Wandern mit Kindern: Wie hart darf es sein?

  • Noch sind die Heuschrecken wichtiger. Ablenkung zu Beginn der Wanderung. Fotos: Rémy Kappeler

  • Ab hier beginnt der Alpinwanderweg: Er ist nur für geübte Berggänger. Vorsicht und Konzentration sind gefragt.

  • Los gehts! Das weiss-blau-weisse Abenteuer beginnt.

  • Mitten im Gsür-Trichter drin.

  • Im Schatten des Felsens steht das Gsür-Bänkli. Doch sich richtig austoben können die Kinder hier nicht – zu steil ist das Gelände.

  • Der Blick zurück: Wir haben es geschafft!

  • Beim Abstieg zur Schermtanne ist wieder Spielen angesagt.

Die Kinder sind mächtig stolz – der Papa auch: Zusammen meisterten wir kürzlich unsere erste Familienwanderung auf einem Alpinwanderweg. Doch ab wann dürfen Kinder eigentlich auf einen weiss-blau-weissen Weg?

Die Wanderung unterhalb des Gsür-Gipfels in Adelboden ist eine meiner liebsten: Den mächtigen Trichter durchziehen tiefe, steinige Furchen, die sich mit breiten Grasbändern abwechseln. Es ist eine raue Landschaft. Der Trichter ist von fast überall aus sichtbar, den Weg darin sieht man kaum. Er führt fast waagrecht durch die steile Flanke. Sein Untergrund ist gut ausgebaut, es gibt aber weder Ketten noch Handläufe. Wer hier unglücklich stolpert, ist auf seine Schutzengel angewiesen.

Wenn es darauf ankommt

Soll man diese Tour mit Kindern machen? Die Frage stellte ich mir zu Beginn unserer Ferien. Die Wanderung ist weiss-blau-weiss markiert – ein Alpinwanderweg also. Die Wanderer müssen trittsicher, schwindelfrei und in sehr guter körperlicher Verfassung sein. Das sind wir, überlegte ich mir.

Durch die zahlreichen Wanderungen, die wir in den letzten Jahren gemeinsam unternommen haben, sind meine Kinder erfahren: Ich weiss, was sie können, wie ausdauernd sie sind, wie sie reagieren unterwegs. Und ich habe erfahren, dass sie sich in anspruchsvollen Momenten konzentrieren können. Dieses Wissen führte mich zum Entscheid, dass ich die Gsür-Wanderung wagen kann. Zumal ich sie im Vorfeld rekognosziert und den Wetterbericht konsultiert habe.

Wir fuhren mit der Seilbahn auf die Tschentenalp, tobten uns auf dem Spielplatz aus und gingen los. Im ersten, steilen Anstieg versteckte ich noch wie gewohnt Gummibärchen. Die siebenjährige Zauberfee und der zehnjährige Zwergenkönig jagten danach aufgeregt Heuschrecken. Noch führte der Weg einfach über eine Alpwiese.

Die Neugier siegt

Dann erreichten wir den ersten blauen Wegweiser. Wir setzten uns ins Gras und machten Pause. Doch nicht lange, die Neugier der Kinder siegte. Die beiden wanderten von nun an hochkonzentriert. Kein «ich mag nicht mehr», kein «ich hab Hunger», nichts. Während zwei Stunden kein Streit, keine Sticheleien. Sie passierten vorsichtig die schmalen, abschüssigen Stellen, überkletterten zwei, drei Felspassagen und zählten dabei die zahlreichen Bäche und Rinnsale – fast 40 sind es.

Beim Gsür-Bänkli machten wir Pause. Es steht in einer in den Fels gehauenen Höhle, nur etwa eineinhalb Meter vom Abgrund entfernt. Wir erholten uns sitzend, ohne Kapriolen und Klettereien. Und als die Zauberfee bald darauf müde wurde, nahm sie sich zusammen und wanderte weiter. Auch den steilen Abstieg zur Schermtanne auf dem weiss-rot-weissen Bergwanderweg meisterten die Kinder gut. Ich war beeindruckt.

Viel wandern bringts

Um die Frage eingangs des Textes zu beantworten: Ja, diese Tour kann man mit Kindern machen. Eine Altersgrenze anzugeben, macht aber keinen Sinn. Es kommt – wie bei den Erwachsenen auch – auf Erfahrung, Können und die richtige Ausrüstung an. Und aufs Vertrauen zwischen Kindern und Eltern. Letztere tragen ja schliesslich die volle Verantwortung. Eine Herausforderung wird nur dann zur Gefahr, wenn man leichtsinnig handelt.

Das gilt natürlich nicht für alle Alpinwanderwege: Nach dem Gsürweg hinauf auf das Albristhore zu wandern, käme mir mit Kindern nicht in den Sinn. Hier klettert man über Geröll und Felsen und muss sich den Weg zwischen zwei Markierungen selber suchen.

Der weiss-blau-weisse Weg war der Höhepunkt unserer Wandersaison. Einmalig, landschaftlich imposant, anspruchsvoll, fordernd. Eine Belohnung für das, was wir auf unseren bisherigen Wanderungen gelernt haben.

15 Kommentare zu «Wandern mit Kindern: Wie hart darf es sein?»

  • Nick sagt:

    Next stop: kurzer ausflug zum härdigs höreli, beim wegweiser nach ost dem grat entlang. letzter teil aufs höreli sollte gut trocken sein mit kids. kannst ja dort ein fixseil einrichten oder diesen letzten exponierten teil weglassen. . t4 und herrliche aussicht auf berner alpen und die gsür wand.

  • Lukas sagt:

    Habe keine Kinder, kann daher nur allgemein als Berggänger reden. Richtige Einschätzung der Fähigkeiten aller Beteiligten scheit mir auch hier das Zauberwort. Wer die Tour und sich selber kennt, kann vermutlich auch einschätzen, ob es für die Kinder geht.
    Neulich kam mir im Abstieg vom Haggenspitz Richtung Grigelli ein Vater mit zwei Söhnen, ca. 9 und 11, am Seil, entgegen. Seine Frage: Gell, man kann auch auf die Haggenegg absteigen? Meine Antowrt: Von daher kommen wir, aber für den Abstieg nicht zu empfehlen. Seine Replik: Ah, dann seilen wir dort ab.
    Kannte die Route nicht, hatte das nötige Material nicht => Gefahr für Kinder.

  • Ein Zahlvater sagt:

    Heute stellt sich die Frage anders:
    „Wie würde die KESB entscheiden?“
    „Würde sie der (immer, und immer menschenrechtswidrig allein) sorgeberechtigten Mutter erlauben, in Zukunft jegliche Besuchsrechte zu verweigern?“

  • Markus A. sagt:

    Ich mache mit meinem 9-jährigen Sohn ebenfalls Wanderungen. Aber nie mehr als T2 mit wenig T3 Stellen auf rot-weiss markierten Bergwanderwegen. Aus meiner Sicht ist es fahrlässig mit einem Kind ungesichert durch die eine oder andere Passage Ihrer Bilder durchzugehen. Finde es aber im Grundsatz super dass Sie das machen mit Ihren Kids.

  • Markus Stüdeli sagt:

    Wanderungen wie diese sind eine gute Gegendosis zu unserer mehr und mehr sicherheitsparanoiden Gesellschaft, wenn es um Kinder geht. Diese lernen sehr schnell, Gefahren zu erkennen, und sie zu vermeiden wenn man sie behutsam darauf vorbereitet. Hab gerade 2 Wochen Radtour in Marokko hinter mir – mit 4 Kindern zwischen 6 und 12.

  • Ashiro Moto sagt:

    Gratuliere!! Übung macht den Meister, egal wie alt die Kinder sind.

  • Peter sagt:

    Zum Thema Wandern habe ich nur eine Erfahrung. Der Papa mit den langen Beinen vorne gibt den Takt an und ich ganz hinten komme kaum mit weil eben nur ein Kind. Das Resultat? Bis heute hasse ich Wandern wenn es mehr als ca 5 km sind. Generell sollten Eltern nicht einfach den Takt angeben sondern auf die Kinder schauen.

  • Nik sagt:

    Als Kind habe ich das „Gsür-Wägli“ oft gemacht. Damals war der Weg noch weiss-rot-weiss markiert, also als normaler Bergweg. Weiss-blau-weiss finde ich aber angemessen: Man muss sich auf diesem Weg schon konzentrieren. Wenn die Kinder dies können und sich das Wandern gewohnt sind, ist der Weg ein echter Höhepunkt!

  • Mina Peter sagt:

    Ich würde mir ewig Vorwürfe machen, wenn was passiert. Wenigstens anseilen.

  • Seb Tra sagt:

    Wir waren letzten Samstag da und Kleinkinder gehören hier ans kurze Seil! keine Frage. Dann bei guter Witterung problemlos machbar.

  • Enrico sagt:

    Herr Kappeler
    Das machen Sie super !
    Da lehrten die Kinder mehr als in tausend Schulstunden………
    Ich war mit meinen Kindern in diesem Alter auch auf Bergwanderungen. Die einzelnen Situationen waren die Herausforderung. Da eine Bank bei der Leglerhütte und zwei Meter davor ein Abgrund, der tödlich ist. Dort ein Bergbach, der aber von glitschigem Gras umrandet ist . Einmal ausrutschen…..
    Halt die ganze Zeit die Augen für die Kinder offenhalten, und bei Bedarf zur Vorsicht mahnen oder gewisse Sachen verbieten.

  • Walter Simon sagt:

    Diese Route habe ich schon durchwandert. An einigen Stellen ist sie doch sehr eng. Also mit kleinen Kindern würde ich diese Strecke nie wagen.

  • Daniel Casper Freiherr von Lohenstein sagt:

    Hallo allerseits. Meine Erfahrung zeigt mir, dass unsre Kinder, 4+5, fitter sind als wir. Leistungslöcher stopft man mit Datteln, Bananen, Schokolade, Weggli. Sicherheit ist am wichtigsten. Auf allen gezeigten Bildern fehlt das wertige, leichte, flexible Seil, mit einem guten Karabiner am Becken-Brust-Gurt befestigt, auf Elternseite um den Bauch geschlungen. – Wichtig: bestes Sonnenöl! – Ziele setzen: berghoch gehen, dann die Seilbahn runter, Eis schleckend. Abwechslung ist wichtig. WalkieTalkies, Ferngläser, Probendöschen, eine Lupe, ein Fotoapparat, ein Kompass. Laaaangsam gehen: Erwachsenentempo anpassen bzw. Kinder am Anfang bremsen. Erreichen die Kinder was, stärkt’s das Selbstvertrauen. Daher: ehrlich loben! – Muss es alpin sein? Tip: Beichlen im Entlebuch. Wild genug.

  • Niklas Meier sagt:

    Bei derart kleinen Kindern würde ich sie einfach anseilen. Alles Andere ist grobfahrlässig. Egal wie „erfahren“ die mit ihren 7 und 10 Jahren schon sein mögen.

  • Peter Kobelt sagt:

    Sehe ich genau so! Erfahrung ist alles.

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