«Ein Süchtiger treibt nicht Sport, weil es ihm Spass macht»

Bei Menschen, die zwanghaft Muskeln aufbauen wollen, ist Sport oft nur Mittel zum Zweck und nicht mit Freude verbunden. Foto: iStock

Dr. Jan Rauch ist an der ZHAW tätig als Berater und Dozent.

In meinem letzten Beitrag habe ich mich durch verschiedene Tests geklickt und ging damit der Frage nach, ob ich sportsüchtig bin. Die Unterschiedlichkeit der Resultate war unbefriedigend. Deshalb habe ich mich mit Sportpsychologe Jan Rauch vom Institut für Angewandte Psychologie an der ZHAW unterhalten.

Herr Rauch, bin ich sportsüchtig, wenn ich exzessiv laufe?
Nein, das muss keinesfalls so sein. Wir sprechen ja auch nicht gleich von Lesesucht, wenn jemand täglich ein dickes Buch verschlingt. Es ist durchaus möglich, dass ein Mensch wie Sie seinen Sport einfach nur leidenschaftlich gerne ausübt, weil er ihm guttut – er in dieser Zeit Probleme löst, Ideen entwickelt, dabei einfach Zeit für sich beansprucht oder weil es ihm unheimlich Spass macht. Das sind aber noch keine Suchtmerkmale an sich.

Ich steige oft erst lieber in meine schnellen Schuhe oder aufs Rad, statt direkt ins Feierabendbier zu gehen – ist das ein Indiz?
Auch nicht zwingend. In diesem Fall ist es eine Frage des Ausmasses und ob grundsätzlich die sozialen Kontakte darben. Mich dünkt aber auch, dass die Gesellschaft in diesem Punkt sehr oft zwischen Mannschaftssport und Einzelsport unterscheidet. Jemand, der sich verdünnisiert wegen des Laufens, muss sich wohl eher die Frage der Sportsucht anhören als etwa ein Fussballer. Es ist sozial akzeptierter, für ein Mannschaftstraining den Höck mit den Kollegen sausen zu lassen als für ein Lauftraining – schliesslich kann der Läufer seine Trainings flexibler planen, und keine Mannschaft ist auf ihn angewiesen.

Was ist mit jemandem wie mir, der zuweilen Trübsal bläst, weil er verletzungsbedingt nicht laufen kann – ist der sportsüchtig?
Nein, auch in diesem Fall würde ich nicht automatisch von Sucht sprechen. Schliesslich ist jeder frustriert, dem man etwas wegnimmt, das ihm Spass macht – das ist bei Kindern und ihren Spielsachen auch so. Ich sehe Sie eher in der Sparte leidenschaftliche Läuferin und nicht als Sportsüchtige.

Was ist also Sportsucht?
Es gibt eine sogenannte primäre und eine sekundäre Sport- oder Fitnesssucht. Bei der primären Sucht geht es tatsächlich um den Sport an sich. Anders ist es aber bei der sekundären Sportsucht, die oft mit einer anderen Störung einhergeht.

Das heisst?
Es kann etwa eine Essstörung wie Magersucht vorliegen. Sport dient dann dazu, die Kalorien zu verbrennen. Dann liefert er auch immer eine gute Erklärung, weshalb das Fett stetig wegschmilzt. Oder er liefert einen Vorwand, weshalb der Betroffene nichts essen will – schliesslich steht noch ein Training an. Aber auch bei Menschen, die zwanghaft Muskeln aufbauen, (mehrheitlich Männer), ist der Sport quasi nur Mittel zum Zweck.

Anhand welcher Symptome diagnostiziert man Sportsucht?
Eindeutige Diagnosen sind oft unmöglich, denn das Essverhalten und der Grund, weshalb jemand Sport treibt, spielen meist auch eine Rolle. So sind die Rahmenbedingungen bei Spitzensportlern ganz anders als bei Hobbysportlern – bei den Profis kann es etwa um ihre Existenz gehen, bei den Freizeitathleten zum Beispiel um Anerkennung ihres Umfelds. Es gibt deshalb oft kein Schwarz oder Weiss, sondern Hinweise.

Zum Beispiel?
Ein Süchtiger macht nicht Sport, weil es ihm Spass macht. Er tut es, weil er muss. Ein Hinweis kann auch sein, dass der Betroffene sich zwanghaft sportlich betätigt, ohne aber irgendwelche Wettkampfambitionen zu haben – oft befolgen Sportsüchtige auch keinen Trainingsplan. Denn darin finden sich die für den Trainingseffekt wichtigen Ruhetage, vor denen es einem Abhängigen aber graut. Ebenfalls ein Indiz ist, wenn alle anderen Lebensbereiche wie die Arbeit, die Beziehung oder die zwischenmenschlichen Kontakte völlig in den Hintergrund rücken und der Betroffene gewillt ist, eine soziale Isolation in Kauf zu nehmen. Ein Hinweis könnte auch sein, wenn ein Sportler verletzungs- oder krankheitsbedingt wiederholt ein ärztliches Sportverbot in den Wind schlägt und damit gravierendere Verletzungen oder Gesundheitseinbussen in Kauf nimmt. Oder der Betroffene zeigt Entzugserscheinungen.

Ich bin übler Laune, wenn ich mich nicht bewegen kann. Verstehen Sie das als Entzugserscheinung, oder was muss ich mir darunter vorstellen?
Es handelt sich um akzentuierte Gereiztheit, Nervosität, Konzentrationsstörungen oder das gezielte Suchen nach Kompensationshandlungen, die ebenfalls die Stimmung aufhellen. Doch auch hier steht oft einfach «nur» Frust im Vordergrund, etwas nicht tun zu können, was einem Spass macht.

Sind Frauen und Männer gleichermassen gefährdet?
Eine Studie hat sich vor einigen Jahren mit dem Thema beschäftigt und gezeigt, dass es in punkto Geschlecht keinen Unterschied gibt. Das Alter spielt offenbar aber eine Rolle, denn die jüngeren Athleten haben höhere Gefährdungswerte gezeigt.

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10 Kommentare zu ««Ein Süchtiger treibt nicht Sport, weil es ihm Spass macht»»

  • Carolus Magnus sagt:

    @MARTIN LEU Seit dem, weltweit mit Hunderten von Milliarden produzierten Hoax einer, egal wie gearteten Schädlichkeit von Passivtabakrauch mit einem rein epidemiologischen (nicht etwa äthiologisch) Relativen Risiko von 1.16 (Eine Studie über Milchtrinken kommt mit RR 2.04 für Lungenkrebs fast auf das doppelte), kann man Aussagen des Nocebo-produzierenden BAG wohl kaum noch als vertrauenswürdige Referenz betrachten.
    Immerhin, das BAG kam auf 300-500 PTR-Tote pro Jahr, während die Lungenliga von 1.200 phantasiert.
    Die letzte grosse EU-Studie von Konrad Jamrozik (AUS), der mit 54 an Krebs verstarb, bescheinigte der Schweizer Gastronomie einen halben Toten pro Jahr. Daraus machte dann Parlament mit Hilfe der SRG dann ein Rauchverbot in nicht öffentlichen Gastronomie-Gebäuden.

  • fufi sagt:

    Ich bin seit 47 Jahren magersüchtig.
    Ich hab die Symptome verschieben können, damit ich mit 60 nicht mehr so ca. 25 km pro Tag rennen oder 80km/Tag Velofahren muss.

    Aber Krafttraining habe ich früher wirklich gern gemacht!

  • andy sagt:

    Bin ich süchtig, wenn ich täglich 8 Stunden auf der Schinderbahn büffle wie ein Hornochse? Gibt es da Hilfe und Entwöhnungstherapien?

  • Editt sagt:

    Ich habe noch nie jemanden gesehen der täglich ein dickes Buch verschlingt. Höchsten jemand mit fotografischem Gedächtnis. Und auch das würde ich als eine gewisse Flucht sehen. Wenn schon nicht mit Neigung zur Sucht.

  • Hansli sagt:

    Sportsüchtig bin ich ganz sicher nicht, aber beim Krafttraining ist der Spassfaktor null. Dafür sind nun meine Rückenschmerzen weg und ich fühle mich allgemein besser.

    • Christoph Bögli sagt:

      Das ist effektiv mit ein Grund wieso reines Kraft- aber auch Ausdauertraining skeptischer betrachtet wird als z.B. Mannschaftssport. Der soziale Faktor spielt zwar auch eine Rolle, aber nicht nur. Denn Gewichte drücken oder Kilometer fressen ist per se nun einmal eine relativ freudlose Angelegenheit und im Normalfall nur Mittel zum Zweck für darüber hinausgehende Ziele wie Gesundheit und Fitness.

      Mannschaftssportler machen ja notabene auch Kraft- und Lauftraining, aber das gilt dort aus gutem Grund bei eigentlich allen als unbeliebte Pflichtübung, die nur dazu dient, dass man fitter fürs Spiel ist.

  • Ralf Schrader sagt:

    Sucht ist unstillbares Verlangen und kommt in allen Lebensbereichen vor. Sport und Alkohol sind eher nebensächlich, katastrophaler enden die Süchte nach Reichtum, Schönheit. Je immaterieller eine Sucht, umso schlimmer meist die Konsequenzen.

    Es macht sich ganz gut, auch in diesem Blog, zwischen Sucht und Abhängigkeit zu unterscheiden. Sucht erzeugt z.B. keinem Entzug und lässt sich deshalb viel leichter oder überhaupt ablegen, als die praktisch unheilbare Abhängigkeit.

    • Martin Leu sagt:

      @ Ralf Schrader
      „Im offiziellen Sprachgebrauch der Weltgesundheitsorganisation (WHO) existierte der Begriff „Sucht“ von 1957 – 1964. Danach wurde er durch „Missbrauch“ und „Abhängigkeit“ ersetzt. In wissenschaftlichen Arbeiten wird der Begriff „Sucht“ daher nicht mehr verwendet, umgangssprachlich erfreut er sich aber weiterhin großer Beliebtheit.“

      Quelle:
      Stangl, W. (2018). Stichwort: ‚Sucht‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.

    • Martin Leu sagt:

      @Ralf Schrader
      In der Schweiz sind 250’000 bis 300’000 Personen alkoholabhängig. Jährlich sterben in der Schweiz etwa 1’600 Personen im Alter zwischen 15 und 74 Jahren an den Folgen des Alkoholkonsums. Allein die alkoholbedingte Leberzirrhose führt zu mehr als 430 Todesfällen pro Jahr. Es gibt etwa doppelt so viele tödlich ausgehende alkoholbedingte Krebserkrankungen und Herz-Kreislauf-Störungen. Alkoholmissbrauch verursacht jährlich Kosten im Wert von rund 4,2 Mrd. Franken. Davon entgehen der Schweizer Volkswirtschaft 2,2 Mrd. Franken an Produktivität, weil dem Arbeitsmarkt aufgrund von Krankheiten, vorzeitigen Pensionierungen und Todesfällen Ressourcen verloren gehen.
      (Quelle BAG 2018)
      Das nennen Sie „eher nebensächlich“. Wirklich?

Kommentar

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