Reif für die Insel


Januar, ein Föhntag, 15 Grad. Für die Innerschweiz war grandiose Fernsicht versprochen. Ich setzte meinem Grüpplein den Bürgenstock zum Ziel – und wer die Route jetzt nachwandern will, da die Südhalden erneut ausgeapert sind, der nehme zur Kenntnis: Der Berg hat steile Flanken. Schattenpartien können vereist sein. Jeder muss das Risiko selber kalkulieren.

Wir starteten in Ennetbürgen-Post am Rand der weiten Ebene, in der der Flugplatz Buochs liegt. Dieses Gebiet lag in der Vorzeit, nach dem Schmelzen der Gletscher, unter Wasser. Bis die Engelberger Aa mit ihrem Geschiebe das Gelände füllte und die Ebene schuf, war der Bürgenstock eine Insel, ganz umgeben vom Vierwaldstättersee.

Besuch beim Schutzherr der Pilger

Ich hatte diesen Bürgenstock schon lange erkunden wollen – ich war reif für die Insel. Wir folgten dem Wegweiser, der uns durch eine gediegene Wohnzone in bäuerliches Gebiet führte. Bereits hatten wir den verheissenen 1a-Ausblick. Nennen wir hier gleich en bloc, was wir auf der Wanderung alles nah und plastisch sahen: Pilatus, Rigi, Stanserhorn, Buochserhorn, Titlis. Aber auch Luzern, den Sempachersee, die Dampffahne des AKWs Gösgen.

Wir erreichten St. Jost. Dieser Heilige aus Frankreich, Schutzherr der Pilger, wird oft mit einem Stock dargestellt; nein, es ist kein ausziehbarer aus Leichtmetall, sondern das klassische Holzmodell. Josts Kapelle ist erbaut an der Stelle, an der einst ein frommer Waldbruder hauste. Auf seinem Grab baute ein reicher Mann die Gebetsstätte und widmete sie Jost.

Wir ruhten und schauten. Im Innern der Kapelle hatte Wanderfreund Hürzi zuvor die Fresken anhand der Perspektivgebung datiert: 14. Jahrhundert. Stimmt, entnahm ich einer aufgelegten Broschüre. In meiner Wandergruppe gibt es Genies aller Art.

Ein gruseliger Blick in die Tiefe

Am ruppigen Mattgrat, der Kantonsgrenze Nidwalden-Luzern, stiegen wir auf zum Chänzeli. Zur Rechten fällt der Hang senkrecht in den Vierwaldstättersee ab. Ist der Pfad glitschig, kann man bei St. Jost das Strässchen nordwärts nehmen und via Honegg leichter zum Bürgenstock-Hotel gelangen. Wir hatten kein Problem und kamen zum Chänzeli, einer Terrasse mit Geländer. Und wir langten nach einem weiteren Aufstieg beim Hammetschwandlift an. Das ist der berühmte, frivol an die Fluh platzierte, praktisch im Leeren schwebende Freiluftaufzug. Im Winter ist er zu. Wir betraten die Zugangsrampe, linsten in die Tiefe, gruselig.

Nun stiegen wir ab zum Bürgenstock-Hotelkomplex in der Mulde unterhalb der Alp Tritt. Überall Gruben, Bagger, Kräne. Eine Investment-Gesellschaft aus Qatar baut für 300 Millionen Franken ein neues Riesenresort.

Erhabenes Balmkapellchen

Im Restaurant «Taverne 1879» assen wir, es war so, so, la, la. Und dann stiegen wir ab. Diese zweite Etappe war genau so lang und schön wie die erste. Wir durchquerten die Senke von Oberbürgen, die anders als der besser besonnte Hang über ihr schneebedeckt war. Und wir hielten weiter abwärts nach Stansstad-Bahnhof; abenteuerlich dabei der letzte, in die Felsflanke gezwängte Steilabschnitt mit dem Balmkapellchen in erhabener Stellung. Hier in der Einsamkeit des Waldes zündeten am letzten 1. August Jugendliche in der Kapelle Feuerwerkskörper und richteten Schaden an. Nur schon das Darandenken tut mir weh.

Infos:

Route: Ennetbürgen Post (Bus vom Bahnhof Stans) – St. Jost – Mattgrat – Chänzeli – Hammetschwand-Lift – Bürgenstock (Hotelanlage) – Boden – Wil – Allmend – Widen – Mattli – Balmkapelle – Unter Säge – Stansstad Bahnhof.

Dauer: gut fünf Stunden.

Höhendifferenz: je 700 Meter auf- und abwärts.

Charakter: Eine anstrengende Wanderung mit viel Aussicht. Heikel bei Vereisungen. Eigene Risikobeurteilung nötig! Sicher ist die Variante, ab St. Jost das Strässchen nordwärts zu nehmen und via Hasli und Honegg auf den Bürgenstock zu gehen (Karte konsultieren!).

Höhepunkte: Die Landschaft als Ganzes, es gibt in der Schweiz keine mit mehr komprimierter Schönheit. Der vielarmige Vierwaldstättersee, das gedrungene Stanserhorn, die Schwemmebene. Naturkräfte der Urzeit werden sichtbar.

Einkehr: Auf dem Bürgenstock (Hotelgegend) in der «Taverne 1879». Täglich offen.

Karte: Wanderkarte 1: 25 000 Luzern-Pilatus-Rigi 2510 T.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch.

Wanderblog: http://widmerwandertweiter.blogspot.com/

1 Kommentar zu «Reif für die Insel»

  • Franz Reiser sagt:

    Werter Herr Widmer
    Mit grosser Freude lese ich immer wieder ihre Wandervorschläge im Tagi. Zu ihrer Wanderung über den Bürgenstock möchte ich ihnen als Anwohner auf dessen Sonnseite noch einen Tip geben. Vom St. Jost aus sollte man den kleinen Abstecher nach der Rappersfluh machen. Es handelt sich dabei meines Erachtens um den schönsten Punkt auf dem Bürgenstock. Sie erreichen diesen kleinen Gipfel mit 2 Ruhebänken in ca 10 Minuten indem sie auf der Strasse bis zu deren Ende (Parkplatz) gehen und halblinks über die Wiese bis zum Grat hochsteigen. Sodann am Mast der Hochspannungsleitung vorbei und sie stehen auf dem Gipel und geniessen eine grandiose Aussicht.
    Ich freue mich auf weitere tolle Wandervorschläge und wünsche ihnen viel Spass beim Wandern.
    Mit freundlichen Grüssen
    Franz Reiser
    6373 Ennetbürgen

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