Best of: Das perfekte Happy End

Unsere Bloggerinnen und Blogger geniessen derzeit die Feiertage. Wir publizieren deshalb heute diesen Beitrag vom 1. Mai 2017, der besonders viel zu reden gab.

Geschafft: Autorin Pia Wertheimer erhält nach dem Boston Marathon die «Six Stars»-Medaille. Fotos Pia Wertheimer

Es war einer der bewegendsten Momente meines Lebens. Er sitzt tief, denn die Erinnerung daran treibt mir noch immer Tränen in die Augen. Ein perfektes Happy End, das Walt Disney bestimmt vor Neid erblassen liesse – so fühlt es sich zumindest an. Und schuld daran war eine Fremde. Aber von vorne.

Glücklich und gerührt.

Diese Geschichte beginnt an einem sonnigen Herbsttag vor sieben Jahren, in einem verschlafenen Ort im Zürcher Oberland. Mitten in einer Krise – die Ehe liegt in Scherben, der Arbeitgeber hat eine Entlassungsrunde angekündigt – ergreife ich die Flucht nach vorne. Frei nach dem Motto «When the going gets tough, start running!» entwerfe ich meinen Plan gegen die Misere. Er soll eine Erfahrung fürs Leben sein, etwas Intensives, fast Unerreichbares: ein Marathon. Nicht irgendeiner. New York. 1,5 Millionen Zuschauer und eine atemberaubende Kulisse. Nicht einfach ins Ziel kommen: persönliche Zeitlimite vier Stunden. Ein einjähriges Projekt, das nur ich alleine vollenden oder verbocken kann. Ein Plan mit einer Deadline.

Erfahrungen fürs Leben

Es kam alles anders: An jenem ersten Novembersonntag 2010 wusste ich im Ziel im Central Park in New York bereits – es würde nicht bei dem einen bleiben. Zu intensiv waren die Emotionen, die mir die 42,195 Kilometer beschert hatten. Dieses Gefühl, auf der Strecke an die eigenen Grenzen zu stossen, sie zu verschieben und dabei die ureigenen, inneren Zweifler Lügen zu strafen, stärkte mein Selbstvertrauen. Das Laufen hatte sich in diesem einen Jahr in mein Leben geschlichen, als wertvolles Ventil macht es mich umweltverträglich, als Leidenschaft schenkt es mir Freiheit.

Ich hatte inzwischen die Strassen von Wien, Nizza und Paris erlaufen, als ich 2015 von den Marathon-Sternen erfuhr. Die «Six Stars». Nach ihnen greifen darf, wer alle sechs World Marathon Majors schafft. Mit New York hatte ich mir bereits den ersten Stern gesichert – es fehlten Tokio, Boston, London, Berlin und Chicago.

Diese sechs Sterne erklärte ich zu meinem Herzensprojekt – und machte en passant Erfahrungen fürs Leben. Es mag kitschig klingen, aber auf dem Weg zur Startlinie eines Marathons und auf den 42,195 Kilometern lernte ich mich besser kennen. Und von jeder Stadt nahm ich ein «Souvenir» mit nach Hause: In Berlin machte ich Bekanntschaft mit dem Hammermann. Dabei erfuhr ich, wie wertvoll für den Kampfgeist die kleine Geste eines unbekannten Zuschauers sein kann. Bei Kilometer 35 erkannte nämlich der erfahrene Läufer und Reiseveranstalter Markus Roth mein Elend und reichte mir spontan eine Cola. Sie half mir, nicht aufzugeben – nicht nur wegen des Zuckers und des Koffeins, sondern auch auf irrationale Weise. In Berlin zeigte sich die Königsdistanz von ihrer hässlichen Seite.

Keuchhusten und Autounfall

Nach dieser Watsche, ein gutes halbes Jahr später, dann die unerwartete Versöhnung in London – mit einer Bestzeit. So launisch und unberechenbar ist Marathon. Chicago lehrte mich, dass beim Langstreckenlaufen nicht nur das Training, die körperliche Fitness stimmen muss, sondern auch die seelische Verfassung eine wichtige Rolle spielt. Von schwierigen beruflichen und privaten Situationen innerlich angeschlagen, vermochten sich meine Kampfgeister dem inneren Schweinehund nicht entgegenzustellen – mit dem Kopf durch die Wand geht auf dieser Distanz nicht, dafür ist sie zu lang. Ich musste meine Zielzeitvorstellungen anpassen. Als wäre das nicht genug gewesen, funkte das Schicksal dazwischen: erst Keuchhusten, dann ein Autounfall nur wenige Wochen vor Tokio. Dankbar für das grüne Licht der Ärzte im letzten Augenblick, machte ich diesen Marathon zu einem ganz persönlichen, kleinen Fest: Ich hatte dem Unglück ein Schnippchen geschlagen. Die 42,195 Kilometer waren ein Genuss auf ihrer ganzen Länge, die Japaner feierten euphorisch mit mir.

Eine herzliche Umarmung im richtigen Moment.

In Boston, dem ältesten Strassenmarathon, schlug ich schliesslich das letzte Kapitel auf. Der Lauf war für mich der letzte der sechs Marathon Majors: Danach würde ich mich zu den «Six Star Finishers» zählen dürfen. Das alleine machte ihn zu etwas Besonderem. Anders als in Berlin sollte der Hammermann mir die Party nicht vermiesen, ich wollte feiern wie in Tokio – und liess es gemächlich angehen. Es war ein ungewöhnlich heisser Aprilmontag. Die Hitze forderte ihren Tribut. Die letzten zwei Kilometer waren harte Arbeit. Glücklich nahm ich im Ziel die Finishermedaille mit dem legendären Einhorn der Boston Athletic Association entgegen. Als mir dann aber eine Helferin den «Six-Star-Plämpu» umhängte, war es um mich geschehen. Unfassbares Glück, pure Erleichterung, unendliche Erschöpfung. Der Kampf gegen die Tränen war hoffnungslos. Da stand ich, ein überglückliches Häufchen Elend und rang nach Fassung. Unbemerkt trat eine Läuferin neben mich und fragte sanft: «Do you need a hug?» Wir fielen uns in die Arme. Zwei verschwitzte Fremde, die sich wortlos umarmten und nichts an diesem Moment war eigenartig. Es war das perfekte Happy End.

Nachtrag: Sie kannte meinen Namen, ich hatte in meinem emotionalen Tumult vergessen, sie danach zu fragen. Erst Tage später erfuhr ich über Twitter und Instagram, wem ich diesen unbezahlbaren Moment verdankte: Dorothy Beal

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1 Kommentar zu «Best of: Das perfekte Happy End»

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