Die Kronjuwelen auf E-Bay

Diese Medaillen muss man sich hart verdienen – so wie die Autorin selbst. Bild: Pia Wertheimer

Niederträchtig. Despektierlich. Materialistisch. Ignorant. Das sind nur einige der Worte, die ich für diesen Mann fand – und es sind nur die anständigen. Der Deutsche aus der Nähe von Berlin hat wenige Tage nach dem Berlin-Marathon die Six-Star-Medaille auf Ebay zum Verkauf geboten – für lächerliche 10 Euro. Das ist nicht irgendein Plämpu, es sind die Kronjuwelen des Marathons. Umhängen darf sich diese Medaille, wer das Marathon-Sixpack voll gemacht hat und in Tokio, London, Boston, Berlin, Chicago und New York über die Ziellinie gelaufen ist. Weltweit haben sich bisher erst rund 3000 Läufer diese Auszeichnung verdient, in der Schweiz sind es rund 50 – darunter ich selbst. Mein unbändiger Ärger ob der Kleinanzeige hat verschiedene Gründe:

  1. Dieser Plämpu ist nicht käuflich. Punkt. Auch der reichste Mensch der Welt, kann nicht einfach sein Portemonnaie öffnen und ihn mit nach Hause nehmen. Er muss dafür in sechs Metropolen auf drei Kontinenten je 42,195 Kilometer laufen, also circa 253’200 Schritte rennen – ganz zu schweigen von den zahlreichen Trainingsstunden, die er zusätzlich aufwenden muss. Der Schweiss, die Strapazen, die Opfer – aber auch die Hochgefühle, die Erleichterung und die Leidenschaft machen dieses grosse Stück Metall zu einem Kronjuwel. Nur deshalb ist die Medaille so wertvoll.
  2. Ein regelrechter Schlag ins Gesicht eines jeden Six-Star-Finishers sind die vom Deutschen verlangten 10 Euro. Ein Witz! Wollte man tatsächlich den materiellen Wert des Plämpu beziffern, gehört der finanzielle Aufwand in die Rechnung, den die Six-Star-Finisher für die Reisen und die Startgelder leisteten. Unter dem Strich ist das eine fünfstellige Summe.
  3. Dass der Verkäufer auf Anfrage auch noch einen Mengenrabatt anbietet, macht die Sache nur noch schlimmer.
  4. Der Mann hatte sich offensichtlich nicht einmal die Mühe genommen, zu recherchieren, was er sich – wie auch immer – angeeignet hatte. Er verkaufte nämlich «Medaillen vom Berlin Marathon, darauf zu sehen alle sechs grossen Marathon Orte».
  5. Ein Blick auf andere Kleinanzeigen zeigt, dass oft schon am Tag eines Marathons auf den Verkaufsplattformen die jeweiligen Finishermedaillen angeboten werden. Weil es sich jeweils um nur eine Medaille handelt, liegt der Schluss nahe, dass in diesen Fällen die Verkäufer immerhin selbst gelaufen sind. Was bei dem Deutschen offensichtlich nicht der Fall war. So oder so, verkaufen ist unsportlich und gehört sich nicht – dann lieber ins Altmetall damit.
  6. Und zuletzt: Wer kauft diese Auszeichnungen und wozu? Sich mit einem fremden Six-Star-Plämpu zu schmücken, ist noch niederträchtiger, als ihn für 10 Euro zu verkaufen.

PS 1: Die Anzeige wurde vom Netz genommen, nachdem die Veranstalter der World Marathon Majors mit dem Deutschen Kontakt aufgenommen haben. Offenbar wurden die Medaillen entwendet, von wem, ist noch unklar.

PS 2: Es ist nicht das erste Mal, dass gestohlene und versteigerte Medaillen für Empörung sorgen. 2015 tauchten nach dem Marathon in New York 17 davon auf Ebay auf. Sie wurden zu einem Preis von 90 Dollar angeboten. Pietätslos zeigte sich ein Ebay-Nutzer nach dem Marathon von Boston im Jahr 2013. Nach dem Bombenanschlag im Zielbereich nutzte er wohl den Tumult, um zahlreiche Medaillen zu behändigen. Die Finisher-Auszeichnungen wurden für mehr als 1000 Dollar auf der Plattform versteigert.

19 Kommentare zu «Die Kronjuwelen auf E-Bay»

  • Tina sagt:

    Ich schliesse mich den vorherigen Kommentaren an, viel Aufregung um nix. Und jetzt, verkauft jemand Medaillen, Medaillen, die so leid es mir tut jeder kriegen kann, der sich die Teilnahme/Reise leisten kann und einigermassen vernünftig trainiert. Ein Marathon ist heute leider oder vielleicht zum Glück nicht mehr die Ausnahmeleistung die es früher war.
    Und zum Thema Teilnahme, es würde mich schon interessieren ob Frau Wertheimer sich für Boston mit der üblichen Qualifikationszeit qualifiziert hat, oder per Reiseveranstalter dahin gefahren sind, denn wenn letzteres, dann verstehe ich ihre Aufregung nun wirklich nicht…

  • speedy sagt:

    …marathon ist schon lange ueberholt, wer heute nicht mind. 100k rennt ist doch bloss einer von millionen…
    und wen interessieren da paar auszeichnung – egal wovon…

  • Rolf Rothacher sagt:

    Es gibt Menschen, die rennen einer Flagge nach, um sich gut zu fühlen. Und es gibt Menschen, die rennen einem heiligen Buch nach, um sich noch besser zu fühlen. Und es gibt Menschen, die verschwenden ihre Lebenszeit damit, nach Medaillen zu rennen und fühlen sich als die Allerbesten. Bekloppt sind aber alle diese Menschen und mit Sicherheit weit mehr, als einer, der wertlosen Plunder mit höchstens sentimentalem Wert auf eBay verhöckert.

  • Peter sagt:

    Frau Wertheimer, Sie übersehen da einiges. Steht auf dem Plämppu, dass man ihn nicht weiterverhökern kann? Wenn nicht, dann handelt es sich um ein ganz normales Geschäft, denn heutzutage kann man alles kaufen, von Kriegsorden bis lebenden Organen, sofern man den richtigen Preis hinblättert, 10 Euro oder was auch immer. Im weiteren sollte Ihre Leistung nicht von dem Dingsbums abhängig sein. Bestenfalls können Sie spotten was für ein Einfaltspinsel der andere ist, dass er die Medallie kriegt und dann so billig weiterverhökert. Offensichtlich hat er die Medallie jedoch gleich im Multipack „gekriegt“ also ist sowieso was faul daran, weshalb sonst wäre die Auktion gelöscht worden. Also wozu soviel Aufregung. SIE wissen was SIE geleistet haben, und das ist alles, das zählen sollte für Sie.

  • Leichtathlet sagt:

    Mir kommt der Verdacht, dass einem das nur stören kann, wenn man es braucht um damit anzugeben. Wenn ich mir einen Kranz verdient habe, dann war es ganz einfach für mich und ich habe mich darüber gefreut. Es ist eine emotionale Bindung und eine Erinnerung. Ob jemand anders einen gekauft hat ist mir eigentlich Wurscht. Ich freue mich über meine Leistung, darüber was ich erreicht habe und nicht darüber, dass ich etwas habe, was andere nicht haben (die haben nämlich sicher auch etwas, was ich nicht habe).

  • Luigi Rotta sagt:

    Die Erben schmeissen das eh alles auf den Müll.

    Sorry für die harten Worte, aber das ist ja nur materielles Gut. Es gibt viele Menschen, die haben mehr geleistet als „ein paar Marathons“ und lechzen nicht nach Medaillen und Diplomen.

  • jan sagt:

    Ein Marathon laufen ist schon eine Leistung, aber mit dem entsprechenden Training eigentlich für so Manchen gut erreichbar. Wenn man dann noch genug Kohle hat, kann man sich dann auch so eine six star Medaille erlaufen. Da wäre ich jetzt nicht wirklich so Stoltz darauf. So gesehen ist es ziemlich egal, ob man das Ding ersteigert oder erläuft. Ausserdem gibt es durchaus härtere Marathonläufe als die Six- Stars.

  • ichEinfachUnverbesserlich sagt:

    Was die bisherigen Kommentatoren dabei vergessen…Die Leistung, welche die rechtmäßigen Besitzer dieser Medaillen erbracht haben. 6 x Marathon, 6 x Vorbereitung, 6 x Leistung auf den Punkt… mit allen Strapazen und Entbehrungen, die damit verbunden sind. Okay, hat sich natürlich jeder dieser Besitzer selbst ausgesucht und dennoch hat eine solche Leistung Respekt verdient! Ein Ärgernis, welches wohl auch nur Menschen verstehen, die selbst diese Medaille besitzen oder auch nur annähernde Leistungen erbracht haben…

  • Sportsmann sagt:

    Hätte da noch ein paar im Keller rumliegen (u.a. Ironman Hawaii). Falls jemand Interesse hat..

  • Christoph Bögli sagt:

    Da würde ich doch ganz entspannt sagen: Who cares? Sind Sie etwa die ganzen Rennen für irgendeinen „Plämpu“ gelaufen bzw. um mit diesem vor anderen anzugeben? Nein? Eben, was spielts dann für eine Rolle. Die tatsächliche Leistung kann man sich ja so nicht kaufen (die kauft man sich wenn schon eher über saftige Preise für Startgebühren, Flugtickets und Hotels..), und wenn irgendein armer Tropf es trotzdem auf diese Weise versucht, dann ist das eher komisch als tragisch.

    Die Frage die sich mir eher stellt: wer betreibt bitte den Aufwand, sowas für 10 Euro zu verkaufen? Allein Versand und Gebühren fressen da doch jeglichen Profit. Und das dann noch mit dem Risiko, sich der Hehlerei schuldig zu machen..

    • Gerhard Engler sagt:

      Genau! Who cares? Mich stört es nicht, wenn jemand Medaillen von irgendwelchen Veranstaltungen verkauft oder verschenkt. Im Gegenteil: Wenn man die Medaillen so erhalten kann, dann muss niemand mehr um die Welt jetten für solche Klunker. Das tut der Umwelt gut.

      • maettu sagt:

        Puuh, da haben Sie aber Glück! Mein Beitrag wurde nicht veröffentlicht, habe auch die Umwelt angesprochen, kommt nicht gut an bei der Frau Wertheimer (braucht viel Lob für Ihre „Taten“)!

  • Walter Boshalter sagt:

    Ich oute mich gerne, ich bin da despektierlicher Geschäftsmann und finde das Gebaren des Berliners unter aller Sau. 10€?!? Viel zu wenig. Als Teenager heuerte ich an einem eidg. Schützenfest an und bekam den Posten bei der Ausgabe der Kränze fürs Eröffnungsschiessen. Nach den ersten zwei Tagen war am Stand tote Hose und die Kiste noch voller Blech. Aber es tauchten – mir völlig unverständlich – immer wieder genug hoffnungslose Schützen auf, die gierig auf die Teile schielten. Und so kam es, dass ich etwa acht Stück für je 50.- sFr. rüberwachsen liess. Kein schlechter Bonus für ein Teen in den 80ern.

    • loulou55 sagt:

      Ebay sind doch Auktionen, da explodiert der Preis Sekunden vor Ablauf.
      Da würde sicher jemand ein paar Tausender bieten.
      Der Berliner ist also ganz auf ihrem Niveau.

  • U. Knecht sagt:

    Wieso kriegen eigentlich nur die Sieger die Medaillen und nicht auch die Verwandten und übrigen Unterstützer ? Denke, dass diese mehr Aufwand erbringen als die Läufer selbst.

  • Daniela sagt:

    Das ist nun wirklich nicht der Rede wert ! (Geschrieben von einer Marathon Läuferin)

  • Stepi sagt:

    Phuu, das sind aber mal noch Probleme…..

  • loulou55 sagt:

    Luxusprobleme einer Luxusgesellschaft. Who cares..!
    Es soll ja sogar Menschen geben, die ihre Kinder verkaufen oder wenigstens deren gesunde Organe.
    Das sind dann meistens Probleme der Ärmsten auf diesem Planeten, da kann man noch eher Verständnis aufbringen dafür.
    Welcome to the real life, abseits der abgesperrten Laufstrecke. Ach…? Sie wussten gar nicht, dass es das gibt…?

  • ich sagt:

    Gute Frau Wertheimer, sie nehmen sich für meinen Geschmack etwas zu wichtig oder hatten einfach kein anderes Thema gefunden? Und dann ist‘s auch noch ein Deutscher der sowas tut, wenn der Artikel sonst wenig her gibt dann bringt ja vielleicht der Lieblingsfeind der Bünzlis ein paar likes…

Kommentar

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