Der Rosenquarz-Gipfel

Diese Woche auf die Mänziwilegg (BE)

An einem kalten und nebligen, doch immerhin trockenen Endfebruartag gehen wir von Boll auf die Mänziwilegg. Die Bahnfahrt von Bern zur Station «Boll-Utzigen» war zuvor instruktiv: Zuerst Stadt, dann allmählich Agglo, die Bebauung lockert sich auf – schliesslich Boll. Im Dorfkern traditionelle Bauernhäuser. Aber auch ein kleines Ladenzentrum mit Grossverteiler und moderne Überbauungen an den Hängen. Boll ist im Zwischenreich zwischen Stadt und Land angesiedelt.

Nach der Bäckerei Schüpbach zweigen wir rechts ab in den Waldhang, queren bald den Mini-Mini-Weiler Weier, passieren später den Rand von Utzigen, haben hügeliges, sanft steigendes Land vor uns. Das nächste Zwischenziel, das bereits auf 800 Metern gelegene Littewil, ist eine liebe Ballung aus Bauernhäusern und Wohnhäusern. Noch einmal müssen wir nun gut 130 Meter steigen bis zur Mänziwilegg.

Riesige Rosenquarze

Endlich sind wir oben. Hier war ich früher, als ich in Bern studierte, des öftern. Ich erinnere mich an ein grossartiges Panorama. Diesmal fehlt es; kein Alpenkranz, keine Emmentaler Hügel, keine Stadt Bern, keine Trois Lacs, keine den Horizont versiegelnde Jurakette, stattdessen nur Dunst, Dunst, Dunst. Ich schliesse, vor der Wirtschaft stehend, die Augen und stelle mir das Prachtsspektakel von Eiger, Mönch, Jungfrau im Süden vor. Dann öffne ich die Augen wieder, drehe mich um – und stehe vor einem seltsamen Arrangement. Da stehen Gebilde aus Metall. Und Rosenquarze in der Grösse von Kleinkühlschränken, die in der Esoterik als heilend gelten und insbesondere Liebesdrang bewirken sollen.

Nun, ich begehre die rosa Monster auch nicht, nachdem ich zwei, drei Minuten intensiv neben ihnen innegehalten habe. Aber weil wir uns selber gern haben und, verschwitzt wie wir sind, zu frösteln beginnen, gönnen wir uns jetzt drinnen in der Gaststube etwas Gutes. Die Rindshuft mit Pommes Frites und Gemüse schmeckt. Der Wirt kann also kochen; wohingegen ich ihn als Hersteller von Zimmerbrunnen (daher die Rosenquarze), speziellen Tischen und dergleichen eher anzweifeln würde. Aber weil diese Kolumne immer fair bleiben will, sei die beliebte Weisheit beigegeben: Über Geschmack kann man streiten.

Schöner alter Dorfkern

Nach dem Essen, das einzig ein wenig darunter leidet, dass die Serviererin immer wieder hinaus in den zum Fumoir umfunktionierten Wintergarten eilt, was meinen verschwitzten Rücken der Kaltluft aussetzt – nach dem schnellen Essen brechen wir wieder auf. Wollen wir über die Wägesse, diesen weit sich Richtung Schafhausen spannenden Höhenrücken, und Highland-Stimmung wie in Schottland spüren? Diesmal nicht, wir wählen einen kürzeren Abstieg: wieder hinab ins Tal der Worble. Toll ist der erste Teil, der durch den stillen Wald des Lüsebergs führt. Später, vor Wattenwil, landen wir auf einem Strässchen. Gut, kann man derzeit noch im Grünen gehen; wir vermeiden einen Gutteil des Hartbelags, indem wir auf dem Wiesenbord wandern. Schliesslich müssen wir uns weiter unten für Worb oder Vechigen entscheiden. Wir geben Vechigen den Zuschlag und bereuen es nicht: Was für Dorfkern! Und vor allem, was für eine Kirche! Sie ist, lese ich später zuhause, fast 500 Jahre alt, der Turm sogar ein wenig älter.

Infos:

Route: Boll-Utzigen Station – Bahnhofstrasse – Bernstrasse – Lindentalstrasse – Weier – Utzigen – Littewil – Arni – Mänziwilegg – Lüseberg – Wattenwil – Hasli – Vechigen Dorf – Vechigen Station.

Dauer: dreieinhalb Stunden.

Höhendifferenz: Je 400 Meter auf- und abwärts.

Charakter: Leichte Wanderung mit vielleicht einem Drittel Hartbelag, den man aber grossteils meiden kann, indem man am Strassenbord im Grünen geht. Voralpin und hügelig.

Höhepunkte: Das Panorama von der Mänziwilegg. Die Eroberung des Bauernlandes nach dem Start im Agglogürtel.

Einkehr: Mänziwilegg, Mo/Di Ruhetag. www.maenziwilegg.ch

Karte: Es reicht die Wanderkarte 1: 50 000 («Bern», 243 T).

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

2 Kommentare zu «Der Rosenquarz-Gipfel»

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