Gute Nachrichten aus dem Spargelland

Dättlikon werde «Sonnenterrasse der Irchel-Südseite genannt», teilt die Homepage der Standortförderung Region Winterthur mit. Glaube ich nicht. Es klingt künstlich. Wie wenn man vom Kreuz über St. Antönien sagt, es sei die «Rigi des Prättigaus». So etwas denken sich Touristiker und Funktionäre aus, gelebte Sprache ist das nicht.

Freilich ist Dättlikon, das wir mit dem Bus von Winterthur erreichen, ein Schmuckstück: Es ist sonnenverwöhnt, Riegelbauten verleihen ihm Hablichkeit. Und übrigens baut man hier Wein an. Das Gemeindewappen erzählt davon: Rebmesser, Trauben, darüber ein Halbmond. Das wirkt wie das Emblem eines nachtaktiven, dauerbeschwipsten Ritters.

Wir ziehen los, hinauf zum Irchel, einem Fünf-Kilometer-Rücken, der diverse Wanderziele feilbietet. Offenbar verschanzten sich schon die Kelten auf ihm aufgrund seiner strategischen Lage im geschützten Winkel zwischen Töss, Thur und Rhein. Und die Römer integrierten den Irchel in den Limes, ihr rheinisches Abwehrdispositiv gegen die Germanen.

Die Welt zu Füssen

Unser erstes Irchel-Ziel ist der Aussichtsturm. Sogleich erklimmen wir den Stahlbau von 1983 und sind angetan von der Sicht insbesondere nach Norden. Uns zu Füssen liegt das Dorf Buch, und weit vorn sehen wir lustige Kegelchen im flachen Land. Das sind die abgestorbenen Vulkanschlote im Hegau, einem Stück Baden-Württemberg, das ich zum Wandern nur empfehlen kann. Was mir dort vor Jahren besonders gefiel: die Gewaltsfeste Hohentwiel bei Singen.

Einige Zeit später langen wir bei der Irchel-Hochwacht an. Wieder haben wir Sicht. Direkt unter uns strömt der Rhein, und in einiger Entfernung erblicken wir den sich über fast 500 Meter ziehenden Eisenbahnviadukt von Eglisau. Das markante und elegante Ding ist in etwa gleich lang wie der Gümmenenviadukt zwischen Bern und Neuenburg, an den es mich immer erinnert. Und à propos Hochwacht und à propos Bern: Hochwachten waren im Ancien Régime militärische Signalstationen, und die Zürcher haben diese Einrichtung den Bernern abgeschaut. Im Dreissigjährigen Krieg, 1618 bis 1648, realisierte man in Zürich, dass das eigene Heereswesen verkommen war. Oberst Hans Jakob Steiner trat als Reformer an und verbesserte auch das mangelhafte Alarmsystem. Zwei Dutzend Hochwachten wurden errichtet, eine auf dem Irchel. Alle waren sie ausgestattet mit einem Mörser und einer «Feuerstud», einem Gerüst, an dem man einen Kessel mit brennendem Pech oder Harz aufhängen und schwenken konnte. Je nach Wetter und Tageszeit meldete man Feindes Ankunft mit Feuerschein, Rauch oder Böllerschüssen.

Die Toskana der Schweiz

Durch den Wald steigen wir ab zum Rhein, streifen dem Wasser entlang zur Ziegelhütte, schauen hinüber zur Kirche von Rüdlingen (SH) auf ihrem Rebhügel. Und dann halten wir exakt nach Osten und geraten in flaches Land, das mich an Umbrien oder die Toskana erinnert: weite Äcker und vom Wind sanft aus der Senkrechten gebrachte Pappeln. Schliesslich endet die Wanderung in Flaach, zu dem ich stets «Spargel» assoziiere.

Dazu etwas Aktuelles: Via flaacherspargel.ch bin ich auf den Bauern Jürg Gisler gestossen, habe ihn angerufen, und er lässt der Welt ausrichten: Seit Montag wird gestochen, vorerst Bleichspargel, und dieses Wochenende wird seine Besenbeiz offen und spargelbestückt sein. Das sind gute Nachrichten!

Infos:

Route: Dättlikon (Bus von Winterthur) – Irchel-Turm – Irchel, höchster Punkt – Irchel-Hochwacht – Rheinufer – Ziegelhütte – Flaach.

Dauer: vier Stunden.

Höhendifferenz: 250 Meter auf-, 350 abwärts.

Charakter: Leichte Wanderung, aussichtsreich, viel Abwechslung.

Höhepunkte: Die Sicht vom Irchelturm mit den Vulkankegelchen des Hegaus. Und die Sicht von der Hochwacht nach Eglisau. Das Flanieren dem breiten Rhein entlang. Die «umbrische» Ebene von Flaach.

Einkehr: Erst am Schluss in Flaach.

Karte: Wanderkarte «Schaffhausen-Winterthur» von Kümmerly + Frey 1: 60 000.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

6 Kommentare zu «Gute Nachrichten aus dem Spargelland»

  • Hans Saurenmann sagt:

    Es sollte heissen rechtsufrigen Reuss, die rechte Seite in der Flussrichting des Wassers (Bremgarten Seite)

  • Hans Saurenmann sagt:

    Hochwachten oder Signalstationen hat es seit den Zeiten Karl des Grossen in den Kyburger (Winterthurer) Laendern gegeben. Der Turm zu Kyburg ist urkundlich belegt und hat einen Heiligen (Saint Ulrich, Ulrich von Augstburg, c. 890, geboren auf der Kyburg/ZH, Graf von Dillingen) hervorgebracht. Bern gab es damals noch nicht!! Die Zaehringer, das zweite wichtige Geschlecht nebst den Kyburgern hatten ihre Stammlande mehr westlich, aber waren in Kontrolle bis 1218 von Zuerich als der letzte Zaehringer starb. Das Schloss auf dem Lindenhof wurde geschleift und Z.. wurde von der Krone eingezogen. Alle Besitzungen der Linksufrigen Reuss behoerte zu Kyburg. Zaehringer und Kyburger waren Koenigsfaehig die Habsburger damals nicht. Rudolf war Hauptmann in Strassburg und Hagenau und konnte dadurch rechts ufrige einen Fleckenteppich, (im umstrittenen Gebiet bis Grafschaft Burgund) aufkaufen. Bitte Habsburger Urban I lesen (1003-1025) und spaeter. Vertrag von Verdun 843 ansehen!! Zuerich war Grenzland zwischen Hochburgund und Alemannien. Udalrichinger und Ahalolfinger scheinen aus dem gleichen Stamm zu kommen!! Spargen hin oder her bei den Fakten bleiben!!

  • Erich Reldez sagt:

    Eine schöne Wanderung, wirklich! Aber da ist noch ein Aprilscherz versteckt: bei der abgebildeten Kirche handelt es sich um diejenige von Buchberg/SH.

  • Ernst Brunner sagt:

    Vor wenigen Tagen habe ich diese schöne Tour ebenfalls absolviert, aber in umgekehrter Richtung, von der Postautohaltestelle Ziegelhütte nach Pfungen SBB. Es ist eine lohnende Tour, die nur empfohlen werden kann. Meine Kartenempfehlung ist jedoch nicht die in meinen Augen etwas blöde Karte 1:60 000 sondern die Wanderkarte der Arbeitsgemeinschaft Zürcher Wanderwege im Massstab 1:25 000, Blatt 2 Andelfingen und Blatt 3 Winterthur. Diese hervorragennden Karten sind im Kanton Zürich das Beste, das für diesen Zweck zur Verfügung steht.

    • Projer sagt:

      ..gebe Ernst Brunner recht: K+F Wanderkarten sind „daneben“ mit dem Massstab und zudem schlecht generalisiert. Manche Kreuzung stimmt nicht überein mit dem schlechten Bild der Höhenkurven. Also sicher nichts für alpine Wanderungen- aber für so eine Alltagsweekendwanderung reicht die Karte alleweil. Und sonst sind die Wanderwege in der CH SEHR gut signalisiert!!!

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