Die Bezwinger der unmöglichen Wand

  • Meter für Meter dem Gipfel entgegen: Stephan Siegrist am Cerro Kishtwar. Fotos: Mammut

  • Die Nordwestwand ist an vielen Stellen senkrecht bis überhängend.

  • Siegrist und seine zwei Kollegen verbrachten insgesamt zehn Tage in der Wand.

  • Am 14. Oktober erreichten sie den Gipfel.

  • Das Basislager auf über 5000 Meter über Meer.

  • Die Route der Seilschaft.

Wenn die Altmeister losziehen, klingt die Liste ihrer Ausrüstung wie die Rangliste einer Eishockeyliga: Bathooks, Rivets, Birdbeaks, Babyangels, Lost Arrows, Cams, Portaledge. All das hatten Stephan Siegrist, Thomas Huber und Julian Zanker nebst der klassischen Ausrüstung für ihre jüngste Erstbegehung im Gepäck.

Das Team war gewarnt: Zuletzt 1992 versuchten die beiden Engländer Andy Perkins und Brendan Murphy, die Nordwestwand des Cerro Kishtwar im Westhimalaja direkt zu durchsteigen. Nach 17 Tagen mussten sie 100 Meter unter dem Gipfel erschöpft aufgeben. Danach gab es keine Versuche mehr – auch weil die Berge in Kashmir aus militärischen und politischen Gründen über Jahre für ausländische Bergsteiger gesperrt wurden.

Kalte Finger und angespannte Nerven

Ein grauer, abweisender Granitpanzer, der auf einem vergletscherten Sockel thront und bis 6155 Meter in den Himmel ragt – so lässt sich die Nordwestwand des Cerro Kishtwar am besten beschreiben. Die Schwierigkeiten sind offenkundig: Der Panzer bietet keine Eislinie, kein Riss- oder Kaminsystem, dem man folgen kann. Schon nur der Abschnitt bis zum Fuss der Granitwand ist eine anspruchsvolle Tour für sich im kombinierten Gelände.

Doch dann begannen die richtigen Schwierigkeiten erst: technisches Klettern bis A3 in senkrechtem bis überhängendem und oft abwärts geschichtetem Granit – hier wird der Kletterer zum Handwerker. Das Vorankommen gleicht oft einer kleinen Baustelle mit heiklem Platzieren der erwähnten Utensilien, die einem gern auch mal entgegenfliegen unter Belastung. Kalte Finger und angespannte Nerven sind stete Begleiter.

Zehn Tage in der Wand

Erwartungsgemäss liest sich die Schwierigkeitsbewertung wie eine mathematische Formel: VII, A3+,6b, M6, 80°. Ausgedeutscht ungefähr so: sehr steile Wand (teilweise überhängend) mit hohen kombinierten Schwierigkeiten, ebensolchen im reinen Fels und sehr hohen Schwierigkeiten im Fels, die technisch gemeistert werden müssen – und das ab einer Höhe von 5000 Meter über Meer.

Dass Stephan Siegrist, Thomas Huber und Julian Zanker diese kompromisslos direkte Linie durch die 1000 Meter hohe Nordwestwand gelang, ist beachtlich. Sie exportierten damit einen sehr komplexen, material- und zeitaufwendigen Begehungsstil in die menschenfeindliche Umgebung grosser Höhen, wo Witterung und dünne Luft ein Dasein sowieso schon schwer machen.

Die drei mussten jedoch bald erkennen, dass die geplante fünftägige Durchsteigung der Wand nicht realistisch war – das Gelände war schwieriger als erwartet und jeden Nachmittag begann der Schnee zu fallen bei bis zu minus 20 Grad Celsius. Also stiegen sie nach einem ersten dreitägigen Vorstoss wieder ins Basislager ab und waren am 8. Oktober mit frischen Kräften zurück in der Wand.

In weiteren sieben Tagen stiessen sie durch die 600 Meter hohe Headwall bis zum Gipfel vor, den sie am 14. Oktober erreichten. Dabei schliefen sie auf kleinen Felsvorsprüngen und mit Hängezelt (Portaledge). Damit verbrachte das Team insgesamt 10 Tage in der 1000 Meter hohen Nordwestwand des Cerro Kishtwar. Ihre Route tauften sie «Har-Har Mahadev» – ein Ausdruck aus der hinduistischen Mythologie mit der Bedeutung: «Steigere die moralischen Werte, damit du die Angst überwindest, um gefährliche Situationen zu meistern.»

An den Ständen hinterliessen sie Bohrhaken. Wiederholer sind also willkommen … anyone?

6 Kommentare zu «Die Bezwinger der unmöglichen Wand»

  • Mountainrider sagt:

    Ich finde es zwar irgendwie störend, dass sie die BH an den Ständen nicht wieder ausgeräumt haben. Denn – so scheint mir – sollten solche Berge verlassen, wie sie angetroffen werden. Aber angesichts der grossartigen Leistung und der Tatsache, dass ich auch als guter Alpinist dort nie vorbeikommen werde, behalt ich diese Kritik besser für mich. Darum: Hut ab!

  • Matthias Brügger sagt:

    Reinhold Messner wird kochen, wenn er das liest…

  • Lori Ott sagt:

    Eine ausserordentliche, von verdientem Glück begleiteten Glanzleistung!

    „An den Ständen hinterliessen sie Bohrhaken. Wiederholer sind also willkommen … anyone?“
    Prädestiniert wären jene Clean-Climbing – Verfechter, welche jeweils mit Bohrhaken ausgerüstete Kletterouten vandalisierten. Hier könnten sie ihr wahres Können unter Beweis stellen, indem sie die Route zweitbegehen und dabei sämtliche Bohrhaken entfernen, und dabei natürlich die Dübellöcher so verschliessen, dass sie für die Drittbegeher nicht sichtbar sein werden.

  • Ralph sagt:

    Erinnert mich an die als unmöglich geltende Erst- (und Einzig-) Besteigung der Mount McKinley (Denali) Nordwand 1963 durch ein Harvard-Team – mit den damaligen eher simplen Hilfsmitteln… Sehr eindrücklich nachzulesen in John Grahams Autobiografie „On the Edge“ (dt. Ausgabe: „Entgrenzung“).

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.