Expedition Schreizengiessen

Diese Woche eine Wanderung im Grenzgebiet Tösstal/Thurgau (ZH/TG)

  • Freckmünd, an dieser Stelle biegen wir links in den Wald.

  • Steilstufen vor dem Schreizengiessen.

  • Ta ta ta taaaa: unser Giessen.

  • Unser Weg beschreibt eine Halbkurve, Vorsicht, Kopf nicht anschlagen!

  • Dieselbe Passage in der Rückschau.

  • Einige Zeit später sind wir wieder im Harmlosen.

  • Blick zum nahen Weiler Sitzberg.

  • Abstieg nach Bichelsee.

  • Bichelsees Kirchturm zeigt sich.

  • Hier könnten wir in Bichselsee einkehren.

Nachdem ich in einem Buch vom Schreizengiessen gelesen hatte, mir bis dahin völlig unbekannt, nahm ich zuhause die Karte zur Hand. Von Wila im Tösstal zog ich eine Linie zum Weiler Sitzberg fünf Kilometer östlich, fand auf der Linie nah Sitzberg das Gebiet Schreizen.

«Giessen» stand auf der Karte bei einer gekrümmten Felsfluh im Wald, wie ein Gebissabdruck sah das aus. Ein Wanderweg war nicht eingezeichnet. Aber immerhin ein Weg.

Freckmünd?

Tage später brach ich mit einem Freund auf zur Expedition Schreizengiessen. Ab dem Bahnhof Wila hätten wir zu Fuss via Gosswil und Kellersacker nach Freckmünd gelangen können, grossteils auf dem Wanderweg und die letzten zehn Minuten auf der Strasse. Wir entschieden uns für das Postauto. Es trug uns hinauf zur Haltestelle «Turbenthal, Freckmünd».

Interessanter Flurname. Er erinnert an Fräkmünt am Pilatus, worin sich das Lateinische «fractus mons» verbirgt, zerborstener Berg. Auf das zerklüftete Hügelland, in dem wir gelandet waren, würde das auch passen.

Das Uelibächli

Wir stiegen aus, folgten dem entschwindenden Bus 300 Meter auf der Strasse, kamen zu einem weissen Wegweiser des Verkehrsvereins Turbenthal. Wir bogen links in den Wald ein. Weit war es nicht zum Giessen. Wir gingen anfänglich am Ruppenbach, kamen zum Uelibächli, erreichten via Cholplatz steiles Gelände mit ruppigen Stufen.

Für diese Route muss man trittsicher sein. Die Hänge sind coupiert, der Boden rutschig mit Geröll und Baumwurzeln. Man gehe mit Bedacht.

Ein Ott für Räuber

Dann unser Schreizengiessen – wir schnappten nach Luft. «Giessen» bezeichnet einen Wasserfall. Die überhängende Nagelfluhwand von gut 30 Metern Länge war es aber, die uns faszinierte; nicht der dünne Wasserstrahl, der über sie stürzte. An solchen Orten lagern in Räubergeschichten jeweils die Räuber. Ein schmales Weglein zog sich auf halber Höhe ebenaus durch die Fluh, auf ihm hatten wir zur Linken die gefährliche Kante und zur Rechten knapp über dem Kopf den bröckligen Fels. Natürlich verweilten wir in der  Mitte. Hier hätte man im Trockenen lagern können, Feuer machen, sinnieren. Wir redeten über den Giessen.

Als wir weitergingen, taten wir es frohen Herzens, wir fühlten uns als Entdecker; in jedem Mann wohnt bekanntlich ein kleiner Bub. Weiter oben vor Oberschreizen riss uns etwas aus der Schwärmerei: Wir gingen plötzlich am Rand eines Naturistencamps, das sich unter Nutzung der Geländeformen geschickt vor neugierigen Augen schützt. «Die neue Zeit» heisst es und ist ganzjährig geöffnet. Den Verhaltenskodex der Stiftung fanden wir im Internet samt dem Satz: «Nikotin, Alkohol und Fleisch aller Art sind strikte zu meiden.»

Menschenarmes Gelände

Etwas später überquerten wir bei Oberschreizen die Strasse nach Sitzberg; unweit erblickten wir den Kretenweiler mit der Kirche. Wir hatten uns freilich ein anderes Ziel erwählt: Durch menschenarmes Gelände hielten wir auf dem Wanderweg – stellenweise die Churfirsten und den Säntis vor Augen – via Ensberg und Schuel hinab ins Dorf Bichelsee.

Zwei Stunden nur hatte die Wanderung gedauert. Man kann sie beliebig verlängern, indem man zum Beispiel von Bichelsee in knapp zwei Stunden weiter nach Aadorf geht. Wir aber machten in Bichelsee ganz bewusst Schluss. Es gibt Orte im Land, die glücklich machen durch ihre stille Würde. Orte, die eine Wanderung ausfüllen und komplett machen. Der Schreizengiessen, dieses Wunder im Abseits, zählt dazu.

++

Route: Turbenthal, Freckmünd (Bus) – Cholplatz – Schreizengiessen – Oberschreizen – Ensberg – Schuel – Bichelsee, Post (Bus)

Wanderzeit: 2 Stunden. Plus zwei Stunden, wenn man nach Aadorf weitergeht.

Höhendifferenz: 270 Meter auf-, 306 abwärts.

Wanderkarte226 T Rapperswil und 216 T Frauenfeld, 1:50 000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Charakter: Ein Teil der Route verläuft der Signalisation des Verkehrsvereins Turbenthal entlang, keine gelben Markierungen. Teilweise rutschig und feucht mit hohen Stufen im Wald. Vorsichtig gehen, nicht allein gehen und nicht in umgekehrter Richtung gehen! Ansonsten: herrlich einsam und apart.

Höhepunkte: Natürlich der Schreizengiessen. Der Weitblick vom Waldrand am Ensberg.

Kinder: Vorsicht beim Schreizengiessen, heikle Geländekante.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Erst am Ende in Bichelsee. Restaurant Landhaus Smiling Elephant. Sa ab 17 Uhr, So Ruhetag.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

1 Kommentar zu «Expedition Schreizengiessen»

  • Gregor Helg sagt:

    Legen Sie innerhalb dieser Wanderung eine Pause ein (am Waldrand, nördlich des Hofes Oberschreizen beim Ensberg). Geniessen Sie – vorzugweise im Spätherbst – die Ruhe und Aussicht (auf Tösstal und Berge). Glücksgefühl pur.

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