Krieg und Frieden an der Sihl

Fürwahr, meine Wandertruppe «Fähnlein Fieselschweif» verdient das Adjektiv «anarchisch». Das besammelt sich, zieht sich bald in die Länge, verliert sich des öftern aus den Augen. Bei der Gottschalkenberg-Wanderung waren wir anfangs zu elft. Wir wuchsen auf zwölf an, nachdem die verspätete Rita zu uns gestossen war; am Schluss in Menzingen waren wir dann noch zu viert. Ich und drei andere hatten uns auf dem Gubel ein Bier gegönnt, wohingegen die vorauseilende Mehrheit diese Wirtschaft übersehen hatte.

In Hütten, Zürichs südlichster Gemeinde, starten wir – und es sei gleich klargestellt: Dies ist eine kriegerische Wanderung. Das reformierte Hütten bildet die Grenze zum katholischen Territorium. 1712 entstand hier das bis heute vorhandene Bollwerk «Hüttner Schanz». Als es im selben Jahr zum Kampf kam, sprach der Major Werdmüller, ein Haudegen: «Hier wollen wir uns wehren und beysammen leben und sterben. Wann sie mir folgend, so müsse die Matten voller Todten liegen…»

Panorama der Innerschweizer Berge

Bei der «Krone», dem Stolz des einstigen Molkenkurortes, biegen wir nach Süden ab. Die nächsten zwei Stunden zum Gottschalkenberg hinauf sind streng. Freilich erschliesst sich auch die Sicht auf den Landstrich an der Sihl, die wir unweit des Dorfes gequert haben. Auf dem Gottschalkenberg, auf Zuger Boden, essen wir. Die Wirtschaft ist als Bau eine DDR-Arbeiterferien-Herberge, ist aber privilegiert platziert vor dem Panorama der Innerschweizer Berge. Das Essen ist korrekt. Und nett das Personal, das uns Fröstelnde draussen bedient. Vollends gute Laune machen zwei kleine Mädchen neben dem Haus. Sie haben Lösli gebastelt. Sie sind gratis. Auf meinem steht «Pech gehabt!». Catherine hat «Glück Nr. 12» erwischt und kriegt einen bemalten Föhrenzapfen.

Der Punkt «Bellevue» zehn Minuten von der Wirtschaft entfernt: Steil fällt der Waldhang nach Norden ab, man erblickt einen Grossteil des bananenförmigen Zürichsees. Man lasse sich nun nicht verleiten, nach rechts zu halten, auch wenn da «Menzingen» steht, diese Variante führt sogleich aus der erhöhten in eine mittlere Lage. Besser ist die Richtung «Gubel». Auf der Mangelhöhe stelle ich später – Nomen est Omen – eine Mangelerscheinung fest. Die achtköpfige Vorhut meines «Fähnleins» ist entschwunden.

Vorbei am Armeebunker zum Nonnenkloster

Bei der Kapelle von Fürschwand sind wir vollends im kriegerischen Geschehen: 1531 vor der Schlacht auf dem Gubel, auch eine Konfrontation reformiert gegen katholisch, beteten an dieser Stelle die Innerschweizer. Bald danach ziehen wir, derweil sich vorn auf dem Gubel das Kapuzinerinnenkloster «Maria Hilf» zeigt, an einer mit Stacheldraht gesicherten Kuppe vorbei. Es ist die letzte integral erhaltene Bloodhound-Stellung Europas. Mittlerweile ein Museum, war dies im Kalten Krieg einer von sechs Schweizer Standorten mit Boden-Luft-Raketen. Einen Teil des Geländes gehörte dem Kloster, die Nonnen tauschten dieses Grundstück gegen ein anderes.

Bei «Maria Hilf», wo besagte Nonnen in der Abgeschiedenheit sticken und die berühmten «Gubel-Krapfen» backen, sind wir in Ausklingstimmung. Auch wenn hinab nach Menzingen noch 40 Minuten zu wandern sind – wir, die disparate Resttruppe, nehmen jetzt Bier. Kaufen im Hofladen Bienenhonig und Ziegenrauchwürste. Und freuen uns über ein Ökumenetreffen vor drei Jahrzehnten auf dem Gubel, das folgende Inschrift zeitigte: «1531 gegeneinander – 1981 miteinander».

Route: Hütten (Bus ab Wädenswil) – Hüttner Brugg über die Sihl – Schönau – Hüttner Egg – Sparenfirst – Gottschalkenberg – Bellevue – (Wegweiser am Bellevue: nicht «Menzingen», sondern «Gubel» wählen) – Muetegg – Mangelhöhe (Wegweiser auf der Mangelhöhe: zwei Varianten, wir nahmen die nördliche) – Sätteli – Fürschwand – Gubel Bumbach – Menzingen.

Dauer: viereinhalb Stunden.

Höhendifferenz: 550 Meter auf-, 450 abwärts.

Charakter: Weite Wanderung ohne grosse Schwierigkeiten, besonders aussichtsreich und geschichtsgetränkt.

Höhepunkte: Der Blick vom Gottschalkenberg nach Süden und gleich danach der Blick vom Bellevue nach Norden und auf den Zürichsee. Die stille Kapelle auf der Fürschwand. Bloodhoundstellung und Kloster auf dem Gubel.

Einkehr: www.gottschalkenberg.ch (Mo Ruhetag). www.gubel.ch (Mo, Di, Mi Ruhetag).

Karte: Landeskarten 1: 25 000, Blätter 1131 und 1132. Noch praktischer ist die Wander- und Velokarte Kanton Zug 1:25 000, herausgegeben von der Zuger Baudirektion.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

4 Kommentare zu «Krieg und Frieden an der Sihl»

  • Sonja Hug-Schläpfer sagt:

    Danke, Herr Widmer, für diesen Bericht, als alte Mänzigerin, im „Gschwänd“ aufgewachsen, in Menzingen bis 6.Klasse die Schule besucht, dann nach Hütten umgezogen, (wir hatten nichts gegen die Mänziger!), jetzt an der Costa Blanca meinen Ruhestand geniessend, erinnere ich mich doch immer gerne wieder an die schöne Heimat, die ich auch jährlich ein mal besuche.
    Mit freundlichem Gruss, Sonja Hug

  • Timotheus Augstburger sagt:

    geboren 1931 dann Primarschule 1-8. Klasse in Hütten. Lebt noch jemand von diesem Jahrgang. Ein Kontakt würde mich freuen.
    Grüsse Timotheus Augstburger

  • Susanne Imlig sagt:

    Herr Widmer

    ganz herzlich Dank für diesen Beitrag.
    Ich mag Ihre Wanderbeschreibungen sehr, aber bei diesem war ich quasi Schritt für Schritt dabei. In Gedanken natürlich.
    Da es sich um meine alte Heimat handelt, Hüttner Schanz und die Krone sind alles „alte Bekannte“,
    der GottschälIi, da wüsste ich noch manches Heubeeriplätzli.
    Nur mit den Mänziger, tja, die waren uns Hüttnern nie ganz genehm. Ausländer.. :) (da Kanton Zug)

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