«Das Ziel gibt die Energie»

  • Die Sportpsychologin gibt Tipps, umsetzen muss es die Rennfahrerin selbst: Gut, dass die Schweizer Downhillerin Emilie Siegenthaler beides ist. (Fotos: Boris Bayer)

  • «Ich bin wirklich gern in der Luft!» Emilie Siegenthaler beim 2017 UCI Downhill Worldcup in Lenzerheide.

  • In sich hineinhören und etwas finden, das einem Freude macht, sei der Schlüssel, sagt Emilie Siegenthaler.

Welcher Hobbysportler kennt die Situation nicht: Eigentlich gut trainiert und dennoch bricht man beim Wettkampf ein. Oder man fiebert dem Saisonhöhepunkt entgegen – und verletzt sich kurz vor dem langersehnten Alpencross. Wie geht man mit so einer Situation um?

Emilie Siegenthaler (31) ist die derzeit schnellste und erfolgreichste Schweizer Downhill-Racerin – und studierte Sportpsychologin. Sie erklärt im Interview, wie sie trotz Niederlagen oder Verletzungen auf ihre Ziele fokussiert, was Downhill-Racing mit dem inneren Fokus zu tun hat – und wie das auch Hobbysportlern hilft.

Emilie, wie sehr hilft es dir, dein Wissen als studierte Sportpsychologin auf deinen Sport Downhill-Racing zu übertragen?

Oh, das ist ein grosses Thema. Denn es betrifft nicht nur die sportliche, sondern immer auch die menschliche Ebene. Und das öffnet verschiedene Perspektiven. Wenn etwas nicht passt, ist es wichtig, alles in einem breiteren Spektrum anzuschauen. Die sportliche Situation, aber auch die persönliche, vielleicht in der Familie oder mit dem Partner. Wichtig ist, Dinge, die etwas schwierig sein können, aus einer anderen Perspektive anzuschauen und dabei zwei oder drei Schritte zurückzutreten.

Du hinterfragst dich also stärker und gehst nicht immer Vollgas voraus?

Ja, als Sportler ist man auf sein Ziel fixiert und will das immer erreichen. Man spürt den Druck von Sponsoren, von Fans, von allen, die viel für dich machen. Natürlich will ich die Ziele auch für mich erreichen, aber manchmal spielt der Druck von aussen mit hinein. Dann verliert man die Beziehung und den Spass am Sport und fragt sich: Warum mache ich das überhaupt? Aber das ist völlig normal. Und das muss man realisieren. Wenn man sich nicht mehr wohlfühlt, ist es gut, sich von aussen zu betrachten, um wieder in die Position zu finden, wo man weiss: Ich habe Spass an dem, was ich mache. Ohne Freude geht es nicht. Meist habe ich versucht, mir selbst zu helfen oder mit Kollegen zu reden. Aber es ist besser, wenn man einen eigenen Sportpsychologen hat. Es ist effizienter, wenn man mit jemandem spricht, der weiss, worum es geht. Natürlich profitiere ich von meinem Wissen. Im Downhill-Sport machen wir viele mentale Übungen, etwa Streckenvisualisierungen. Aber manchmal geht es tiefer: Warum mache ich das? Was macht mir Spass, und was möchte ich ändern, um es zu geniessen?

Das heisst, du arbeitest professionell mit einem Sportpsychologen zusammen?

Ich habe Ende des Winters mit einer Sportpsychologin in der Schweiz Kontakt aufgenommen. Erstens, um auch selbst als Sportpsychologin und Athletin diese Erfahrung gemacht zu haben. Das finde ich auch künftig für meine Arbeit als Sportpsychologin wichtig. Aber natürlich auch, um bei meinem grossen Ziel, dem WM-Start in Lenzerheide, besser mit diesem Druck-Event klarzukommen.

Gehst du dank deinem Hintergrund und deiner fachlichen Qualifikation bewusster mit Sieg
oder Niederlagen um. Oder bist du da Sportlerin?

Das mischt sich die ganze Zeit. Weil ich eben beides bin – Athletin und Psychologin. Es ist ein Vorteil, wenn du mit beiden Teilen gut jonglieren kannst. Denn es braucht immer alle Teile in dir. Als Athletin brauchst du den Ehrgeiz und das Ego, aber auch den Frust, wenn mal etwas nicht klappt. Wenn du den nicht hast, kannst du nicht noch härter arbeiten, dass du an dein Limit und darüber hinaus gehen kannst. Bei Niederlagen kommt mir die psychologische Komponente zu Hilfe. Ich bin sehr darauf fixiert, Niederlagen zu vermeiden, anstatt mich am Erfolg zu orientieren. Da gibt es zwei Typen: Der eine ist erfolgsorientiert, der andere hat Angst vor der Niederlage. Und das ist nicht so produktiv für einen Spitzenathleten. Ich arbeite daran, um bewusster damit umzugehen, damit es mich weiterbringt. Hier hilft mir mein Wissen als Psychologin.

Jetzt, mitten in der Vorbereitung für die Mountainbike-Weltmeisterschaft in Lenzerheide, hast du dich schwer am Arm verletzt. Wie schaffst du es, motiviert zu bleiben, wie ziehst du dich wieder hoch?

Zuerst ist der Frust. Ein kleiner Sturz, so eine Konsequenz. Da hat man die Emotionen. Es ist wichtig, sie wahrzunehmen. Du bist genervt, frustriert und traurig, dass du nicht nach Kanada kannst. Das musst du fühlen und erkennen. Aber was jetzt? Die Diagnose ist nicht so schlimm, die Sache geht in eine gute Richtung. Ich habe noch eine Chance, mit einem fitten Ellenbogen in Lenzerheide zu starten. Diese Hoffnung und dieses Ziel helfen extrem und geben die nötige Energie. Dazu kommt die grosse externe Hilfe. Die nehme ich gern an. Aber niemand kann für mich in die Physio gehen, niemand kann Konditionstraining machen. Das muss von mir kommen. Für mich ist das Rennen ziemlich wichtig, zu Hause in der Schweiz eine WM zu fahren. Jetzt bin ich nicht für zwei Wochen in Kanada, sondern kann mich auf das Rennen konzentrieren. Gute Sachen lassen sich immer finden – wenn man von verschiedenen Perspektiven schaut.

Und was ist dein Tipp für den Hobbysportler, wenn es ihm mal nicht so läuft?

Beim Sport sind die Ziele extrem wichtig. Das ist schwierig, denn ein Ziel kann ja komplett verschieden sein. Es kommt darauf an, warum jemand Sport treibt. Sei es die soziale Situation, weil er gern mit anderen Menschen zusammenkommt, gern in der Natur ist, oder sind es andere Gründe. Wichtig ist, an die Basis und die Grundbedürfnisse zu gehen: Was macht dir Spass, was hast du gern im Leben? Was braucht du, damit du ausbalanciert bist? Und dann kann man diese Freude mit einer individuell passenden Aktivität kombinieren.

Was macht dann für dich Downhill-Racing so besonders, auch im Vergleich zum «normalen» Mountainbiken?

Ich würde nicht sagen, Downhill ist tausendmal besser als normales Biken. Beim Downhill brauchst du den Fokus, es unterscheidet sich in der Geschwindigkeit und in der Schwierigkeit des Terrains. Die Beherrschung von Körper und Tool. Eins werden mit dem Bike, nur auf das Handling des Bikes fokussieren. Dazu die Sprünge – ich bin wirklich gern in der Luft. Die Suche nach der Perfektion, schwierigere Sachen fahren, immer grössere Sprünge, die Limits pushen. Wenn man dann richtig schnell fährt und das Gefühl hat, das Bike voll im Griff zu haben. Und dabei eine Strecke auf zweieinhalb Kilometern so gut zu kennen, dass du jede Ecke mit maximaler Geschwindigkeit fahren kannst. Das ist schon cool. Weil du so fokussiert bist, verlierst du jedes Zeitgefühl. Und: Es ist sehr anstrengend. Quasi ohne zu treten, gibst du alles und bist trotzdem kaputt. Es ist schon beeindruckend, wie viel Energie es braucht, um auf einem Downhillbike schnell zu fahren.

Wie gehen Sie mit Niederlagen im Sport um? Konnten Sie schon einmal Ihr Saisonziel nicht realisieren, oder haben Sie sich beim Sport schwer verletzt? Haben Sie externe Hilfe in Anspruch genommen?

 

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