Bella, Medardus, Köbi und der Kachelmann


Vor einem Jahr gingen wir von Trogen auf den Sommersberg und hinab nach Gais. Das stärkste mir erinnerliche Bild dieser Wanderung: Bella, die von meiner Schwester entliehene Hündin, ein Appenzeller Blässli fröhlichen Gemütes, wälzte sich auf den Schneeflecken unter dem Sommersberg. Sie hatte auch viel Spass daran, auf dem Rücken, die Pfoten an den Bauch gelegt, kopfvoran hangabwärts zu rutschen als sozusagen ihr eigener Schlitten.

Gestartet waren wir, wie gesagt, in Trogen. Wer dort noch nie war, geht beim Bahnhof nicht gleich Richtung Sand, sondern macht den Umweg über den Dorfplatz. Dessen Steinpaläste künden vom einstigen Reichtum der Zellweger, einer Leinwandhandel-Dynastie.

Der arme und der reiche Johann

Der Sand: eine hübsche Bauernwirtschaft. Wir biegen links ab – und haben linkerhand beim Weiler Schurtanne ganz nah ein auffallend grosses Haus. Dies ist die ehemalige Schule für arme Waisen. Sie entstand im 19. Jahrhundert aus dem Wirken zweier Zellweger. Der eine, Johann Kaspar, war reich. Der andere, Johann Konrad, war arm, war ein feuriger Pädagoge, der die vom reichen, nicht verwandten Namensvetter finanzierte Schule führte. Es gab Rückschläge. 1844 brannte der neunjährige Medardus Sonderegger, ein «wahres Gaunerkind» laut Untersuchungsrichter, das Heim nieder. Es wurde umgehend wiederaufgebaut, diesen Neubau haben wir vor Augen. Johann Konrad Zellweger traf die Untat schwer. Er folgerte daraus, dass «der Keim des Bösen bei sorgloser Erziehung schon im zartesten Kindesalter Wurzel schlägt».

Wir wandern weiter, hinab zur Grossen Säge mit ihren Holzstapeln, und nehmen dann nicht den kürzeren Weg zum Ruesitz via Grueb, sondern den längeren via Ebnetschachen. In der Folge passieren wir einsame, verschattete Hemetli, die treuherzig vor sich hinwittern; manches Haus steht wohl auch leer. Oben beim Ruesitz sind wir plötzlich in erhabener Stellung. Und wir sehen bald die drei mächtigen Hügel der Gegend: vorn den berühmtesten, den Gäbris. Zur Linken den Hirschberg. Und etwas näher zur Linken den Sommersberg. Ihn zu erreichen, müssen wir auf Holzstegen eine federnde Moorsenke queren, Bella suhlt sich im Schlick. Zuvor sind wir beim Weiler Schwäbrig an einer Wetterfirma mit Messgeräten im Garten vorbeigekommen. Jawohl, dies ist das Habitat des Jörg Kachelmann, der in Mannheim vor Gericht steht.

Köbi, der Söderi

Der Sommersberg erweist sich als breiter, weiter Rücken. Vor der Bauernwirtschaft mit der dunklen Schindelholz-Fassade setzen wir uns im Freien. Die Wirtin, eine junge Frau, trägt Sachen auf wie Siedwurst mit Brot oder auch einen Fleisch-Käse-Teller. Bei ihr ist ein kleiner «Söderi», ein Quengelbub, namens Köbi. Bella lässt sich nicht irritieren, sie ist Kinder gewohnt, liegt ruhig im Gras, schlabbert Wasser aus dem Napf, den man freundlicherweise bereithält.

Der letzte Akt der Wanderung: hinab durch den Wald via Hebrig nach Gais. Den «Hirschen», eine hervorragende Adresse für bürgerliche Küche, ignorieren wir, wir haben schon gegessen. Am Dorfplatz bewundern wir die Häuser, Schmuckstücke geboren aus dem Geiste des Spätbarock und Rokoko. Unverständlich, dass dieser Dorfplatz ein Parkplatz ist. Wir entspannen uns lieber weiter unten, stossen am Bahnhof mit einem Bier vom Ladenkiosk auf die Wanderung an.

Infos:

Route: Trogen Bahnhof – Sand – Grosse Säge – Ebnetschachen – Ruesitz – Schwäbrig – Sommersberg – Hebrig – Gais Dorf – Gais Bahnhof.
Dauer: Dreieinhalb Stunden.

Höhendifferenz: Je 450 Meter auf- und abwärts.

Charakter: Stetes Auf und Ab durch abgelegenes Bauernland. Keine technischen Schwierigkeiten, einzig nach dem Sommersberg gibt es eine kurze Steilpartie im Wald.

Tipp: In Trogen den Umweg über den Dorfplatz wählen, die Zellwegerpaläste anschauen, einen Biber kaufen.

Einkehr: Sommersberg, einfache Bauernwirtschaft, Mo/Di Ruhetag. In Gais isst man hervorragend im Hirschen www.hirschen-gais.ch, So ab 16 Uhr und Mo geschlossen.

Karte: Landeskarte 1: 25 000 Nr. 1095 «Gais».

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

4 Kommentare zu «Bella, Medardus, Köbi und der Kachelmann»

  • Melly sagt:

    Diese Wanderung nehmen wir am Sonntag gleich unter die Füsse und Pfoten. Mal schauen ob unser Appenzeller-Mix sich auch gerne im Schlamm suhlt wie die Bella. Ich freue mich schon auf schönes Frühlingswetter und wieder eine Widmer-Wanderung!

    • Melly sagt:

      Noch ein Nachtrag: Es ist Sonntag Abend, wir sind zurück von dieser tollen Wanderung und es hat sich super gelohnt! Es war fast eine Winterwanderung und unser Appenzeller-Mix hat sich nicht im Schlamm gesuhlt, sondern im Schnee total ausgetobt. Es war einfach herrlich, Sonne und Schnee und gute Laune. Wir haben einen Umweg auf den Gäbris gemacht, dafür dann die Spitze des Sommersberg ausgelassen. Danke für diesen Wandertipp!

  • monika sagt:

    ja, das kann ich vollumfänglich bestätigen!

  • Maurus sagt:

    Danke Thomas für die neue Tour – die mir mindestens teilweise bekannt ist – und vor allerm Danke für die beigefügte Karte bei den Bildern. Eine Karte verhilft doch immer schnell zu einem Überblick, auch wenn es keine genaue ist.
    Ich geniesse diesen Service des Tagi – und vor allem deine grosse Arbeit dahinter – jeden Freitag. Auch die Hinweise, wo man etwas Feines in den Magen bekommt, finde ich super. Auch für mich gehören Wandern und Essen geniessen eng zusammen.
    Herzlich grüsst
    Maurus

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