B. soviel Geld verdienen wie Hollywood-Stars. Dieser Beruf hätte ich früher auch gerne geübt!

  • Alain de la France sagt:

    „Bien dit“ ist noch lange nicht „bien fait“.
    Vielleicht auch sprachlich bedingt, weil der Unterschied Vernunft/Verstand (raison)
    nicht gleich praezis ist, wie auf deutsch oder lateinisch (ratio/sapientia).

    • Alain, un avocat dit les choses, de telle manière que vous et moi ne comprennent que dalle. Un bon avocat dit les choses à sa façon, quant à les bien faire, là il s’en fout comme de „l’an quarante“. Ce qui compte pour lui c’est le blé, terminé!

  • Rolf Raess sagt:

    Scheinbar ist der welsche Teil der Schweiz ein ganz besonderer Boden für Anwälte. Nun, wenn sich die Genfer Advokaten wenigsten nicht anspucken, wie jene im Bundesgericht in Lausanne, dann ist schon viel gewonnen…

  • Frieder Gut sagt:

    Dies sind brillante, hochkultivierte und eben sehr zivilisierte Anwälte. Eine Wonne ihnen zuzuhören. Cicero war so einer undvon ihm spricht man noch heute. Bravo ces Messieurs.

    • Frieder, nicht alle Anwälte haben eine gute Rhetorik und eine deutliche Aussprache. Zivilisierte Anwälte, was heisst das? Es sind auch Menschen die, wenn sie nicht mehr auf der Bühne in ihrem Theater agieren, komplett anders sein können!

  • Benoit Chappuis sagt:

    VoIla un article intéressant! Quelques lignes négligées sur six avocats médiatiques sur les 1500 avocats que compte le canton de Genève. Est-ce vraiment la façon ave laquelle le correspondant romand d’un des grands journaux suisses-allemands devrait travailler? Poser la question c’est y répondre. Si M. Reichen avait vraiment voulu décrire le travail du barreau genevois, il lui aurait fallu consacrer des dizaines d’heures à son article. Il a préféré donner quelque minutes de son temps à des lieux communs dans un style d’un collégien. Dommage!, mais tellement représentatif du journalisme actuel.

  • Andrée Dall'Aglio sagt:

    Eh oui! Votre fameuse „Genferei“, c’est ça aussi: le franc-parler ! Rappelez-vous que Genève est une des plus jeunes républiques, et que c’est aussi grâce à „leurs grandes gueules“ que les Genevois-e-s ont pu à ce jour se défendre contre mille attaques, militaires, sociales, politiques, journalistiques, et j’en passe! Quant aux deux avocats que vous citez, ce sont des professionnels de premier ordre, et des hommes intègres qui font honneur à notre canton. ABE salut!

  • Andrée Dall'Aglio sagt:

    Erreur: „Genève est une des plus anciennes républiques“ et pas „jeunes“. Excuses!

  • Chuck Jones sagt:

    C’est très simple. Les jeux sont tellement faits à l’avance qu’ils s’ennuient, vieillissent, se laissent gagner par la sénilité, puis c’est le retour vers la patite enfance. Au placard.

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