Der Einsiedlerin heiliger Zorn

Die Verenaschlucht bei Solothurn zu durchwandern, dauert theoretisch eine halbe Stunde, doch nehmen ihre Attraktionen derart in Beschlag, dass man eher zwei Stunden benötigt. «Schlucht» weckt zu wilde Assoziationen, die Juraklamm ist zum familienfreundlichen Schlenderweg veredelt. Und eine dritte Vorbemerkung: Man beginne unten und nicht oben, da der Pfad von seinen Erfindern auf diese Gehrichtung hin gestaltet wurde.

Auf dem Solothurner Bahnhofsplatz nehme ich den Bus nach Rüttenen. Bei «St. Niklaus» steige ich aus, gehe vorbei am Altersheim Wenigstein – schon bin ich beim Eingang zur Schlucht. Mit deren Patronin Verena ist das so: Sie zog um 300 im Gefolge ägyptischer Christen ins heutige Wallis. Als diese Legionäre im Solde Roms sich weigerten, dessen Göttern zu huldigen, wurden sie exekutiert. Verena floh und widmete sich fortan der Armenpflege, weswegen eines ihrer Attribute der Lauskamm ist. Eine Zeit lang hauste die Frau in besagter Schlucht. Es entstand eine Einsiedelei, es entstanden später zwei Kapellen.

Das Swissminiatur des Christentums

Um das religiöse Ensemble zu sehen, queren wir vorerst einige Brücklein, kommen auf dem gekiestem Weg vorbei an etlichen Gedenksteinen. Dies ist die Ruhmeshalle von Solothurn; sie erinnert an Oberförster, Dichter, Naturforscher, Publizisten. Und an den Baron Louis Auguste de Breteuil. Der Minister von Louis XVI. floh vor der Guillotine der französischen Revolutionäre nach Solothurn. Er liess die Schluchtroute zur Erbauungspromenade herrichten.

Am oberen Ende der Schlucht ist der Effekt dann surreal: zwei Kapellen schmiegen sich unter die Felswände. Das Einsiedlerkabäuschen hat einen an Versailles gemahnenden Rabatten-Garten. Und unter Einbezug einiger Grotten ist ein katholisches Disneyland arrangiert: Da sind Heilige aus Holz und Gips, ist à la Swissminiatur Jerusalem nachgebildet, liegt hinter einem Schutzgitter die Madonna, vor sich ein Buch mit Mahnzeilen: «Bekehre dich, lass all deine Hofffahrt fahren!»

Uneinsame Einsiedelei

Weil mir nach Essen ist, drehe ich mich um und steige im spitzen Winkel rechts aufwärts aus der Schlucht. Oben bewirtet mich das urgemütliche Restaurant Kreuzen. Danach besichtige ich die Kirche gegenüber, die von einem Kaplanen- und einem Sigristenhaus flankiert ist. Dies ist die Familienkirche der Solothurner Dynastie Von Roll, wer sie betritt, geht auf Grabplatten. Ich halte inne, lasse mir Zeit. Endlich steige ich doch wieder ab in die Schlucht. Dort bin ich enttäuscht: Es ist Montag, sowohl die Martinskapelle als auch die Verenakapelle sind heute geschlossen, realisiere ich.

Oben in Rüttenen warte ich auf den Bus und surfe im Internet. Ich erfahre drei interessante Dinge über die Einsiedelei. Zum ersten Mal seit Verena lebt dort eine Frau; sie ist angestellt von der Bürgergemeinde, und sie hat montags frei, was eigentlich nicht zum Eremitentum passt. Zweitens merkt ein Journalist an, dass es sich um eine extrem uneinsame Einsiedelei handelt. Und drittens hat die Einsiedlerin ein Problem mit Hunden. Oder mit deren Besitzern – jedenfalls soll es einmal zu einer Rangelei mit einer Hündelerin gekommen sein und wird über die rabiate Einsiedlerin geklagt. Diese bestreitet jede Art von Handgreiflichkeit, es ärgere sie bloss, wenn Leute den Kot nicht mitnehmen. Friedvoll klingt das nicht. Aber natürlich sind auch Einsiedlerinnen nicht perfekt.

Infos:

Route: Bushaltstelle St. Niklaus (Bus Nr. 4 ab Bahnhof Solothurn, Terminal C, nach Rüttenen) – Altersheim Wengistein – Verenaschlucht – vom Schluchtende Abstecher hinauf zum Weiler Kreuzen – auf dem gleichen Weg zurück – Rüttenen, Bus-Endhalt. Reine Gehzeit 30 Minuten.

Höhendifferenz: Vernachlässigbar.

Charakter: Promenieren im Stil des 18. Jahrhunderts. Gute Wege. Turnschuhe reichen.

Tipp: Zeit einplanen fürs Verweilen. Nicht an Sonn- und Feiertagen gehen wegen der vielen Leute. Vor der Wanderung die Information auf www.einsiedelei.ch lesen.

Einkehr: Sehr gut ist das Restaurant Kreuzen im Weiler Kreuzen. Mi ab 14 Uhr und Do zu. Reservieren! www.kreuzen.ch 032 622 75 66. Am Schluchtende gibt es eine einfachere Wirtschaft, die „Einsiedelei“. Mo, Di zu. Rest der Woche ab 14 Uhr geöffnet.

Karte: An sich unnötig. Oder aber die beiden Landeskarten 1:25 000 Blatt 1127 «Solothurn» und 1007 Balsthal.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

14 Kommentare zu «Der Einsiedlerin heiliger Zorn»

  • Thomas Widmer sagt:

    Was die Rollstuhlfrage angeht: Wenn ich wieder einmal eine „leichte“ Route behandle, dann werde ich darauf achten, ob sie rollstuhl-tauglich ist.

  • Harry Wyder sagt:

    Liebe Freunde der Einsidelei
    Als ehemaliger Pfader kenne ich die Einsiedelei sehr gut. Am Samstag hatten wir meistens eine Übung im Raume der Einsiedelei. Das waren sehr schöne Zeiten in dieser Umgebung.Die Frau die die Einsiedelei betreut, wurde von der Bürgergemeinde eingesetzt mit dem Auftrag für Ruhe und Ordnung zu sorgen.Da gibt es kein wenn und aber.Wenn man sieht,wie alles weg- geworfen wird, Hunde nicht an der Leine geführt werden. Und wie es am Anfang und Ende der Einsiedelei beschrieben ist. Alle Achtung vor dieser Frau. Aber wo sind die zuständigen Herren, die diesem unliebsamen heuchlerischen Zustand ein Ende bereiten? Aber es ist doch so: die gute Fee wird mit allen Mitteln schlecht gemacht, statt sie für diese nicht leichte Arbeit zu rühmen. Die Besichtigung der Ensidelei ist ja sogar gratis. Darum wer sie besucht, soll sich an die Weisungen halten.
    mit freundlichen Grüssen Harry Wyder

  • ursula moser sagt:

    Die sog. Einsiedlerin ist eine sehr unhöfliche Person. Wenn ich an früher denke, da waren die Einsiedler sehr
    freundlich, hatten auch einen Kartenstand bei ihrer Haustüre, waren auch gerne zu einem Gespräch bereit.
    Wann geht diese Frau wieder weg?

  • Peter Wildhaber sagt:

    Für alle Rollstuhlfahrer: die Verenaschlucht ist absolut „abzurollen“. Allerdings würde ich dann den Nordzugang von Rüttenen her empfehlen – dann gehts nur leicht Bach und „Hoger“ abwärts.
    Das Rest.Kreuzen serviert sehr freundlich, eher gutbürgerliche währschafte, aber feine Küche (mit super Gartenplätzen), das Pintli eher etwas Richtung differenzierte Karte, ein bitzeli teuer, aber auch sehr fein mit schöner Terrasse mit freiem Blick ins Mittelland. Auso, wenn man den Besuch der Barockstadt Solothurn noch etwas abrunden möchte: ab in die Verenaschlucht! Vüu Spass!

  • P. Borer sagt:

    Wer die Einsamkeit sucht, ist in der Verenaschlucht auf jeden Fall falsch, dazu ist sie als leicht erreichbares Ausflugsziel halt zu beliebt…

  • Doris Bönzli sagt:

    Ich kenne die Verenaschlucht aus Kindertagen. Beinahe jeden Mittwochnachmittag spielten wir am Bach entlang in den Sandstein?-Höhlen. Das war herrlich kühl im Sommer :-)

  • Thomas Widmer sagt:

    Wegen der Rollstuhlfrage – ich bin nicht sicher. Bisschen holprig sicher, ich versuche verzweifet, mich zu erinnern, ob es Geländestufen gab, aber ich glaube nicht.

    • G. Andreoli sagt:

      Wäre vielleicht eine kleine Zusatzaufgabe für die nächste Wanderung. Spezielle Karten sind noch eher selten, meistens wären sehr schöne Wanderungen durchaus machbar, aber wenn man von vornherein nicht weiss, ob da auch nur eine Stufe oder ein Baumstamm liegt, wird’s abenteuerlich. Wer nicht (direkt oder indirekt) betroffen ist, achtet sich logischerweise nicht so genau. Ich bin überzeugt, es wären viele Behinderte sehr dankbar um diese kleine Zusatzinfo. Vielen Dank.

  • Projer sagt:

    @G. Andreoli: war vor einem Jahr vor Ort, Weg vom Rest. Kreuz hinunter machbar mit Elektrorollstuhl plus am Besten Begleitung, retour ev. gleicher Weg. Warum Begleitung? Er/ Sie kann Ihnen behilflich sein und Weg freimachen, da Steine vom Hang herunterkollen können. Und wie schon geschrieben: Einsiedlerin hat Ihren Job nicht umsonst gewählt: Sie sucht die Einsamkeit…..
    Oder was denken Sie, Herr Widmer? Ist der Weg machbar für Rollstuhlwanderer?

  • Stefan Leuenberger sagt:

    Der Weg dürfte nur mit Mühe mit einem Rollstuhl zu machen sein.

    Meiner Meinung nach ist das beste Restaurant in der unmittelbaren Umgebung der Schlucht übrigens das Pintli…

    http://www.pintli.com/

    Viel Spass in Soledurn!

  • S. Meier sagt:

    Jein, der Weg ist zwar gekiest, geht aber doch leicht bergauf. Aber mit ein bisschen Muskeln und Puste sollte es eigentlich ganz gut gehen.
    Eine äusserst empfehlenswerte Einkehrmöglichkeit ist auch das Restaurant Pintli (http://www.pintli.com/) ganz in der Nähe des Eingangs zur Schlucht.

    • G. Andreoli sagt:

      Vielen Dank für die Info, mit Elektroantrieb also kein Problem, solange keine Treppe/Stufen im Weg sind.

  • G. Andreoli sagt:

    Ist dieser Weg Rollstuhlgängig?

    • Stefan sagt:

      nur bedingt, da alles gesteint ist und „bergan“ geht.
      Mit einer Person die Kräftig genug ist, die den Rollstuhl schieben kann sollte es gehen

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