Ein Marathon gegen das Vergessen

Outdoor

Ein Zeichen der Solidarität: Läufer am Athen Marathon schwenken grüne Tücher, als sie die von Waldbränden zerstörte Region Mati passieren. Foto: Giorgos Zachos (Getty)

Für gewöhnlich fliessen die Tränen erst hinter der Ziellinie eines Marathons. Für gewöhnlich sind es die emotionsgeschüttelten Läufer, die sie vergiessen. Und für gewöhnlich machen die Sportler keinen Hehl daraus.

Anders gestern Sonntag am Athen Marathon: Die junge Griechin steht am Strassenrand – etwa bei Kilometer 15 des Rennens. Modischer Kurzhaarschnitt, dunkle Jeans, eine grosse Sonnenbrille verdeckt ihr halbes Gesicht. Darunter laufen die Tränen hervor. Sie weint lautlos. In der Hand hält sie einen schwarzen Luftballon mit demselben Schriftzug wie auf ihrem T-Shirt. Weiss und Rot. Sie ist Matiotin. Und neben ihr säumen fast alle Einwohner des griechischen Ferienortes die geschichtsträchtige Strecke von Marathon nach Athen. Sie alle tragen Schwarz, halten Transparente, viele von ihnen halten Ballone – 99 sind es. Einer für jedes der 99 Opfer, die das Flammeninferno Mitte Juli forderte, das ihr Dorf beinahe auslöschte.

Auch die junge Griechin hat Angehörige und Freunde verloren. Sie reckt die Faust in die Luft und schreit «Mati! Mati! Mati!» Bis die Tränen ihre Stimme ersticken. Lauthals feuern die Matioten die Läufer an, so, wie sie es jedes Jahr tun. Doch an diesem Tag machen sie auch ihrer Wut, ihrer Verzweiflung, ihrer Trauer Luft. «Wir sind Mati!»

Die Läufer sollen das Grün zurückbringen

Die junge Griechin nimmt ihre Brille ab. «Nein, den Marathon zu annullieren oder die Strecke zu verlegen, ist der falsche Weg», sagt sie entschieden. Ihr Blick streift über die schwarzen Baumsekelette, die verkohlten Mauern der Häuser längs der Strasse. Dann zeigt sie auf einen Läufer mit einem grünen Kopftuch. Auf eine Sportlerin hinter ihm. Diese streckt beim Anblick des schwarzen Spaliers der Matioten die geballten Fäuste in die Luft. Das grüne Kopftuch, das der Marathon-Veranstalter verteilt hat, umwickelt ihre linke Hand. In der Rechten hält sie einen kleinen Olivenzweig empor.

Mati trägt Schwarz: Anwohner feuern die Läufer an. Video: Pia Wertheimer

Die Läufer sollen die Farben, das Grün zurückbringen – so die solidarische Idee der Organisatoren. Aber nicht nur an diesem Marathontag. Sie haben ein Wohltätigkeitsprojekt ins Leben gerufen und sammeln Gelder, um den Wald von Mati wieder zu pflanzen, der einst die Strecke säumte.

Für die Matioten ist das aber nicht der einzige Grund, weshalb der Anlass wie geplant stattfinden sollte. Er bringt ihnen ein bisschen Normalität zurück. Menschen aus aller Welt bekunden ihre Solidarität mit ihnen. «Wir kämpfen gegen das Vergessen», sagt die junge Frau tapfer. «Aber auch gegen Behörden die uns im Stich gelassen haben und sich vor der Verantwortung drücken.» Und mit dem traditionsreichen Lauf, der etliche Journalisten und Fotografen anzieht, erhalten sie eine medienwirksame Bühne. Auch das kann Marathon.

3 Kommentare zu «Ein Marathon gegen das Vergessen»

  • Urs sagt:

    Wahrscheinlich würde es dem Klima und damit dem Wald helfen, nicht nach Griechenland zu fliegen um einen Marathon zu laufen, den es gleich um die Ecke gibt

    • Fred sagt:

      Ja, stimmt. Und ich hoffe, Sie legen den gleichen harten Massstab an Ihr eigenes Verhalten an, und zwar konsequent und immer. Nicht? Dann vielleicht lieber nicht so hart urteilen über jemanden, die sowieso dort gestartet wäre und sich freut, dass sie der Aktion wenigstens noch einen Sinn geben kann.

  • Gabi sagt:

    Das schönste beim Durchlaufen war, dass genau die Zuschauer nicht nur angefeuert, sonder sich auch zahlreich bedankt haben, dass wir den grünen Buff getragen haben.
    Ein verbindendes Ereignis!

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.