Der harte Weg zurück

Unsere Autorin hatte ein Ziel: die Rigi erwandern. Dann kam der Rückschlag. Wie sie jetzt wieder Freude am Training findet.

 

Jedes Fortschrittchen zählt: Alexandra Baumann kämpft sich zurück. Fotos: Alexandra Baumann

Woran scheitern sportliche Vorhaben? An zu hohen Zielsetzungen, langwierigen Verletzungen, veränderten Lebensumständen – ich glaube aber, sie sind vor allem dann zum Scheitern verurteilt, wenn die Freude am Weg zum Ziel verloren geht.

Jeder, der auf dem Weg zu einem längerfristig angesetzten sportlichen Ziel ist, kennt Momente der Demotivation. Für mich war es nach meiner längeren Verletzungspause ein schwieriger Wiedereinstieg in mein regelmässiges Trainingsprogramm. Zum einen auf der körperlichen Ebene, weil jedes Ziepen in den Bändern im Knie Alarmglocken zum Schrillen bringt und es schlicht und einfach frustrierend ist, wieder bei null anfangen zu müssen.

Keine Lust mehr aufs Traumziel

Zum anderen fand ich auch lange gedanklich den Wiedereinstieg nicht mehr. Ich konnte mich gefühlsmässig überhaupt nicht mehr mit meinem Traumziel, auf die Rigi zu wandern, identifizieren. Es war für mich dermassen weit in die Ferne gerückt, dass ich nun einige Zeit lang überhaupt keine Lust mehr hatte, noch irgendetwas dafür zu tun.

Die Freude am Weg wiederfinden.

Diese Demotivation hat einen schon fast ironischen Zug, denn während der Zeit, als ich wegen der Schmerzen nicht trainieren konnte, habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als es wieder tun zu können. Warum genau fällt man dann trotzdem wieder zurück in diese Lethargie, von der man dachte, sie für immer hinter sich gelassen zu haben?

Ich habe bis jetzt keine Antwort darauf gefunden. Bei mir war es schlussendlich so, dass Nichtstun unbequemer wurde als das Tun. Denn für kurze Zeit vergass ich die vielen Vorteile, welche das regelmässige Training mit sich bringt. Verschiedene Alltagsbeschwerden kehrten zurück, angefangen von leichten Kopf- und Rückenschmerzen über Einschlafprobleme bis hin zu miesepetriger Laune wegen Frischluftmangel.

Trotzdem gurkte es mich unendlich an, wieder zurück zu den Basics gehen zu müssen. Ich hatte so Freude gehabt, dank den Inputs von Trainer Steve Husistein endlich vorwärtszukommen in meiner Beweglichkeit, die Vorteile des langsamen Kraftaufbaus zu spüren und etwas mehr Kondition zu haben. Nun war ich wieder am Punkt angelangt, an dem ich nach ein paar Stockwerken Schnappatmung kriegte und mich teilweise unbeweglicher denn je fühlte.

Wir sind selber verantwortlich

Wenn man an diesen Punkt kommt, gibt es genau zwei Möglichkeiten: aufgeben oder weitermachen. Ich merkte, dass ich Hilfe brauchte, um den Wiedereinstieg zu schaffen. Ich bat meine sehr diszipliniert trainierende Arbeitskollegin, dass sie mir bitte regelmässig einen Tritt in den Hintern geben soll. Ich fragte Freunde, ob sie mit mir walken und wandern gehen würden. Ich vereinbarte mit Steve, ihm wieder ein Trainingstagebuch abzuliefern. Und ich liess mir auf meinen Geburtstag eine Sportuhr schenken, die mich nun auch noch zusätzlich motiviert und mir auch die kleinsten Fortschrittchen aufzeigt.

Die Natur vergütet einem die harte Arbeit.

Natürlich kann man die Verantwortung für das eigene Tun nicht einer anderen Person übergeben, schlussendlich entscheide jedes Mal ich und ich alleine darüber, ob ich mich nun aufs Sofa fläze oder mich bewege. Doch der Support dieser Personen und deren Nachfragen nach Trainingsresultaten helfen mir, dranzubleiben.

Endlich wieder Freude am Weg

Die wohl wichtigste Motivation auf diesem Weg zurück zur Bewegung gibt mir jedoch jemand, den ich nicht um Hilfe bitten musste: die Natur. Nach einem Sommer mit herzlich wenig Kontakt zu ihr, geniesse ich die gemeinsamen Momente wieder umso mehr. Ein fantastischer Sonnenuntergang nach einem total normalen Montag. Die wohltuenden Regentropfen beim Waldtraining nach dem für mich viel zu heissen Sommer. Die frische Luft in den Lungen und Hirnzellen nach einem langen Bürotag.

Nein, es war kein energiegeladenes Aufspringen vom Sofa. Es war vielmehr ein zähes Mich-Wiederaufhieven. Und trotzdem bin ich so dankbar dafür, die Kurve so langsam wieder zu kriegen. Der Schlaf ist wieder besser, die Schulternverspannungen werden weniger hartnäckig, und der Kopf ist wieder frei für mehr Freude an diesem Weg, der nicht immer einfach, aber immer lohnenswert ist.

Lesen Sie dazu auch das Posting vom Mai: Vom Umgang mit Rückschlägen

34 Kommentare zu «Der harte Weg zurück»

  • Maike sagt:

    Es ist doch vollkommen Wurst, wie man seinen inneren Schweinehund besiegt. Das kann – so wie Sie es getan haben – mit Hilfe von Freunden sein oder irgendwie anders. Das muss auch keinem gegenüber gerechtfertigt werden. Ich finde es ausserdem mutig, das Sie am Anfang mit 0 Kondition diese Trainingsweltmeister angesprochen haben – und toll, das die darauf eingegangen sind.
    on on alexandra !

  • Helmi sagt:

    Go. Alexandra. Go!

  • Esther Villa sagt:

    Ich empfehle ihnen das Buch „Nichts gesucht. Alles gefunden.: Meine Reise auf dem Jakobsweg“ von Jean-Christophe Rufin. Nach einer Woche auf dem Jakobsweg wollte er wider nach Hause. Aber es kam anders …

  • Daniel sagt:

    Ich wünsche Ihnen viel Geduld mit sich selber und viel Vertrauen. Ich bin sicher das sie es schaffen, ich glaube an Sie. Freue mich auf Ihre weiteren Blogs. Sie sind inspirierend für viele, auch für mich und das obwohl ich Sport fürs Leben gerne mache.

    • Aryana sagt:

      Oh my, ist das süss. Sie würde ich sofort daten. Einfach weil Augen- und Herzhöhe stimmt.

      • Alexandra sagt:

        Lieber Daniel

        Ihre Rückmeldung freut mich sehr (und erfreut ja scheinbar auch noch andere ;-)
        Ich werde dranbleiben – diese prächtigen Herbsttage machen es einem ja auch einfach!

        Liebe Grüsse,
        Alexandra

  • Hans-Jürg sagt:

    Leider ist unser Körper ein A… Wenn man nur eine, zwei Wochen krank ist und im Bett liegen muss, ist der ganze Trainingseffekt von Monaten dahin.
    Der Wiederanfang ist da sehr hart. Aber wenn ein Hund mithilft, der einen motiviert, mit ihm seinen mindestens stündigen Spaziergang zu machen und einen wenn es sehr steil wird auch noch ein wenig den Berg hochzieht, gehts leichter. Deshalb liebe Frau Baumann hier mein Tipp (denn jeder will ja immer Tipps geben, dabei ist man nicht besser als der „Betippte“…): Legen Sie sich einen Hund zu. Das hilft enorm, wenn man die Motivation mal verlieren sollte.

    • Alexandra sagt:

      Lieber Hans-Jürg

      Mit dem Gedanken habe ich schon oft gespielt – da ich sehr unregelmässig arbeite, wäre es dem Tier gegenüber nicht fair :-( Aber ich werde mich mal in einem Tierheim erkundigen, vielleicht gibt’s da eine Möglichkeit und einen Vierbeiner, der Freude an der Bewegung hätte.

      Herzliche Grüsse
      Alexandra

  • Hanspeter Niederer sagt:

    Auf rein pflanzliche Ernährung ausschliesslich mit Gemüse und Obst umstellen, täglich einen Eiweiss-Shake integrieren und das Gewichts-Problem verschwindet und damit ist auch Training kaum mehr nötig, um auf die Rigi zu wandern. Vitamin B12-Supplement nicht vergessen.

    • Silvio sagt:

      Ihre Veganer-Mission in Ehren, aber ohne Training geht gar nichts!

    • B.M. sagt:

      Genau das ist der entscheidende Punkt! Habe alles selber erfahren! War vor vielen Jahren 96kg, habe über Jahre sämtliche Diäten gemacht, mit dem Resultat, dass ich nachher immer wieder mehr Kilos auf die Wage brachte! Erst die langsame aber stete Umstellung auf eine Pflanzenbasirte Ernährung mit viel Bewegung hat mir geholfen! Und es braucht Geduld und Ausdauer über Jahre! Heute bin ich 72ig und wiege 56kg. Brauche keinerlei Medikamente und bin fit wie ein „Turnschuh“

      • Alexandra sagt:

        Das Thema „Ernährung“ polarisiert wie wohl nur wenige andere… ich finde es immer sehr schwierig, dazu viel zu sagen, da für die einen etwas funktionieren kann, was andere unmöglich in der Umsetzung finden….

        Ich freue mich auf alle Fälle immer über Erfolgsgeschichten – egal, ob von einem Veganer oder von einem Fleischesser ;-) und lese sie immer mit viel Interesse!

        Alles Gute und liebe Grüsse,
        Alexandra

  • Mike Sgier sagt:

    Go! Go! Go!
    Verletzungspausen sind immer ein Mist. Für alle. Der Wiederanfang lohnt sich aber immer. Daher: Mut haben, rausgehen, weiterkommen!
    Sportliche Grüße
    Mike

    • Alexandra sagt:

      Hallo Mike

      Danke fürs Mut machen – diese goldigen Herbsttage helfen definitiv auch, wieder mehr rauszugehen!

      Auch dir viel Spass draussen.

      Beste Grüsse,
      Alexandra

  • Amisha sagt:

    Ein mutmachender Artikel! Danke!

  • Nina sagt:

    Ich wünsche Ihnen ein absolutes tolles Gelingen. Thumbs up!

    Ich finde mich völlig in Ihrem Text wieder. Mit Sportschuhen aus dem Haus zu gehen ist der schwierigste Teil. Dann gehts und Ruhe und Schönheit der Natur entschädigt für Alles.

    • Alexandra sagt:

      Liebe Nina

      Ganz herzlichen Dank. Ja, es ist auf alle Fälle so: Ist man einmal draussen, geht’s (fast ;-) wie von alleine.

      Auch Ihnen schöne Herbsttage draussen.

      Herzliche Grüsse,
      Alexandra

  • Ralf Kannenberg sagt:

    Ich wünsche Ihnen alles Gute auf Ihrem Trainingsweg. Lassen Sie sich nicht entmutigen und anerkennen Sie Ihre Leistungen, auch wenn diese auf den ersten Blick zu geringfügig erscheinen mögen. Wenn Sie eines Tages zurückblicken werden Sie merken, dass es auch diese geringfügig erscheinenden Fortschritte waren, die sehr wesentlich zum Gesamterfolg beitrugen !

    • Alexandra sagt:

      Lieber Herr Kannenberg

      Vielen Dank – das mit den „geringfügigen“ Leistungen ist tatsächlich etwas, worüber ich immer wieder stolpere. Dann muss ich mir wieder bewusst machen, dass jede aktive Minute und jeder Schritt eine Bemühung in die richtige Richtung ist.

      Beste Grüsse,
      Alexandra

  • Martin sagt:

    „sie lebt und walkt“ – kann man das nicht auch in korrektem Deutsch als spaziert/wandert wiedergeben, oder aber wenn denn der Autor wirklich dermassen anglophil ist den Beitrag gleich ganz in der Sprache Shakespears verfassen („she lives and walks“) – aber dafür reichen dann vielleicht die linguisitischen Fähigkeiten doch nicht ganz aus.

    • Doris Greuter sagt:

      lieber martin, wenn sie es schon so pingelig und perfekt wollen, dann ist eine eine autorIN, bitte!
      – und was für eine! sie geht IHREN eigenen weg und hat dabei gelernt, irr- und umwege zu akzeptieren, sich selber zu motivieren und dran zu bleiben, also das hohe ziel nicht aufzugeben! bravo frau baumann und viel vergnügen und erfolg beim weitergehen! sie schaffen das! -;) ich glaube an sie! stellen sie sich IMMER WIEDER vor, wie es sein wird (was empfinden sie wo, welche(s) bild(er) sehen sie, wenn sie ihre rigi erreicht haben!

    • Nina sagt:

      Walking ist auch die Sportart. Chunnsch go walke? Ist völlig normal. Nicht nur wir, sondern auch die Sprache ist im Wandel.

      • Martin sagt:

        Liebe Doris, der Abschnitt auf welchen ich mich beziehe (kurzer biographischer Abriss neben dem Porträt-Bild) wurde kaum von Alexandra Baumann geschrieben, sonst würde sie dort wohl nicht in dritter Person erwähnt.
        Insofern war mein Kommentar nicht eine Kritik an Alexandra Baumann, sondern am Autor / an der Autorin dieses Bildtextes und da dessen / deren Person und damit Geschlecht unbekannt ist, habe ich die männliche Form verwendet (diesen neuen Kommentar aber Ihnen zuliebe geschlechtsneutral formuliert).

        • Alexandra sagt:

          Liebe alle

          Die Autorin denkt eben selber auch, dass sie dieses Portrait mal etwas anpassen sollte ;-) Von dem her gesehen danke für den Input!

          Ich freue mich sehr, dass ihr hier mit kritischem Auge mitlest und wünsche allen einen wunderschönen, aktiven Herbst!

          Liebe Grüsse,
          Alexandra

  • Thomas Hürzeler sagt:

    Schön geschrieben. Wie immer.

  • lara sagt:

    Danke für diese ehrlichen Worte! Auch mir fiel es nach den Geburten (nicht eine Verletzung … aber ähnlich) unendlich schwer wieder einzusteigen. Ich wünsche dir ganz viel Energie! In einem Jahr wirst du zurückblicken und noch stolzer sein, dass du auch dieses Motivationstal hinter dir gelassen hast. Alles Gute! Ich mach jetzt das ‚couch to 5k‘ der NHS (einfach mal googeln)

    • Alexandra sagt:

      Liebe Iara

      Ich glaube, der Wiedereinstieg fällt sehr vielen schwer – toll, dass es dir wieder gelungen ist! Und viel Spass mit Couch to 5K, ich kenne das und finde es eine tolle Sache.

      Schöne Herbsttage und liebe Grüsse,
      Alexandra

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.