Wie die Wissenschaft die Presse schlecht macht

Qualität, Pluralität und Verlässlichkeit der Informationen: Diese Pfeiler unserer Gesellschaft seien in Gefahr, weil die Presse selbst am Verfallen sei. So lautet das Ergebnis einer Ansammlung von sechs Studien, welche vom Bundesamt für Kommunikation (Bakom) in Auftrag gegeben wurden und sich mit der Zukunft der Medien in der Schweiz befassen. Angeregt hatte die Arbeit Nationalrat Hans-Jürg Fehr per Postulat. Beauftragt wurden verschiedene Forschungsinstitute. Darunter etwa das Swiss Centre for Studies on the Global Information Society der Uni Zürich (SwissGIS) sowie die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Bis zum Sommer soll der Bundesrat zum Bericht Stellung nehmen.

Ein Blick in die Untersuchungen zeigt: Das Ganze ist mit einer Selbstgefälligkeit verfasst, die man nicht einmal dem erst besten Praktikant verzeihen würde. Und erstaunlicherweise – gerade wenn man von Pluralität spricht – sind 95 Prozent in einer einzigen Sprache verfasst: nämlich Deutsch. Wenigstens die Textstellen, die direkt die regionale französische Presse betreffen, wurden in der entsprechenden Sprache verfasst. Aber auch da: zu oft handelt es sich um ein von Kauderwelsch durchzogenes Französisch, das nur eine annähernde Übersetzung des Deutschen darstellt.

Zu den Sprachfehlern kommen Inhaltsfehler, nicht überprüfbare Thesen und methodologische Lücken hinzu. Da werden Tageszeitungen mit periodisch erscheinenden Zeitschriften verwechselt, regionale Publikationen wegen fehlender internationaler Berichterstattung kritisiert und eine nicht repräsentative Auswahl an Regionalblättern für die Analyse des dortigen Medienschaffens getroffen.

«Aus politischer Sicht wird der Pluralismus in Frage gestellt», wagt der Bericht zu behaupten. Was nicht nur lächerlich ist, sondern auch noch falsch.

Bringen Zeitungen bald keine fundierten Recherchen mehr? Zeitungsleserin.

Laut der Studie deckt der «Nouvelliste» (die grösste regionale Tageszeitung im Wallis, Anm. der Deutschschweizer Redaktion) die regionale Aktualität im Wallis unzureichend ab. Haben sich die Experten denn ein einziges Mal die Mühe genommen, diese Zeitung zu lesen? Ihr kann man als letztes den Vorwurf machen, das Leben in den Walliser Tälern zu ignorieren.

Damit nicht genug. Die Studie beinhaltet Unwahrheiten, die für ihren Teil gefährlich sind. So heisst es, die regionale Presse erfülle immer weniger ihre Aufgabe, politische Debatten zu übertragen. Das stellt eine Beleidigung der staatsbürgerliche Arbeit dar, welche die regionalen Zeitungen leisten. Als Beispiel seien die Aktivitäten genannt, die «24heures» mit seinen Partnern La Télé und LFM vollbringt, um den Kandidaten der kommunalen Wahlen im Waadtland vom 13. März zu ermöglichen, sich auszudrücken: neben den freien Pressetribünen und etwa 40 Artikeln haben wir um die zehn Live-TV- sowie fünf Café-Debatten organisiert.

Ein weiterer, nicht fundierter Vorwurf: Die Internetseiten der regionalen Publikationen seien nur ein Spiegelbild der Papierzeitungen und kein Ort, wo debattiert wird. Wissen denn die selbst proklamierten Experten, dass die «Tribune de Genève» über 250 Blogs beherbergt, die von Persönlichkeiten sowohl der politischen wie auch der öffentlichen Gesellschaft geführt werden, und regelmässig zu angeregten Debatten beitragen?

Weiter nennen die Studienautoren, dass in den Kommentaren und Leitartikeln die bürgerlichen Meinungen systematisch privilegiert werden. Die Stellvertreter der Linken könnten sich zu Recht verstossen zu fühlen. «Aus politischer Sicht wird der Pluralismus in Frage gestellt», wagt der Bericht zu behaupten. Was nicht nur lächerlich ist, sondern auch noch falsch – anbei bemerkt, machen die Rechten der Presse deshalb genügend Vorwürfe. Die Litanei, welche besagt, das Rennen gegen die Uhr verleite den Journalisten dazu, zu schreiben ohne zu überlegen, wird nach Belieben wiederholt. Konkrete Beispiele dafür werden nicht genannt.

Über die ganzen 700 Seiten wird folgender Eindruck zum Schweizer Medienschaffen erweckt: weniger Ressourcen, schlechtere Qualität. Es wird nicht einmal hinterfragt, wie die Ressourcen genützt werden, wie es um den Beitrag des Internets – und eben nicht um seine negativen Seiten – steht, wie intellektuell unabhängig die Redaktionen sind oder sogar, was die wohltuende Wirkung der Konkurrenz ist.

Es ist offensichtlich, die Schweizer Presse ist im Umbruch; sie stellt sich Fragen über ihr Geschäftsmodell; sie erleidet strukturelle Veränderungen, die ihre wirtschaftliche Position schwächen. Aber sie ist nicht all das, was dieses Bündel an Studien auf falsche und unehrliche Weise beschreiben. Und die Analyse dieser Forscher taugt auf keinen Fall dazu, als Grundlage für irgendwelche Gesetzgebungen zu dienen.

Die sechs Studien zum Postulat Fehr